Zwei Personen auf einem Schiff fotografieren die Rückkehr des Forschungsschiffs "Polarstern". © dpa-Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Arktis-Forschungsreise der "Polarstern": "Das gab es noch nie"

Stand: 12.10.2020 15:58 Uhr

Wie verändert sich das Klima? Unter anderem mit dieser Frage ist der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" vor über einem Jahr in die Arktis gestartet - jetzt ist er zurück.

Geplant, durchgeführt und organisiert wurde sie vom Alfred-Wegener-Institut. Hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von über 80 Forschungsinstituten in wechselnden Crews aus 20 Ländern waren daran beteiligt. Ein gigantisches, wissenschaftliches Projekt und das größte bislang in der Polarregion. Die Kosten: runde 140 Millionen Euro. Heute ist der Eisbrecher wieder in Bremerhaven eingelaufen. Antje Boetius ist Meeresbiologin, Professorin an der Bremer Universität und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts.

Frau Boetius, wie muss man sich das vorstellen: ein ganzes Jahr unterwegs, eingeschlossen im Eis. Wie hat sich das Schiff in der Arktis bewegt? Und wie überhaupt konnten die Forscher arbeiten?

Boetius: In der Arktis herrscht den Winter über absolute Dunkelheit. Das einzige Licht ist der Vollmond, wenn er sich zeigt, oder das künstliche Licht des Schiffs. Die Arktis ist ein Meer mit Meereis obendrauf. Da gibt es keine Wetterstation - gar nichts gibt es dort. Deshalb haben wir von der dortigen Winterzeit keine Daten. Das nun so hinzubekommen wie Fridtjof Nansen vor 125 Jahren mit seinem Holzschiff, aber vollgepackt mit den modernsten Messgeräten, Sensoren und Robotern, hat uns sehr genutzt. Alle Daten gleichzeitig genommen erfassen jetzt den Blick auf die sich so schnell verändernde Arktis und entlocken ihr ihre Geheimnisse. Hunderte von Messdaten liefen die ganze Zeit parallel und helfen uns nun bei unseren Klimamodellen und Vorhersagen, auch von Extremwetter. Das gab es noch nie und gibt es eigentlich auch für andere Regionen nicht so, wie wir das in der Arktis geschafft haben.

Ich kann mir vorstellen, dass man vor Beginn der Expedition mit vielen Widrigkeiten gerechnet hatte, nicht aber mit einer Pandemie wie Corona. Hat Corona die Forschung beeinflusst?

Antje Boetius, Direkorin des AWI © picture alliance/dpa Foto: Bernd von Jutrczenka
Antje Boetius ist Direkorin des Alfred-Wegener-Instituts

Der Norden hat schnell reagiert und die dünn besiedelten Gebiete wie Spitzbergen oder Nordgrönland zugemacht. Diese Regionen haben zum Teil nicht so eine Infrastruktur, wie wir sie kennen. Es gibt keine Krankenhäuser, Intensivstationen und Beatmungsgeräte. Spitzbergen war unsere Feldbasis für Flugzeuge und die haben niemanden mehr rein gelassen. Damit hatten wir keine Flughäfen mehr, um unsere Leute auszutauschen, und mussten sie um Verständnis bitten, dass wir ganz neue Pläne schmieden mussten. Wir konnten nur noch per Schiff dort oben ankommen - und das im Winter. Das hat er noch nie jemand geschafft.

So war dann ein Teil der Mission, im Winter die jeweils nördlichsten Menschen in der Arktis überhaupt gewesen zu sein. Das haben wir geschafft.  Außerdem konnten wir, weil das Meereis schon so dünn geworden ist, auch im Winter mit den Forschungsschiffen, die uns Russland gestellt hat, bis zur "Polarstern" vordringen. So haben wir unsere Teams ausgetauscht, wenn auch weniger häufig als geplant. Sie brauchten zudem sehr viel Geduld, weil sie Angst um ihre Familien zu Hause hatten. Wir hatten auch zum Teil heftige Diskussionen darüber, ob man jetzt abbrechen muss oder ob wir weiterforschen können.

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Das Forschungsschiff "Polarstern" ist bei Sonnenaufgang auf dem Wasser zu sehen. © dpa-Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

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Wir müssen auf unsere Erde schauen. Es hat zehn Jahre gedauert, die Mission zu organisieren und so schnell gibt es die auch nicht wieder. Das heißt, dass sie das einzige ist, was wir Menschen für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte haben, um zu wissen, wie die alte Arktis im Winter funktioniert hat. Corona hat uns erheblich reingefunkt. Aber das Eigenartige ist, dass die Polarforscher aus ihrem Umfeld gehört haben, wie schwierig es ist, sich in Deutschland hin und her zu bewegen. Sie können es gar nicht fassen, dass es schwieriger erscheint, als am Nordpol seine Forschung zu machen. Das ist doch wirklich verrückt, in welcher Zeit wir jetzt unterwegs sind und wie viel Mühe wir uns geben müssen, jetzt durch den Alltag zu kommen. Gleichzeitig dürfen wir den Blick auf diese fernen Regionen nicht verlieren.

Von den riesigen Datenmengen haben sie jetzt schon gesprochen. Die Ergebnisse, die können ja erst jetzt, nach dem Ende der Expedition auch ausgewertet werden. Was wird jetzt mit dieser Fülle von Daten gemacht?

Boetius: Jetzt, wo alles zusammen vorliegt, werden weiterhin Workshops unternommen - natürlich erstmal digital - und es werden Teams für die Themen Ozean, Atmosphäre, Eis, Leben und Chemie der Arktis aufgestellt. Diese werden ihre Aufgaben abarbeiten. Manche Ergebnisse liegen schon vor und werden derzeit veröffentlicht, z.B. über die Drift des Meereises, den Ursprung und die Veränderung des Eises. Auch einige Datensätze wie die der Temperatur und der Stürme, also das, was man direkt beobachtet hat und worauf alle Forscherinnen und Forscher zugreifen müssen, werden schnell veröffentlicht. Dazu kommt noch eine Großzahl an mühsamen Aufgaben. Das Schiff ist bis unter die Decke voll an Proben, die zur Aufarbeitung in die ganze Welt verteilt werden.

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Wir rechnen damit, dass wir jahrelang an "Mosaic" arbeiten. Die ganz große Aufgabe ist es, die Vorhersagemodelle für Klima- und Erdsystem deutlich zu verbessern und die polare Perspektive, die uns bisher fehlt, jetzt nochmal ganz stark einzubringen. Wir wollen gerne eine ehrgeizige Strategie mit ganz viel Kommunikation behalten. Es ist ein internationales Projekt und wir wollen zeigen, dass wir Wissenschaftler Hand in Hand über alle Nationen hinweg diese Daten aufarbeiten und bereitstellen, um Vorschläge zu machen, wie Klimawandel für uns betrachtet werden soll und was der Klimaschutz ist, den wir brauchen, um diese dramatische Veränderung der Polarregion wieder einzufangen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

 

Antje Boetius, Direkorin des AWI © picture alliance/dpa Foto: Bernd von Jutrczenka

AUDIO: Hand in Hand über alle Nationen hinweg für den Klimaschutz (8 Min)

 

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NDR Kultur | Journal | 12.10.2020 | 18:00 Uhr