Testpflicht in Heimen: Warten auf Einlass - und die Soldaten

Stand: 29.01.2021 18:41 Uhr

Verwandtenbesuch im Pflegeheim ist zur Zeit kompliziert: Wer rein will, muss sich testen lassen - oft zu beschränkten Besuchszeiten. Für mehr fehlt Personal. Entlastung soll nun die Bundeswehr bringen.

von Daniel Kummetz und Christian Schepsmeier

Viele Menschen stehen in einer Reihe vor dem Eingang eines Altenheims. © NDR Foto: Christian Schepsmeier
Lange Schlangen am einzigen Besuchstag: So sah es am Donnerstag vor dem Domicil in Kiel aus.

Immer wieder donnerstags bilden sich lange Schlangen auf dem Bürgersteig vor dem Pflegeheim Domicil in Kiel. Am Nachmittag ist die Besuchszeit in dem 250-Plätze-Haus die einzige in der Woche. Wer dann seine dort lebenden Angehörigen oder Freunde sehen will, muss sich im Zweifel frei nehmen und extra Zeit einplanen. Denn rein kommt nur, wer einen aktuellen negativen Corona-Test vorzeigen kann oder sich vor Ort einem Schnelltest unterzieht. Bis zu 30 Meter lang reihen sich die Besucher auf in dieser Woche. Bis zu 30 Minuten müssen sie warten, bei Temperaturen um die 0 Grad.

Hier gelten diese strengen Einlass-Regeln seit November 2020, Pflicht sind sie seit dem 11. Januar in ganz Schleswig-Holstein. Und ab kommenden Montag (1.2.) müssen alle Einrichtungen auch vor Ort Testmöglichkeiten für Besucher anbieten. Das ist ein Problem für viele Heime. Denn das Testen der Besucher kostet Zeit. Und es bindet das eh schon meist nicht sehr üppig vorhandenen Pflegepersonal, das in der Pandemie noch mal mehr gefordert wird. Dazu kommt: Zuvor hat das Land eine Testpflicht für die Mitarbeiter erlassen. Sie müssen zwei Mal in der Woche getestet werden. Weil das Domicil in Kiel so groß ist, hat es sich drei Personal-Tests pro Woche verordnet. Das macht in Summe 2.600 Tests im Monat. Aber: Es fehlen die Mitarbeiter, um das alles so zu schaffen, dass es besucherfreundlich ist.

Besuchszeit: "Wahre Action" für das Heimpersonal

Die Leiterin des Kieler Pflegeheims Domicil, Yvonne Stock, steht mit Mundschutzmaske und in Schutzkleidung vor dem Eingang der Einrichtung © NDR Foto: NDR
Heimleiterin Yvonne Stock ist mit dem Angebot unzufrieden.

Einige Heime boten zwischenzeitlich Besuche gar nicht mehr an, wie eine Abfrage von NDR Schleswig-Holstein bei den Kreisen und kreisfreien Städten im Land zeigt. Viele reagierten mit stark begrenzten Besuchsmöglichkeiten - wie im Haus Domicil in Kiel. Nach der Wartezeit müssen die Besucher Formulare ausfüllen, Mitarbeiter des Heims messen die Körpertemperatur und nehmen einen Abstrich für den Schnelltest. Diese Woche 120 Mal. "Das heißt wahre Action für uns", sagt Heimleiterin Yvonne Stock. Sechs Mitarbeiter sind im Einsatz.

Fällt der Test negativ aus, dürfen die Besucher zu ihren Angehörigen - für etwas mehr als eine Stunde. "Unsere Bewohner sagen, ein Tag in der Woche ist zu wenig", berichtet sie. Doch für mehr Besuchszeit oder am Wochenende könne sie das Personal nicht aufbringen. "Wir sind an der Grenze angekommen." Und sie sagt auch: "Das ist eine unbefriedigende Situation für uns alle".

Entlastung für Heime seit 5. Januar angekündigt

Drei Frauen mit Mundschutz befinden sich in einem Altenheim vor einer Coronateststation. © NDR Foto: NDR
An der Entlastung der Heime beim Testen arbeitet die Politik seit Anfang Januar.

Die sollte eigentlich schon länger besser sein: Mitte Dezember hatten die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin entschieden, dass in Pflegeheimen in Gegenden mit hoher Inzidenz auch die Besucher getestet werden sollen. Am 5. Januar kündigten sie in ihrem Beschluss eine "Initiative von Bund und Ländern" an, die Freiwillige als Testhelfer in die Heime bringen sollte - unter Beteiligung von der Bundesagentur für Arbeit, der kommunalen Spitzenverbände und von Hilfsorganisationen. Zwei Wochen später beschlossen sie, als ersten Schritt doch Soldaten einzusetzen und erst dann die über die Bundesagentur für Arbeit gewonnenen Freiwilligen.

