Stand: 26.06.2020 17:58 Uhr

CD der Woche: Sokolov spielt Beethoven, Brahms und Mozart

Beethoven/Brahms/Mozart
von Grigory Sokolov
Vorgestellt von Marcus Stäbler

Was andere für richtig und wichtig halten, interessiert ihn nicht. Interviews meidet er ebenso konsequent wie Auftritte mit Orchester oder den Gang ins Studio. Grigory Sokolov, der Anti-Star unter den Tastenstars, geht am liebsten nur mit Soloabenden an die Öffentlichkeit. Manche davon darf die Deutsche Grammophon mitschneiden. So ist auch das aktuelle Doppelalbum des russischen Pianisten entstanden, mit von ihm selbst handverlesenen Konzertaufnahmen aus dem vergangenen Jahr.

Der russische Pianist Grigory Sokolov sitzt vor einem Flügel und blickt in die Kamera. © dpa Foto: Horst Ossinger
Der russische Pianist Grigory Sokolov meidet Interviews und Auftritte mit Orchestern.

Eine frühe Sonate und Bagatellen von Ludwig van Beethoven, dazu späte Klavierstücke von Johannes Brahms. Auch auf seinem neuen Album meidet Grigory Sokolov populäre Werke und virtuosen Glitzer. Er vertraut ganz auf den inneren Reichtum der Musik, auf die Spannung des Moments und pianistische Sorgfalt. Jede der kurzen Bagatellen von Beethoven beleuchtet Sokolov wie einen musikalischen Edelstein, mit einer Fülle an subtilen Klangschattierungen. Und im langsamen Satz aus der C-Dur-Sonate lässt er den Flügel singen.

Daniel Barenboim: "Der derzeit beste Pianist von allen"

Mit wenigen Tönen viel Atmosphäre zu erzeugen: das beherrscht der Tastentüftler wie kaum ein anderer. Kein Wunder, dass Daniel Barenboim seinen Kollegen Sokolov neidlos den "derzeit besten Pianisten von allen" nennt. Jede Linie, jede Phrase ist sorgsam durchgeformt, jede kleine Dehnung im Tempo präzise choreografiert. Und trotzdem entsteht die Interpretation im Augenblick des Konzerts, sie wirkt spontan und auch wuchtig, wenn es die Musik fordert - wie bei den gemeißelten Bassklängen, mit denen Beethoven die idyllische Stimmung im langsamen Satz unterbricht und die Hörer schockiert.

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Dass das Bassregister hier vielleicht nicht ganz so voluminös klingt, wie bei einer Studioproduktion, ist einer der ganz wenigen Nachteile der Konzertaufnahme. Die Freiheit, die Grigory Sokolov für sich aus der extrem gründlichen Auseinandersetzung mit den Werken gewinnt, offenbart sich auch bei den Klavierstücken von Brahms. Sokolov betont die schwermütigen und fast schon impressionistischen Momente der Musik, belebt seine Interpretationen dabei aber mit einem perfekt balancierten Mix aus Vorandrängen und Innehalten, wie im Intermezzo in A-Dur.

Doppelalbum mit einer Füllle von Zugaben

Nach Ende des regulären Programms beschließt der Pianist seine Soloabende oft mit einer Fülle an Zugaben. Auch das ist auf dem Doppelalbum zu erleben, mit einer bunten Mischung aus sieben Stücken, von Schuberts As-Dur-Impromptu bis zu zwei Ausflügen in die Barockzeit, zu Jean-Philippe Rameau. In dessen "Rappel des oiseaux" - "Erinnerung der Vögel" - demonstriert Sokolov noch einmal, wie filigran sich seine flinken Finger auch nach zwei Stunden Dauereinsatz noch über die Tasten bewegen und die eigentümlichen Zwitschermotive entknoten.

Mit Klarheit, Witz und Präzision macht Grigory Sokolv auch diese eigentlich für Cembalo gedachte Musik am Flügel zum Ereignis. Auf einem Album, das Konzertaufnahmen von einem der herausragenden Interpreten unserer Zeit vereint. Als Bonus enthält das Doppelalbum noch eine Live-DVD, mit einer Konzertaufnahme aus Turin. Da spielt er auch Mozart, der im Titel des Albums neben Beethoven und Brahms genannt ist.

Beethoven/Brahms/Mozart

Label:
Deutsche Grammophon

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 28.06.2020 | 15:20 Uhr

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