Stand: 23.03.2020 19:12 Uhr

Lichtblick des Tages: Per Sticker zur Nachbarschaftshilfe

von Linda Ebener

Das Coronavirus hat unser Leben fest im Griff. Doch aus der Not entstehen derzeit auch Hilfsprojekte und Aktionen, die ältere Menschen und Kranke unterstützen. In Stockelsdorf im Kreis Ostholstein hat die Bürgermeisterin eine besondere Hilfsaktion auf die Beine gestellt - und die beginnt mit einem Aufkleber.

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Einwohner, die während der Coronakrise auf Hilfe angewiesen sind, können ihre Briefkästen mit einem Aufkleber versehen.

Ein ganzes Wochenende hat Bürgermeisterin Julia Samtleben gegrübelt und nachgedacht, wie sie zusammen mit ihrer Gemeinde, vor allem den über 60-jährigen, Kranken und Familien, die in Quarantäne sind, helfen kann. Schließlich sollen sie alle weiterhin mit den nötigen Lebensmitteln versorgt werden. Sonntag vor einer Woche kam Julia Samtleben dann eine Idee: Aufkleber mit der Aufschrift "Nachbarschaftshilfe gewünscht" sollen helfen. Wenn diese an Türen oder Briefkästen hängen, weiß jeder aus dem Ort: Da wird Hilfe benötigt. Das Problem ist, dass die Bürgermeisterin diese Idee nicht alleine umsetzen kann. Deshalb hat sie bei Verwaltungsmitarbeiter*innen und der Gemeinde Hilfe gesucht und auch sofort gefunden - an einem Sonntag. "Es war Wahnsinn - mein Mitarbeiter hat sich sofort auf den Weg gemacht und den ganzen Mittag über gearbeitet", berichtet Samtleben. "Ich habe das Schreiben entworfen, parallel dazu den Aufkleber in Auftrag gegeben, gegen drei Uhr dann jedoch realisiert, dass wir Hilfe benötigen. Kurz danach hatten wir gleich eine ganze Truppe da. Auch die Feuerwehr half beim Kuvertieren und Verteilen der Umschläge."

Umgehende Unterstützung der Aktion

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Zwei freiwillige Helfer verteilen die Briefumschläge mit den Aufklebern an die Einwohner Stockelsdorfs

In dem Umschlag befand sich noch ein Infobrief mit der Bitte, in dieser Coronakrise zu Hause zu bleiben und wenn nötig Hilfe aus der Gemeinde anzufordern. Insgesamt 25 freiwillige Helfer*innen haben zusammengearbeitet, um die Hilfsaktion schnellstmöglich in die Tat umzusetzen - mit Erfolg. 5.000 kleine Aufkleber wurden innerhalb weniger Stunden in einer örtlichen Druckerei produziert und verteilt. Einer der Helfer war Karsten Kammler, Platzwart der Großsportanlage in Stockelsdorf: "Frau Samtleben und ich hatten zeitgleich die Idee, etwas machen zu müssen. Ich saß morgens am Frühstückstisch und bastelte die Facebookseite. Kurze Zeit später erreichte mich über diese Seite der Hilferuf aus dem Rathaus. Ich bin sofort dort hin gekommen und habe geholfen, alles zu kuvertieren und die Aufkleber auszuteilen."

"Wir sind eine große Gruppe, die gerne helfen will"

In der Facebookgruppe "Stockelsdorfer Nachbarschaftshilfe" sind bisher über 100 Mitglieder, die alle ihre Hilfe anbieten, egal um was es geht. Die Resonanz ist durchweg positiv, sagt Kammler. Dabei ist es ganz egal, um welche Art der Hilfe es geht: Mit dem eigenen Auto beliefert er Hilfsbedürftige mit Einkäufen. Zahlreiche weitere Helfer und Helferinnen bieten ihre Dienste an und gehen beispielsweise mehrmals am Tag mit den Hunden ihrer Nachbarn spazieren.

Innerhalb eines Tages ist die Aktion auf die Beine gestellt worden. Bürgermeisterin Julia Samtleben konnte es gar nicht fassen, wie schnell das alles ging und wie viele Leute unmittelbar hinter ihr standen: "Der Zusammenhalt war wahnsinnig gut. Und selbst wenn nicht jeder den Aufkleber an die Tür klebt, glaube ich, dass man darüber sprechen wird und Menschen darüber nachdenken werden, wer Hilfe benötigen könnte. Ich glaube, das ist in den jetzigen Zeiten etwas Großartiges für den Zusammenhalt."

Stockelsdorfer Solidarität steckt weitere Gemeinden an

Die Aktion in Stockelsdorf kommt so gut an, dass Julia Samtleben schon einige Anfragen aus anderen Gemeinden bekommen hat, ob die Aktion kopiert werden darf. Mit Erfolg - denn die Hilfe für Ältere und Kranke verbreitet sich wie ein Schneeballeffekt. Nicht nur in Stockelsdorf gibt es Nachbarschaftshilfe, sondern auch in Pansdorf, in der Gemeinde Ratekau im Kreis Ostholstein. Dort wurde zum Beispiel die Aktion "Kicker-Care" ins Leben gerufen. Fußballer helfen zum Beispiel mit Einkäufen oder bei der Kinderbetreuung. Ihre Hilfe bieten sie unter anderem bei Facebook an.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 26.03.2020 | 06:20 Uhr