Stand: 27.08.2016 15:10 Uhr  | Archiv

K.o.-Tropfen - Die Gefahr im Nachtleben

von David Römhild

"Ich weiß noch, dass ich mein Bier ausgetrunken und mich dann ein bisschen komisch gefühlt habe", erzählt Laura*. An den Weg zum Ausgang erinnert sie sich nur noch vage. "Sonst ist alles weg", erzählt die 29-jährige Niedersächsin über die Nacht, in der sie mit Freunden feiern war und plötzlich in der Diskothek zusammengebrochen ist. Ihr Getränk hatte sie nur einen kurzen Moment aus den Augen gelassen.

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Hilflosigkeit bis hin zum Blackout und ein kompletter Gedächtnisverlust, das sind die klassischen Symptome einer Vergiftung mit K.o.-Tropfen. "Knock-Out-Tropfen sind im Prinzip nicht eine einzelne Substanz, sondern man versteht darunter eine ganze Gruppe von Schlaf- oder Narkosemitteln, die, wenn sie missbräuchlich angewendet werden, zum Beispiel heimlich und überdosiert, Betroffene in einen hilflosen Zustand versetzen", erklärt Professor Andreas Weyland, Direktor des Universitätsklinikums für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Oldenburg.

Zu den am häufigsten missbrauchten Mitteln zählt Gamma-Hydroxy-Buttersäure, kurz GHB. Wenn die Substanz als Medikament eingesetzt wird, verursache sie Schläfrigkeit, sie wurde früher als Schlaf-und Narkosemittel eingesetzt, so Weyland.

Regelmäßig Opfer mit gefährlicher Überdosis

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Meistens werden Frauen heimlich K.o.-Tropfen in den Drink gekippt. Opferhilfe-Vereine wie der Weiße Ring können im Nachhinein helfen.

Etwa ein Mal im Monat werden in Oldenburg Patienten in der Notaufnahme betreut, die unter dem Einfluss einer der als K.o.-Tropfen bezeichneten Substanzen stehen. "Auf der Intensivstation sehen wir solche Fälle aber glücklicherweise seltener", sagt Weyland. Eine Überdosis kann lebensgefährlich sein: Der Unterschied zwischen einer wirksamen und einer toxischen Dosis sei nur sehr gering, so der Arzt. Die doppelte Dosis könne einen Patienten schon in ein Koma mit entsprechenden Atem- oder Kreislaufstörungen versetzen.

Einfacher Zugang im Internet

Den illegalen Zugang zu den Substanzen könne man nur schwer kontrollieren. "Aber bei GHB gibt es eine Besonderheit", erklärt Weyland: "Es gibt eine Substanz, die als Lösungsmittel sogar über das Internet frei verkäuflich ist, auf die man nicht verzichten kann, und die man auch nicht verbieten kann." Im Körper wird diese Substanz dann zu GHB umgebaut. "Das heißt, man kann also auch mit anderen Substanzen als GHB die gleiche Wirkung erzielen."

Hohe Dunkelziffer

Die Opferschutz-Organisation Weißer Ring vermutet eine hohe Dunkelziffer bei Delikten in Verbindung mit K.o.-Tropfen. Viele Opfer würden sich nicht an die Polizei wenden. Grund dafür seien neben dem Kontrollverlust vor allem die Erinnerungslücken, die durch Substanzen wie GHB ausgelöst werden. "Manche Opfer wissen gar nicht, dass Straftaten geschehen sind", so Petra Klein vom Weißen Ring. Der Polizeidirektion Oldenburg liegen keine konkreten Zahlen vor. Die Kriminalstatistik erfasst nur die Straftaten, die begangen wurden, während das Opfer unter dem Einfluss von K.o.-Tropfen stand, wie Sexualdelikte oder Raub.  Nicht aber die Verabreichung der Mittel selbst.

Enges Zeitfenster für Beweismittelaufnahme

Auch auf Landesebene werden keine Daten dazu erhoben. Oft ist es auch bereits zu spät, wenn das Opfer sich an die Polizei wendet. "Der Nachweis als Beweismittel ist nicht ganz einfach", so der Sprecher des Landeskriminalamtes Niedersachsen, Frank Federau. Die meisten Mittel lassen sich nur kurze Zeit im Blut oder Urin nachweisen. So wird zum Beispiel GHB in nur wenigen Stunden im Körper abgebaut. "Man hat im Blut nur ein Zeitfenster von drei bis maximal sechs Stunden, bis die Substanz nicht mehr nachzuweisen ist, und im Urin vielleicht sechs, maximal zwölf Stunden", erklärt Professor Andreas Weyland. Vor Gericht wirksame Beweise lassen sich nur innerhalb dieses Zeitfensters sichern.

Schnelle Hilfe

Die meist weiblichen Opfer sollten sich deshalb schnell Hilfe holen, so Petra Klein: "Das Beste ist, sofort einen Arzt aufzusuchen, um mögliche K.o.-Tropfen nachweisen zu lassen." Zu oft zögerten die Opfer, sich Hilfe zu holen. Auch Scham spiele dabei eine Rolle. In der Regel seien die Frauen betroffener durch das, was eigentlich durch diese K.o.-Tropfen mit ihnen passiert ist: "Nämlich ein Sexualdelikt, und das macht noch viel Schlimmeres mit einem Menschen", so Klein.

Hilfe auch über das Opfertelefon

Bei der Spurensicherung und auch dabei, das Erlebte zu verarbeiten, könne die Organisation helfen. Über das Opfertelefon (bundesweit: 116 006) oder die Website des Weißen Rings können Betroffene sofort kostenlose Unterstützung bekommen.  Denn die Opfer würden das Gefühl des Kontrollverlusts nur schwer wieder los: "Man fühlt sich ziemlich ekelhaft. Es ist widerlich, dass so etwas gemacht wird. Das war einfach schrecklich", sagt Laura.

* Name von der Redaktion geändert.

 

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.08.2016 | 19:30 Uhr

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