Stand: 24.09.2020 21:47 Uhr

Bischofskonferenz und Missbrauch: Enttäuschung bei Betroffenen

Die katholischen Bischöfe Deutschlands haben ihre Herbst-Vollversammlung in Fulda beendet. Drei Tage lang hatten 69 Mitglieder der Bischofskonferenz unter Leitung des Vorsitzenden Georg Bätzing beraten - unter anderem über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das kirchliche Leben, den weiteren Fortgang des Synodalen Weges sowie Aufklärung und Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Kleriker. Florian Breitmeier, Leiter der NDR Redaktion Religion und Gesellschaft, hat das Geschehen in Fulda verfolgt.

Herr Breitmeier, die beherrschende Frage war der Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche. Hierzu - so hatte es Georg Bätzing angekündigt - sollten klare Entscheidungen getroffen werden. Ist das gelungen?

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier leitet die Redaktion Religion und Gesellschaft im NDR.

Florian Breitmeier: Es ist zumindest ein verbindlicher Rahmen beschlossen worden: Ab dem 1. Januar 2021 können Betroffene sexualisierter Gewalt Anträge stellen, um eine finanzielle Leistung für ihr erlittenes Leid zu erhalten. Es gibt einen einheitlichen Rahmen, der in allen 27 deutschen Bistümern gelten soll, und eine verbindliche Ordnung. Es soll ein zentrales und unabhängiges Gremium geben, das über die Anträge von Betroffenen entscheiden soll und das die Zahlungen veranlasst. Die Bistümer können dann nicht mehr dagegen votieren. Es soll Zahlungen geben können bis zu einer Höhe von 50.000 Euro - das ist im oberen Bereich dessen, was bei gängigen Schmerzensgeldtabellen oder entsprechenden Gerichtsverfahren in Deutschland möglich ist. Aber es ist eine Zahl, die die Betroffenen nicht zufriedenstellen wird.

Gibt es denn schon Reaktionen von Betroffenenvertretern?

Breitmeier: Es gibt Enttäuschung, weil auch eine sechsstellige Zahl im Raum stand. Es gab vor einem Jahr auch schon ein unabhängiges Gremium von Wissenschaftlern - auch Betroffene haben dort mitgearbeitet, auch Stephan Ackermann, der für das Missbrauchsthema in der Deutschen Bischofskonferenz zuständige Bischof. Und die hatten zwei Modelle vorgeschlagen: Das eine war eine Pauschalzahlung in Höhe von 300.000 Euro oder ein Stufenmodell zwischen 40.000 und 400.000 Euro für die Betroffenen - also deutlich höhere Summen. Das liegt daran, dass diese Modelle stärker den Aspekt einer Entschädigung berücksichtigt haben. Sie rücken also nicht nur die Tat an sich in den Fokus, sondern berücksichtigen auch die Folgeschäden, die bei Betroffenen sexualisierter Gewalt auch auftreten können. Es ist ja nicht nur die Tat an sich, sondern es gibt in der Folge Krankheiten und Phobien, die entstehen können, Menschen, die nicht mehr in Beziehungen leben können, die beruflich weit unter ihren Möglichkeiten bleiben und dafür eine Entschädigung verlangen. Das ist aber ein Modell, was die katholische Kirche in Fulda nicht beschlossen hat, sondern hier geht man an die Schmerzensgeldregelung heran und orientiert sich an der einen Tat. Deshalb kritisieren Betroffenenvertreter diesen Beschluss.

Das Missbrauchsthema wird gerade auch in Norddeutschland diskutiert. In der aktuellen "Zeit" wurde ein Interview mit dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße veröffentlicht. Demnach belastet ihn ein vom Kölner Erzbistum in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen. Was genau wird Heße vorgeworfen?

