Stand: 26.06.2014 13:35 Uhr  | Archiv

Großstadtleben um 1900 in Hamburg und Altona

von Dirk Hempel, NDR.de

Um die Jahrhundertwende ist Altona mit seinen rund 200.000 Einwohnern eine der am dichtesten besiedelten Großstädte im Deutschen Reich. Vor allem die Arbeiterquartiere Ottensen, Bahrenfeld und Altona-Nord, die im Zuge der ungehemmten Industrialisierung stetig wachsen, sind übervölkert. Hier leben Zehntausende Menschen auf engstem Raum, wegen der hohen Mieten und des geringen Angebots häufig mehrere Familien in einer Wohnung. Oft nehmen sie dazu noch sogenannte Schlafgänger auf, ledige Männer, die nur ein Bett gemietet haben.

Elend im Gängeviertel

Gängeviertel der Hamburger Altstadt, Blick in den Hof Steinstraße 33, um 1910 © Geerd Dahms
In den Hamburger Gängevierteln - wie hier im Hof der Steinstraße 3 um 1910 - herrschen Not und Elend.

In den zwischen Industrieanlagen schnell hochgezogenen Mietskasernen vermischt sich der Modergeruch des Schimmels mit dem Qualm der nahen Fabrikschornsteine. Eine Toilette gibt es oft nur im Treppenhaus oder im kahlen Hinterhof. Die Kellerwohnungen sind feucht, die Dachbodenkammern unbeheizt. Lungentuberkulose ("Schwindsucht") wird eine typische Arbeiterkrankheit, an der Tausende sterben.

In Hamburg leben am Ende des 19. Jahrhunderts rund ein Drittel der Einwohner noch in den fast mittelalterlichen Gängevierteln am Hafen, unter katastrophalen hygienischen und sozialen Bedingungen. Hier herrscht Prostitution, ist Kleinkriminalität wie zum Beispiel Lebensmittel- und Kohlendiebstahl an der Tagesordnung. In den Elendsquartieren teilen sich Dutzende Bewohner eine Toilette, werden Unrat und Kot in die Fleete gekippt, die auch der ungefilterten Wasserentnahme dienen. Immer wieder erkranken vor allem Kinder an Scharlach, Diphterie, Keuchhusten und Masern, leiden an Mangelkrankheiten wie Rachitis. Krumme Beine sind ein gewohnter Anblick in den engen Twieten und Höfen.

VIDEO: Hamburg damals: Das Gängeviertel (4 Min)

Tödliche Epidemien brechen aus

Krankentransport während der Choleraepidemie 1892 in Hamburg. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Während der Cholera-Epidemie brachten Pferdewagen die Erkrankten auf Quarantäne-Stationen.

Hier bricht 1892 eine der schwersten Choleraepidemien des Jahrhunderts aus, mehr als 8.500 Menschen kommen zu Tode.  Erst allmählich wächst die Erkenntnis, dass diese Viertel abgerissen und die Menschen in andere, neue Wohngebiete umgesiedelt werden müssen. Nach Barmbek und Hammerbrook zum Beispiel, das allerdings bald "Jammerbrook" genannt wird. Denn auch hier wohnen die Arbeiter bald in drangvoller Enge, die grauen Mietskasernen stehen zwischen "Lagerplätzen, Fabriken, Eisenbahnanlagen, schmutzigen Kanälen und Pferdeställen", wie ein zeitgenössischer Bericht festhält.

Gartenreformer fordern "Luft, Sonne, Bewegung"

Gegen das soziale und hygienische Elend bildet sich eine Reformbewegung, die mit Plänen für Gartenstädte, Kleingärten und neue öffentliche Grünanlagen das gesunde Wohnen in die Großstadt holen will. "Luft, Sonne, Bewegung" sind deren Schlagworte. So entstehen in Hamburg mit dem Stadtpark, in Altona mit dem Volkspark und vielen anderen Städten vor und nach dem Ersten Weltkrieg große Volksparks, die mit weitläufigen Spiel- und Sportstätten, Badeseen, Bühnen und  Restaurants der Erholung und Unterhaltung breiter Schichten dienen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 14.11.2015 | 19:30 Uhr

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