Stand: 29.04.2020 07:35 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Ältere Menschen und Corona: Ein Leben in der Isolation

Weil die Gefahr einer Corona-Infektion gerade für Ältere so groß ist, gilt es, sie besonders zu schützen. Egal, ob sie im Pflegeheim leben oder zu Hause: Der Kontakt zu anderen Menschen soll auf das Nötigste beschränkt sein. Was bedeutet solch ein Leben in Isolation? Vier Frauen zwischen Mitte 80 und Mitte 90 erzählen, wie sie die Zeit gerade erleben.

Elfriede Losch: "Es ist schon schwer, aber es muss ja sein"

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Elfriede Losch ist 94 Jahre alt und wohnt im Pflegeheim Domicil in Kiel.

"Meine Tochter und mein Schwiegersohn wohnen in Kiel. Die kommen einmal die Woche ins Pflegeheim nach unten in die Schleuse. Jemand sagt mir Bescheid, ich fahre dann mit dem Rollstuhl runter. Die stehen dann auf der einen Seite des Fensters und ich auf der anderen Seite. Wir sehen uns und winken uns zu, sprechen können wir nicht. Sie bringen mir dann eine Kleinigkeit, das wird auf einen Tisch gestellt. Das nehme ich dann mit nach oben, Süßigkeiten oder ein Duschgel.

Es ist schon schwer, aber es muss ja sein. Ich habe mich damit abgefunden. Ich bin über 25 Jahre allein, so lange ist mein Mann schon tot. Mir fällt es vielleicht nicht so schwer wie anderen.

Ich habe als Haushälterin auf einem Rittergut gearbeitet, auf dem Mönchshof in Barntrup. Ich bin nicht aus Kiel, ich komme aus Bielefeld. 1950 habe ich geheiratet - und bin zu Hause gewesen. Als unsere Tochter dann zur Schule kam, habe ich 20 Jahre lang bei Karstadt in Bielefeld gearbeitet. Und dann habe ich drei Jahre meinen Mann gepflegt. Zu der Zeit gab es ja solche Pflegeheime noch nicht. Darum weiß ich, was die hier leisten müssen.

Ich habe keine Angst vor Corona. Wenn wir uns alle daran halten, dann braucht man keine Angst haben. Das mit dem Besuchsverbot könnte mal wieder anders werden, aber ich weiß nicht, ob man das machen kann. Solange wir ein Telefon haben, geht das ja noch. Sonst kamen meine Kinder jeden Samstag oder Sonntag zum zweiten Frühstück hierhin. Und wenn etwas anlag, dann war meine Tochter natürlich sofort hier."

Helga Franke: "Ich habe schon viele Entbehrungen durchgestanden"

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Helga Franke ist 89 Jahee alt. Sie wohnt ebenfalls im Kieler Pflegeheim Domicil.

"Ich selbst leide nicht so sehr darunter, weil mein Sohn in Schweden lebt und eine Tochter in Bremen, die kommen nicht so oft. Eine Tochter lebt in Kiel, die ist leider im Rollstuhl. Sie kommt hin und wieder, aber jetzt natürlich nicht. Das ist nicht schön. Aber ich bin ein Mensch, der mit solchen Situationen umgehen kann. Ich bin ein Kriegskind. Ich habe schon viele Entbehrungen und Notmaßnahmen durchgestanden im Leben.

Hier im Heim können wir, die noch auf den Beinen sind, froh sein, dass wir in den Garten gehen können. Das können die Bettlägerigen natürlich nicht. Das ist für die sehr bitter. Oder die Rollstuhlfahrer: Dadurch, dass Personalknappheit ist, ist es auch sehr selten, dass sie mal in den Garten gebracht werden. Die sind sehr betrübt teilweise. Beschweren können wir uns nicht wegen Corona. Wir müssen einsichtig sein. Ich persönlich bin es. Aber andere können sich nicht mehr viel äußern.

Vor zwei Wochen hatte ich Geburtstag. Dann wäre eigentlich meine ganze Familie gekommen, aus Schweden und von überall her, mit den Enkelkindern. Dann hätten die Kinder mir einen schönen Tag außerhalb gemacht. Meine Enkelkinder wohnen in Lüdenscheid, die kommen alle drei, vier Monate. Und eben an den Geburtstagen oder wenn ein Feiertag anfällt. Wenn das jetzt lange so bleibt, würde ich mir schon wünschen, dass die Familie wiederkommt.