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Kreuz am Band liegt auf einem Holztisch © fotolia Foto: merydolla

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Breitmeier: Stefan Heße war vor seiner Zeit als Hamburger Erzbischof Personalchef im Erzbistum Köln, auch Generalvikar, also ein wichtiger Kirchenmanager, über dessen Schreibtisch auch viele Fälle von sexualisierter Gewalt liefen. Eine Münchener Anwaltskanzlei sollte im Auftrag des Erzbistums das Verhalten von Kirchenmitarbeitern begutachten, wie sie mit Missbrauchsfällen umgegangen sind. In dem "Zeit"-Interview wird aus einer Stellungnahme des Erzbistums Hamburg an die Anwaltskanzlei zitiert, woraus deutlich wird, dass die Anwaltskanzlei zu dem Urteil kommt, dass es erhebliche Mängel gegeben habe in der Sachbehandlung von Stefan Heße bei Missbauchsfällen, auch, dass er ein indifferentes Verhalten an den Tag gelegt habe. Stefan Heße wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Er sagt, dass diese Fälle nicht ausreichend dargestellt worden sind, er habe keine Schuld auf sich geladen. Eine Mitverantwortung, an einem System beteiligt gewesen zu sein, das auch Leid produziert habe, sieht er schon, aber er kritisiert den Stil dieses Gutachtens.

Neben der juristischen Frage, die nun zu klären ist, wann das eigentlich veröffentlicht wird - denn diese Studie ist auf Grund rechtlicher Fragen zurückgezogen worden -, ist die spannende Frage, wie in den deutschen Bistümern die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt verläuft. Werden da auch Betroffene mit eingebunden? Stellen sich Kleriker ihrer eigenen Verantwortung, die sie in Positionen gehabt haben, wenn sie über Missbrauchsfälle entschieden haben? Dieses Hin und Her in dieser Angelegenheit ist noch nicht ausgestanden.

Initiativen wie "Wir sind Kirche" oder die Bewegung "Maria 2.0" haben fortwährend dazu aufgerufen, mehr Mut und Reformbereitschaft zu zeigen. Wurden sie erhört? Wie weit her ist es mit dem Fortschrittsgeist der Bischöfe?

Breitmeier: Man hat die Demonstrationen der Frauen in Fulda begleitet, sie zur Kenntnis genommen und hat das Gespräch gesucht. Aber es sind jetzt keine Beschlüsse gefasst worden. Die katholischen Frauen wollen mehr Mitsprache in der Kirche, eine geschlechtergerechte Kirche, sie wollen die Weihe von Frauen, sie wollen taufen und verheiraten. Sie wollen bei Beerdigungen dabei sein und in der Kirche zu allen Gelegenheiten und Zeiten predigen. Das ist eine Diskussion, die erst durch den Reformprozess Synodaler Weg eröffnet wurde. Die Deutschen Bischöfe diskutieren darüber, aber sie merken bei allen Vorhaben auch, dass es deutliche Stoppschilder aus Rom gibt, die signalisieren, dass sie sich nicht zu sehr von der Linie der Weltkirche entfernen sollen. Lauft nicht Gefahr, hier einen deutschen Sonderweg zu gehen! Da können und wollen die Bischöfe nicht vorpreschen.

Es zeigt sich schon deutlich, welche Schwierigkeiten der neue Bischofskonferenz-Vorsitzende Georg Bätzing hat. Er muss auf der einen Seite die hohen Erwartungen der Laien und die Forderungen der Frauen wahrnehmen. Innerhalb der Bischofskonferenz gibt es auch unterschiedliche Positionen zwischen konservativen und progressiven Kräften. Und dann gibt es Rom, das kritisch auf diesen Fall der deutschen Kirche schaut und nicht möchte, dass sich da ein deutscher Sonderweg oder eine deutsche Nationalkirche bildet. Das ist ein sehr großes Spannungsfeld, das der neue Bischofskonferenz-Vorsitzende zu moderieren hat.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Bischofskonferenz und Missbrauch: Enttäuschung bei Betroffenen (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.09.2020 | 18:00 Uhr