Fragt man bei den Beteiligten nach, hört man mehr oder weniger offen, dass die Zusammenarbeit so vieler Stellen und Verwaltungsebenen eine Zeit lang schwierig war. Der schleswig-holsteinische Landkreistag und der Städteverband beklagen, dass der Bund zunächst das Land nicht eingebunden habe und direkt den Kreisen Aufgaben zuweisen wollte. "Es gab einen sehr unkoordinierten und unabgestimmten Prozess", sagt Stephan Ott, Leiter des Krisenstabes im Kreis Rendsburg-Eckernförde. "Wir hatten einen sehr, sehr holprigen Weg bis zum tatsächlichen Einsatz der Bundeswehr."

180 Soldaten testen ab sofort in Pflegeheimen

Zwei Männer in Schutzkleidung machen einen Coronatest. © NDR Foto: NDR
Soldaten wurden diese Woche für den Einsatz vorbereitet - wie hier bei Schulungen des DRK in Lübeck.

Soldaten sind jetzt in den ersten Heimen. Sie sollen in ganz Schleswig-Holstein die Lage etwas besser machen für Bewohner, Besucher und Pfleger. Für eine Übergangszeit von drei Wochen hilft die Bundeswehr: In dieser Woche wurden in vier Orten etwa 180 Soldaten für den Test-Einsatz in schleswig-holsteinischen Pflegeheimen vom DRK geschult. Die ersten Abstriche nahmen die Soldaten schon am Mittwoch wegen der hohen Inzidenz im Kreis Pinneberg. Am Freitagnachmittag kamen auch die ersten zwei Soldaten in ein Kieler Heim.

200 Pflegeeinrichtungen haben bei einer Abfrage der Behörden Hilfsbedarf angemeldet. Laut dem koordinierenden Gesundheitsministerium entspricht der Personalbedarf 167 ganzen Stellen. Das DRK organisiert den Einsatz der Soldaten und legt die Routen fest. Kein einfacher Auftrag: Das DRK in Schleswig-Holstein erhielt den Auftrag zur Schulung der Soldaten und Koordination der Einsätze Ende letzter Woche. "Das war eine große Herausforderung", sagt Anette Langner, Vorstandssprecherin vom DRK Schleswig-Holstein.

Arbeitsagentur sucht seit Montag Freiwillige

Parallel sucht die Bundesagentur für Arbeit über eine Hotline (0800 45 55 532, Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr) und eine Internetseite seit Beginn dieser Woche nach Testhelfern - mit und ohne Vorerfahrung im medizinischen oder pflegerischen Bereich. Sie sollen nach der Bundeswehr die Testhilfe übernehmen. Die Bundesbehörde vermittelt Interessenten an die kommunalen Behörden vor Ort, die sie mit den Einrichtungen zusammenbringen. Auch sie erhalten einen Crashkurs vom DRK und sollen dann helfen. Die Bundesagentur empfiehlt einen Lohn von 20 Euro pro Stunde. "Jeder, der hilft, trägt einen wichtigen Teil zur Bekämpfung der Pandemie bei", wirbt Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP).

Aktuell gibt es Zweifel, ob es gelingt, auf diese Art und Weise ausreichend zivile Testhelfer zu gewinnen, um die Bundeswehr abzulösen. "Wir haben nach wenigen Tagen den Eindruck, dass der Ansturm auf diese Aufgabe noch nicht so groß ist. Aber das wird man abwarten müssen", meint DRK-Vorstandssprecherin Langner. "Wenn es nicht gelingen sollte, entsprechend Menschen zu finden, dann wäre der Wunsch der Einrichtungen, dass die Bundeswehr weiter unterstützt."

17 positive Corona-Test an einem Nachmittag

Interesse an Unterstützung durch die Bundeswehr und freiwilligen Helfer hat auch Yvonne Stock im Heim Domicil in Kiel. Trotz all dem, was die Tests Bewohnern, Besuchern und Personal abverlangen, ist sie davon überzeugt. "Der Erfolg gibt uns recht", sagt sie. Bisher gab es keinen Corona-Fall in ihrem Heim, was vielleicht auch an den schon länger strengen Einlassregeln liegt. An diesem Donnerstag kommen 17 der 120 Wartenden nicht ins Haus. Ihr Test war positiv. Eine außergewöhnlich hohe Quote, wie Stock sagt. "Wir müssen die Leute dann aufklären, dass das nicht unbedingt heißt, dass sie Covid-19 haben." Aber: Die Abgewiesenen werden ans Gesundheitsamt gemeldet und müssen dann einen PCR-Test machen. Ist der negativ, dürfen die Besucher am nächsten Tag ins Heim. Ausnahmsweise mal nicht an einem Donnerstag.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 29.01.2021 | 19:30 Uhr

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