Eine Hand hält ein Smartphone, auf dem Wikipedia geöffnet ist. © imago images / Kirchner-Media Foto: imago images / Kirchner-Media

Der aberwitzige Schwarm deutschsprachiger Wiki-Projekte

Stand: 14.01.2021 14:22 Uhr

"Wikipedia wird 20" - das feiern wir mit einem Trip durch kuriose, schräge, weltverbessernde deutschsprachige Wiki-Projekte.

von Lenore Lötsch

Am 15. Januar 2001 wurde die freie Enzyklopädie gestartet, am 16. März dann die deutschsprachige Seite. Das Wort "Wiki" kommt aus dem Hawaiianischen und bedeutet "schnell". Und das ist das Prinzip: Eine Website, deren Inhalte von den Besuchern nicht nur gelesen, sondern auch schnell und direkt bearbeitet und geändert werden können. Es gibt aber eben nicht nur Wikipedia, sondern auch Spongepedia, Bibelpedia oder Moneypedia - Seitensammlungen über SpongeBob, die Bibel oder Papiergeld. Deren Spezialwissen ist sogar für die Internetenzyklopädie Wikipedia ein bisschen zu speziell. Ein Trip durch kuriose, schräge, weltverbessernde, deutschsprachige Wiki-Projekte.

Anarchismus ohne Adjektive: Anarchopedia tritt an, die Welt zu retten

Fangen wir mit der Weltrettung an, und zwar mittels "Phantasie, Lust und einem Maximum an Freiheit". "Anarchopedia - für Freundinnen und Freunde der Anarchie" ist wie das besetzte linke Haus in der Nachbarschaft: Prinzipiell ganz spannend, aber man schaudert ein bisschen bei der ersten Begegnung: Ziemlich viel Graffiti, ziemlich viele Schlagworte: Anarcho-Pazifismus, Anarcho-Syndikalismus, post-linker Anarchismus, Anarchismus ohne Adjektive. Und die Praxis kommt ein bisschen kurz. Aber immerhin, man ist sich des Problems bewusst: "Seit gut 150 Jahren stapfen sie nun schon durch die Weltgeschichte, die Anarchisten. Gehasst und gefürchtet, verfolgt und immer wieder geschlagen - erreicht haben sie bei alledem wenig."

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Die Startseite von Wikipedia durch eine Lupe betrachtet © picture alliance / AA Foto: Ali Balikci

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Auch das Portal "Utopien" auf der Anarchopedia ist ein bisschen dünn. Musik wird zwar zu den kreativen Weltverbesserungsmitteln gezählt und soll als "Aktionsform" die Anarcho-Revolution vom Rechner aus begleiten, aber die Kampfliederseite führt ins Nichts und die der anarchistischen Bands in ein vergangenes Jahrhundert. Musik Ton Steine Scherben So scheint die Anarchie nicht so ganz machbar. Und Anarchopedia, das nicht nur ein Lexikon sein will - natürlich eines ohne "verantwortlichen Wächter" -, sondern ein "Werkzeug mit Netzwerkcharakter", sucht irgendwie noch den Hammer oder vielleicht auch die geeigneten Handwerker.

Zwischen "Donk" und "Depp"

Die, laut eigener Angabe, 274.021-wichtigste Seite weltweit ist Donkpedia. "Donk" - also Esel - nennt man am Pokertisch einen Spieler, der seine Spielzüge nicht überdenkt und nur auf sein Glück vertraut. Donkpedia ist das größte Pokerlexikon der Welt und liefert die schnelle Erkenntnis, dass Pokerspieler schräge Typen sind mit eigenen Krankheitsbildern. Die "Hellmuthsche Krankheit" etwa bezeichnet die Unart, sich außerordentlich wichtig zu fühlen und schwächere, aus seiner Sicht nicht in der eigenen Liga spielende Konkurrenten herablassend zu behandeln. Der amerikanische Pokerspieler Phil Hellmuth hatte da offensichtlich per charakterlicher Grundausstattung ein herausragendes Blatt.

Und wo wir bei "Donk" sind, ist "Depp" nicht weit: Unter insult.wiki werden die fündig, die verbal immer nochmal ein bisschen nachrüsten wollen: 2082 Einträge hat die Liste des deutschen urheberrechtsfreien Schimpfwörterbuchs. Und viele, sehr viele davon beginnen mit "A". Die Regeln bei Isult.wiki sind jedoch streng: Beleidigt wird nur mit Nomen, Adjektive werden nicht akzeptiert und Regionalia auch nicht. "Oarsch" also gilt nicht und gendern darf man auch nicht. Wer die Liste erweitern will, muss einen Internetnachweis bringen für das von ihm vorgeschlagene Schimpfwort. Und fast wird einem ein bisschen warm ums Herz, wenn man zwischen den ganzen Obszönitäten so etwas entdeckt: "Alltagsdichter, Altkluger, Joghurtbecherspüler, Verfallsdatumleser, Zweitligist!" Haha, Zweitligist ein Schimpfwort? Wohl eher ein Sehnsuchtswort für Rostocker und Lübecker Fußballfans!

Viel Dung um nichts

Die Kalauerfraktion wird bestens bedient bei Kamelopedia: Ein 2004 gegründetes deutschsprachiges Wikiprojekt, bei dem mittlerweile 13.800 Artikel erschienen sind. Versprochen wird der Blick auf die Welt aus der Sicht von Kamelen. WWW heißt hier also "wirklich weite Wüste" und auch der Rest ist viel… Dung und wenig Satire. Zuverlässig, fleißig und humorlos - die deutschsprachigen Wikis wirken, als seien sie angetreten, ein für alle Mal auch im Netz das Handtuch korrekt auf dem Liegestuhl zu drapieren.

Aber zwischen "Madipedia", dem Nachschlagewerk für Mathematikdidaktik, und einem für Etikettenwissen findet sich doch noch die Internetseite, die dem Wahren, dem Schönen, dem Guten verpflichtet ist: Dem Wissen über Literatur und Film, Biografien und Musik, das für Wikipedia zu spezifisch ist. Das im Juli 2005 gegründete älteste deutschsprachige Online-Wiki der schönen Künste. Bei dem man beispielsweise erfährt, woher der reichste Mann der Welt seinen Namen hat: Dagobert der I. war ein König der Merowinger und später Namenspatron von Donald Ducks berühmtem Onkel. Und "Duckipedia" ist ein virtuelles Zuhause für alle Walt-Disney-Jünger. Donald Duck bitte übernehmen Sie: Lesen bildet!

Joa, und wenn das stimmt, dann klappt's vielleicht auch noch mit der Weltrettung!

 

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Eine Jux-Schießscheibe, die nach den Wünschen von Wolfgang Amadeus Mozart bemalt wurde. Beim Bölzlschießen, mit dem sich Mozart und seine Familie gern die Zeit vertrieben, wurde auf eine Scheibe gezielt, auf der oft scherzhafte und derbe Szenen abgebildet waren. © picture alliance/dpa/APA | Barbara Gindl

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.01.2021 | 16:20 Uhr

Eine Jux-Schießscheibe, die nach den Wünschen von Wolfgang Amadeus Mozart bemalt wurde. Beim Bölzlschießen, mit dem sich Mozart und seine Familie gern die Zeit vertrieben, wurde auf eine Scheibe gezielt, auf der oft scherzhafte und derbe Szenen abgebildet waren. © picture alliance/dpa/APA | Barbara Gindl

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