Stand: 08.05.2019 19:30 Uhr

Zugunglück bei Rendsburg: "Ein schreckliches Bild"

von Arne Helms

Schwer verletzte Zuginsassen, geschockte Anwohner und ein lahmgelegter Bahnverkehr in der Region: Die Folgen und Auswirkungen des Zugunglücks von Alt Duvenstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) sind ohnehin schon massiv. Und trotzdem sagt Bundespolizei-Sprecher Hanspeter Schwartz: "Mein erster Eindruck war: Was hätte hier alles passieren können. Ich bin froh, dass wir keine Toten zu beklagen haben." An einem Bahnübergang der 2.000-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Rendsburg war am Mittwochmorgen ein Regionalexpress mit einem Schwerlaster zusammengestoßen. Dort habe sich ein schreckliches Bild dargestellt, so Schwartz.

Es war der erste Regionalzug des Tages, der im Morgengrauen auf dem Weg von Flensburg nach Hamburg war, als er das aus noch ungeklärter Ursache auf den Schienen stehende Gespann mit voller Wucht durchtrennte. Auf der einen Seite des Übergangs landete das Lkw-Führerhaus, auf der anderen Seite der Auflieger, der mit einem 70 Tonnen schweren Ketten-Baufahrzeug beladen war.

Am Führerstand klafft ein riesiges Loch

Die Front am Führerstand des vier Doppelstockwagen umfassenden Zuges ist aufgerissen, das Fenster zersplittert, als der RE7 am Nachmittag vom roten Hilfszug der Deutschen Bahn im Schritttempo gen Rendsburg geschleppt wird. Von der Seite wirkt das klaffende Loch, als würde ein gefrässiger Riesenfisch sein Maul aufreißen. Die Bergungsarbeiten gehen zu diesem Zeitpunkt ihrem Ende entgegen. Es war ein Szenario, das selbst Bahn-Notfallmanager Sven Hübner als "großes Ding" bezeichnet.

Bergungsarbeiten nach Zugunglück bei Rendsburg

Die Oberleitung ist auf etwa 400 Metern abgerissen worden. Stützmasten inklusive Stromabnehmer wurden aus der Verankerung gerissen. Schienen haben sich verformt. Betonschwellen zerbröselten. Da ist kaum noch etwas zu reparieren. Das ist ein Totalschaden. Der Instandhaltungstrupp der Bahn muss sich auf Nachtschichten einstellen. Der Streckenabschnitt wird für eine Woche gesperrt.

Bahn muss 15.000-Volt-Leitung freigeben

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Die Freiwillige Feuerwehr Alt Duvenstedt ist für vier Bahnübergänge an der Strecke verantwortlich. Zwischenfälle gebe es immer mal wieder, berichte Einsatzleiter Rüdiger Ewert, "aber nicht in dieser Größenordnung". Nach der Kollision waren er und seine Leute als erstes vor Ort. Sie legten das sogenannte Erdungsgeschirr an die Oberleitungen, das alle Feuerwehren besitzen, die Bahnstrecken im Zuständigkeitsbereich haben. Dann: Warten auf die Freigabe der Bahn - auf der Leitung sind 15.000 Volt. Nach einer Viertelstunde konnten die Feuerwehrkameraden den Zug evakuieren.

Knapp zwölf Stunden später steht Ewert immer noch in schwarz-neongelber Einsatzkleidung auf den Schienen. Beschäftigt, aber offensichtlich in sich ruhend. So ein Einsatz ist für alle Beteiligten auch mit viel Warterei verbunden. Das liegt an den Massen, die bewegt werden.

Tieflader und Kranfahrzeuge verstopfen die Straße

Mit einer hydraulischen Pumpe setzen Mitarbeiter der Bahn an einem Drehgestell den entgleisten Zug - insgesamt 240 Tonnen schwer - wieder auf die Schienen. Auch dafür ist ein Hilfszug nach Alt Duvenstedt beordert worden. Mit dem Schwerlaster auf dem Bahnübergang beschäftigt sich derweil eine Bergungsfirma aus dem sechs Kilometer entfernten Owschlag. Rote Tieflader und Kranfahrzeuge verstopfen die Bahnhofstraße.

Um das - immerhin noch selbst fahrende - Kettenfahrzeug von den Schienen zu bekommen, müssen erst Stahlplatten verlegt werden, um den Bahnübergang und auch die Straße nicht endgültig zu zerstören. Das 70 Tonnen schwere Gefährt fährt schließlich ächzend mithilfe eines Krans auf einen Tieflader. Die Zugmaschine des Lkw - der Motor war von der Wucht des Aufpralls freigelegt worden - war von dem Zug etwa fünf Meter vor ein Wohnhaus geschleudert worden. Spanngurte helfen den Bergungsexperten, das Führerhaus beim Verladen mithilfe eines Krans nicht Richtung Haus schwingen zu lassen.

Schienenbett und Oberleitungen sind zerstört

Das alles dauert. Die meiste Zeit wird es nun aber in Anspruch nehmen, die Bahnstrecke wieder befahrbar zu machen. Schienenbett und Oberleitungen müssen auf Hunderten Metern komplett erneuert werden. Auch das zweite Gleis könnte etwas abbekommen haben. Für diese Dinge ist bei der Bahn der Schienenbautrupp zuständig. "Die Instandhaltung wird das in Gang kriegen", sagt Notfallmanager Hübner optimistisch. Das ist nur noch eine Kleinigkeit bei dem Gedanken daran, was am Mittwoch um 4.36 Uhr noch alles hätte passieren können.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.05.2019 | 19:30 Uhr

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