Stand: 16.08.2019 16:20 Uhr

Anpfiff - Anstoß - Abseits

von Dietrich zur Nedden

Der Fußball ist auch in Deutschland längst nicht mehr nur ein sportliches Phänomen, sondern nicht zuletzt ein großes Geschäft - wenn auch nicht in gleichem Ausmaß wie in anderen europäischen Ligen, etwa in England oder Spanien. Dietrich zur Nedden mit einer kleinen Geschichte der Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs.

Das Milliardengeschäft Bundesliga

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In den Saisons von 2017 bis 2021 verdient die DFL insgesamt mehr als 4,5 Milliarden Euro an den nationalen Medienrechten.

Der Kopf ist rund, schrieb der französische Künstler Francis Picabia, damit unser Denken die Richtung wechseln kann. Auch der Fußball ist rund, lässt sich ergänzen, damit er die Richtung wechseln kann. Das nennt sich dann Kombinationsfußball. Doch das Milliardengeschäft Bundesliga weist seit vielen Jahren in eine einzige Richtung: nach oben.

Nun hat die neue Saison der 1. Bundesliga begonnen. Viele Millionen schauen sich die Partien im Bezahlfernsehen an, Hunderttausende Fans jubeln, leiden, singen, grölen in den Stadien unter den Augen von Videokameras, nachdem sie am Eingang abgetastet wurden. Die Stadien heißen überwiegend Arenen wie die Amphitheater in der römischen Antike, heute freilich oftmals verbunden mit dem Namen eines Sponsors.

Viel mehr als ein Stadionname kosten die nationalen Medienrechte. Der Posten ist die wichtigste Einnahmequelle. Derzeit verdient damit die Deutsche Fußball Liga - kurz DFL - in den Saisons von 2017 bis 2021 insgesamt mehr als 4,5 Milliarden Euro. Im Vergleich zum vorherigen Zyklus stieg die Summe um etwa 85 Prozent. Für die 36 Vereine beider Ligen kommen durchschnittlich knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes dabei heraus. Im nächsten Jahr wird die DFL die Medienrechte neu vergeben. Mit höherem Erlös, lässt sich prophezeien.

In der Saison 2017/18 machten die Vereine einen Umsatz von fast 4,5 Milliarden Euro, zum 14. Mal nacheinander eine Steigerung. Selbst beim kleinen SC Freiburg lag der Umsatz bei knapp über 100 Millionen Euro, was die Badener vor allem dem Erlös aus Spielertransfers zu verdanken haben. Borussia Dortmund gab allein für Spielerberater 40 Millionen Euro aus.

Legalisierung des Profi-Fußballs als logische Konsequenz

All diese Zahlen bedeuten stetige Vermehrung, Rekorde, Bestmarken: Wenn wir von Profi-Fußball reden, ist unweigerlich nicht nur von hochkochenden oder inszenierten Emotionen in allen Schattierungen die Rede, sondern ebenso von wachsender Kommerzialisierung. Oft mit moralischem Unterton.

Der Begriff ist jedoch unscharf, vage, missverständlich. Und das Phänomen der marktwirtschaftlichen Verwertung ganz und gar nicht neu. Schon im Jahr 1885, vor mehr als 130 Jahren, beschloss die Football Association in England die formelle Legalisierung des Profi-Fußballs. Allerdings treibt der Turbo-Kapitalismus Hand in Hand mit der digitalen Globalisierung samt den allgegenwärtigen sozialen Medien den wirtschaftlichen Faktor in seinerzeit ungeahnte Höhen.

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Moment, war das gerade ein Versprecher? Wir regen uns Jahr für Jahr über die Kommerzialisierung auf, und in England verdienten Fußballspieler Geld bereits Ende des 19. Jahrhunderts? Ja! Und diese Frage berührt die Mentalitätsgeschichte des Fußballs in Deutschland. Denn Deutschland tat sich schwer, das Fußballspielen als Beruf anzuerkennen. Sehr schwer.

In England, dem Mutterland des Fußballs, um diese Phrase nicht auszulassen, führte die 1863 gegründete Football Association gleich im Jahr 1885 eine Profiliga ein. Schottland legte wenig später nach. Auf dem europäischen Kontinent folgten im Laufe der 1920er-Jahre Österreich, die Tschechoslowakei, Ungarn, Italien und Spanien. In Südamerika zogen drei Länder Anfang der 1930er-Jahre nach: Argentinien, Uruguay und Brasilien. Angesichts der Begeisterung seitens der Konsumenten, sprich: angesichts der zunehmenden Zuschauerzahlen war der Schritt der Professionalisierung logisch, auch weil die Spieler an den Einnahmen teilhaben sollten oder dies verlangten.

Der deutsche Sonderweg

Warum also entfielen in der Bundesrepublik erst 1972 alle Obergrenzen der Gehaltszahlungen? Warum schlug der im Jahr 1900 gegründete Deutsche Fußballbund (DFB) einen "Sonderweg" ein, wie es die Sport-Historiker nennen?

Ein Junge schießt einen Fußball vor einem Haufen mit Geldscheinen (Bildmontage) © fotolia, phantermedia Foto: WavebreakmediaMicro

Eine Geschichte der Kommerzialisierung des Fußballs

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Fast 4,5 Milliarden Euro setzten die Klubs der 1. und 2. Bundesliga in der Saison 2017/18 um. Wie wirkt sich diese zunehmende Kommerzialisierung auf die Fußball-Kultur aus?

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Wir schauen zurück, mit Hilfe eines der renommiertesten Autoren in Sachen Fußballgeschichte, Dietrich Schulze-Marmeling: Tatsächlich hatte der DFB-Bundestag nach langem Hin und Her 1932 für die Legalisierung des Berufsfußballs gestimmt. Obwohl Felix Linnemann, damals dessen Präsident und später SS-Standartenführer, noch kurz zuvor verkündet hatte, der Professionalismus sei "ein untrügliches Zeichen des Niederganges eines Volkes", weshalb bereits Symptome, die auf einen "Übergangsprozeß (...) zum Berufssport" hinwiesen, "mit allen Kräften zu (...) bekämpfen" seien.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Im September 1933 erließ der DFB neue Amateurbestimmungen, die zum alten Statut zurückkehrten. Bei der Nationalmannschaft als Aushängeschild des Nazi-Staates sah es anders aus: Die Spieler wurden bei ihren Arbeitgebern freigestellt. Wie es auf der Internetseite des DFB heute heißt: "Also blieb es weiter bei einem verlogenen Scheinamateurismus", den der NS-Staat subventionierte. "Die politischen Sportführer wollten die Stars am Ball so oft wie möglich in Länderkämpfen als Demonstration nationaler Stärke präsentieren. Sport als Instrument der Propaganda."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 18.08.2019 | 19:05 Uhr

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