Wir haben in den Wohnbereichen keine Veranstaltung mehr. Sonst haben wir zum Beispiel Gedächtnistraining, was ich sehr gerne mache. Im Moment ist gar nichts los. Aber ich kann mich sehr gut beschäftigen, mache Kreuzworträtsel, lese viel. Seit einer Woche heißt es bei uns: Wir dürfen nicht mehr geduscht werden, weil der Wasserdampf Keime überträgt. Wir werden jetzt per Hand gewaschen. Die Pfleger tun, was sie können. Wir haben sehr großen Personal-Notstand und verbringen viel Zeit mit Warten."

Elke Schultz: "Ich habe keine Angst vorm Sterben"

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Elke Schultz ist 83 Jahre alt und wohnt im Pflegeheim Kieler Stadtkloster.

"Meine Kinder und ich haben telefonischen Kontakt. Und wenn sie mal mit dem Fahrrad vorbeikommen und draußen stehen, kann man mal winken. Das reicht mir schon. Meine Familie ist sonst regelmäßig vorbeigekommen. Ich habe einen Enkel, einen Sohn und eine Schwiegertochter.

Ich habe natürlich auch meine Phasen, da bin ich traurig und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Das hängt auch mit meiner Krankheit zusammen. Ich bin am Rücken operiert worden. Und ich bin gestürzt, meine Handgelenke sind kaputt und da habe ich Schmerzen. Aber hier wird alles für mich gemacht, das sind so tolle Pflegerinnen und Pfleger.

Draußen im Garten haben wir Stühle stehen, mit Namen drauf. Und da sitzen wir auf unserem Rasen. Letztens hatten wir ein Sommerkonzert, das war einfach toll. Es war ein Sänger dabei, der Arien geschmettert hat. Das war wie im Fernsehen: Alle im Innenhof haben geklatscht, und die Bewohner guckten aus dem Fenster und haben auch geklatscht. Das war schön. Aber wir müssen ja auch im Garten auf Abstand gehen. Es gibt einige, die das nicht begreifen. Die kommen dann und fassen einen an. Das geht nicht, aber die verstehen das nicht. Das muss man auch so hinnehmen.

Vor Corona habe ich keine Angst. Ich hoffe, dass uns das hier nicht betrifft, vor allem hier im Heim. Aber für mich habe ich keine Angst. Ich habe meinen Platz auf dem Friedhof, wo mein Mann liegt. Das ist alles geregelt. Ich habe keine Angst vor dem Sterben, das ist in Ordnung."

Käthe Isensee: "Vielleicht darf man mal draußen im Park sitzen"

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Käthe Isensee ist 89 Jahre alt und lebt alleine in ihrer Wohnung in Neumünster. Sie hat eine Lungenkrankheit und ist auch dadurch besonders gefährdet.

"Ohne meine Nachbarn wäre ich beinahe aufgeschmissen. Wenn ich Probleme mit dem Fernseher hab, dann rufe ich sie an. Und sie kaufen für mich ein, ich fahre dann gar nicht mit. Das wäre ja Unsinn, den Laden zu füllen. Beim Einkaufen war ich schon fünf Wochen nicht mehr.

Mein Tagesablauf fängt mit Frühstück an. Dann aufräumen, saubermachen, ein bisschen Fernsehen, Hörspiele. Das ist bei mir sowieso bescheiden, weil ich nicht mehr lesen kann. Oder ich gehe spazieren. Viel mehr passiert ja nicht. Ich treffe zwar manche von meinem Seniorenclub drüben. Wir sagen kurz Hallo, das sind höchstens zwei Minuten, dann geht man wieder. Das ist schon ein bisschen langweilig zurzeit.

Wir sind normalerweise montags im Seniorenclub und donnerstags im Spielkreis. Und einmal in der Woche gehe ich zu meiner Freundin und sie kommt zu mir. Mitte März war plötzlich Schluss.

Ich habe am 11. Mai Geburtstag. 90 wird man ja nur einmal. Aber ich glaube, das können wir abschreiben. Ich weiß auch noch nicht, wie ich mich verhalten muss. Ob ich da anrufe, in der Stadthalle? Oder ob die sich melden? Ich hatte 20 Gäste. Aber eigentlich hab ich die Hoffnung aufgegeben.

Nun wird es ja Sommer, man darf vielleicht auch mal draußen im Park sitzen, wenn das rote Flatterband weg ist. Und ich freue mich, wenn mein Sohn kommt. Wir telefonieren jeden Sonntag. Er wollte am 8. Mai kommen - und ich denke auch, dass er fahren darf. Oder darf man nicht fahren?"

Aufgezeichnet von Christian Schepsmeier und Julia Schumacher, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.04.2020 | 17:00 Uhr

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