Stand: 30.03.2020 10:41 Uhr

Ahrenshoop: Ein Künstlerhaus in Krisenzeiten

von Lenore Lötsch

Ein Ort des kreativen Schaffens und der interdisziplinären Begegnungen - das ist das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. Doch auch hier hat sich durch die Corona-Krise einiges verändert.

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Ungewohnte Stille im Künstlerhaus: Nicht nur die Stipendiaten verlassen ihr temporäres Zuhause, auch die monatlich stattfindenden Atelierbesuche, Konzerte und Lesungen entfallen.

Das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop auf dem Darß zählt zu den ältesten Künstlerhäusern Deutschlands: 1894 wurde das Haus vom Maler Paul Müller-Kaempff für seine Malschülerinnen errichtet, damals hieß es "Sankt Lucas". Das "Heilige" hat es verloren, aber ein Haus für Künstler ist es noch immer. Aus ganz Deutschland und vielen Ländern Nordeuropas kommen bildende Künstler, Autoren, Komponisten und Tanzperformer sowie Kuratoren nach Ahrenshoop - eigentlich, denn im April dürfen die neuen sechs Stipendiaten nicht anreisen.

Schreiben als Ablenkung

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In Ahrenshoop wollte der junge Autor Mariusz Hoffmann eigentlich an seinem aktuellen Buchprojekt "Dorfköter" weiterarbeiten.

Da sitzt er in der Idylle: Der Autor Mariusz Hoffmann schaut sich um im Garten des Künstlerhauses Lukas und schüttelt den Kopf über die prallgelben Osterglocken und die Vögel, die mit ihrem Gesang anzukämpfen scheinen gegen die Stille auf den Ahrenshooper Bürgersteigen. Am 3. März ist er angereist, hat Pläne gemacht mit den anderen fünf März-Stipendiaten. Da war Corona eine Erzählung aus dem fernen Osten und Mariusz Hoffmann freute sich - heute sagt er mit erstaunlicher Naivität -  auf die Ruhe und die Möglichkeit sich seinem künstlerischen Projekt zu widmen. Sein Roman mit dem Arbeitstitel "Dorfköter" spielt in dem polnischen Ort "Zaleche", den er Anfang der 90er Jahre mit seiner Familie verließ.

In den letzten beiden Wochen ist sein Schreiben zu einem Fluchtpunkt geworden,  wenn der Drang zu groß war immer und immer die Nachrichtenseiten im Internet zu aktualisieren. "Von daher ist es auch schön, dieses literarische Projekt als eine Art Ablenkung zu haben. Das hat nichts mit dieser Welt zu tun, die Geschichte spielt vor 30 Jahren und deswegen lässt sich das abspalten von der aktuellen Krise." Eigentlich wollte er am Sonntag aus seinem Romanprojekt lesen, aber natürlich ist der Tag der offenen Tür abgesagt worden. Auch die Stipendiaten, die im April anreisen sollten, müssen zu Hause bleiben.

Für Besucher geschlossen

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Die junge Bremer Kuratorin Henrieke Neelen steht neben dem Ausstellungsstück "Die exklusive Zwangsjacke", das bedauerlicherweise erst eine Besucherin begutachten konnte.

Henrieke Neelen schließt die Tür zur ersten von ihr kuratierten großen Ausstellung auf. Mitte März ist sie im neuen Kunsthaus Ahrenshoop eröffnet worden, doch nach wenigen Tagen wurde das Projekt der vier Stipendiatinnen aus Dänemark, Schweden und Deutschland auch schon wieder geschlossen. Die Bremer Kuratorin bleibt vor einem überlangen schwarzen Kleid stehen, das von der Decke hängt. Der Titel des Kunstwerks der Dänin Kamilla Herskind lautet "Die exklusive Zwangsjacke". "Dadurch, dass die Ärmel 1,80 Meter lang und am Rücken zusammengeknotet sind, ist es nicht unbedingt tragbar und ähnelt auch optisch einer Zwangsjacke", erklärt Henrieke Neelen. Das Kunstwerk sei kein Kommentar zur Corona-Krise, auch wenn das die einzige Besucherin hineininterpretierte.

Ein kleines, in der Sonne schwebendes Haus aus Baumwollstoff ist das Lieblingsobjekt der jungen Kuratorin in der Ausstellung "Junge Kunst aus Nordeuropa". Wann die Ausstellung im Neuen Kunsthaus in Ahrenshoop wieder besichtigt werden kann, ist noch unklar. Henrieke Neelen, die eigentlich viele Besucherinnen und Besucher durch die Schau führen wollte, wird am Dienstag das Künstlerhaus Ahrenshoop verlassen und zurück nach Bremen reisen. "Die Vorstellung ist auch ein bisschen traurig, jetzt, wo ich zwei Monate in diesem Haus gewohnt habe. Es ist auch der Reiz da, zu bleiben, aber es geht natürlich nicht und irgendwo möchte ich auch zurück zu meinen lieben Menschen, mit denen ich dann in zwei Meter Abstand spazieren gehen kann."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.03.2020 | 19:00 Uhr