Übermittlung von Corona-Daten: Anschluss nur per Faxgerät

Stand: 27.11.2020 05:00 Uhr

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung ist. Ausgerechnet in den Gesundheitsämtern, die im Kampf gegen die Pandemie täglich Datenfluten bearbeiten, geht es noch erstaunlich analog zu.

von Julia Schumacher

Wenn viel los ist, piept das Faxgerät in einem Gesundheitsamt auch mal mehrere Hundert Mal am Tag: Was ankommt, sind Testergebnisse aus Laboren und anderen Gesundheitsämtern sowie Listen mit Kontaktpersonen. Die Menge kann je nach Lage sehr unterschiedlich sein: etwa 50 Faxe am Tag, heißt es zu Beispiel aus dem Gesundheitsamt im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Im Kreis Pinneberg - wo das Infektionsgeschehen momentan besonders stark ist - sind es täglich bis zu 500, wie das dortige Gesundheitsamt mitteilt.

Fax gilt als sicher

Amtsärztin Dr. med. Alexandra Barth sitzt in einem Büro und trägt einen Mundschutz während sie ein Interview gibt. © NDR
Amtsärztin Alexandra Barth: Das Fax gilt als sicher.

Auch in Neumünster piept das zentrale Faxgerät regelmäßig - und das stört Amtsärztin Alexandra Barth enorm. Am Faxgerät stehen und warten - damit verbringen ihre Mitarbeiter eine Menge Zeit. Dass die Labore die Befunde ans Gesundheitsamt faxen, liegt laut Barth daran, dass es in Deutschland noch nicht zulässig ist, dass die Labore an die Gesundheitsämter auf elektronischem Wege melden. Testergebnisse per E-Mail sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erlaubt. Das gleiche gilt für Listen und Informationen zu Kontaktpersonen. Das Fax gilt da als sicher.

Faxe haben "Orientierungscharakter"

Der hohen Datensicherheit der Faxe können manche Mitarbeiter noch einen Vorteil abgewinnen. So seien die Informationen Ende-zu-Ende verschlüsselt, heißt es aus dem Gesundheitsamt Rendsburg-Eckernförde. Das Gesundheitsamt in Flensburg teilt mit, auch die Unabhängigkeit von Servern und Datennetzen mache den Umgang mit Faxen stabil. "Bei der Vielzahl von E-Mail und anderen elektronischen Medien, die von den Sachbearbeitern täglich zu bewältigen sind, kann ein einfaches Papierfax durchaus Orientierungscharakter haben", sagt Tobias Frohnert vom Kreis Herzogtum Lauenburg. In anderen Gesundheitsämtern wie im Kreis Ostholstein gibt es zum Beispiel kaum noch Faxgeräte. "Der Faxempfang erfolgt grundsätzlich digital über ein E-Mail-Programm", erklärt Carina Leonhardt.

Per Hand übertragen - enormer Zeitaufwand

Tanja Girullis-Schacht steht neben einem Fax-Gerät und wartet auf ein Fax. © NDR
Tanja Girullis-Schacht, Mitarbeiterin im Gesundheitsamt Neumünster, verbringt viel Zeit mit Warten am Faxgerät.

Die Daten aus den analogen Faxen müssen per Hand in das jeweilige System eines Gesundheitsamts übertragen - auch die, die als PDF per E-Mail empfangen werden. Ein enormer Zeitaufwand, melden fast alle befragten Gesundheitsämter. Beim Übertragen könnten Tippfehler passieren. Handschriftlich ausgefüllte Datenblätter seien zudem oft schwer zu entziffern. "Wir werden in unserer Leistungsfähigkeit massiv gehemmt", sagt Amtsärztin Alexandra Barth aus Neumünster. "Dadurch kommt es zu zeitlichen Verzögerungen von Anordnung von Quarantänemaßnahmen."

"Keine geschickte Art, eine Pandemie zu bekämpfen"

Daten zu meldepflichtigen Infektionskrankheiten per Fax, das war auch schon vor der Corona-Pandemie das Vorgehen zwischen Laboren, Ärzten und Gesundheitsämtern. Doch diese enorme Menge an Daten haben Gesundheitsämter bislang nicht bearbeiten müssen. "Das ist keine besonders geschickte Art, eine Pandemie zu bekämpfen," sagt Alexandra Barth. Trotzdem faxen noch alle 15 Gesundheitsämter im Land. Obwohl die digitale Lösung für die elektronische Datenübermittlung schon seit Jahren existiert.

"Natürlich ist die Kommunikation per Fax für ein zeitnahes reagieren viel zu umständlich", sagt Anne Marcic aus dem Gesundheitsministerium in Kiel. "Deswegen wird das ganze Verfahren ja auch umgestellt auf elektronische Übermittlung, das ist in Vorbereitung oder sogar schon in Umsetzung."

Eine Lösung gibt es seit Jahren

DEMIS heißt das System vom RKI, über das Daten zum Beispiel von Laboren elektronisch an die zuständigen Gesundheitsämter übermittelt werden können. Doch trotz der Erfahrungen im Frühjahr und der von vielen Experten bereits im Sommer prognostizierten zweiten Welle sind nicht alle Stellen - vor allem Labore und Ärzte - an DEMIS angeschlossen. Weil das so ist, müssen alle Gesundheitsämter mindestens im Parallelbetrieb mit den Faxgeräten arbeiten.

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Ab dem kommenden Jahr, also in fünf Wochen, ist die Anbindung an DEMIS Pflicht. So steht es im Dritten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite, das vergangene Woche verabschiedet wurde. Ob ein Abschied vom Faxgerät und eine vollständige Umstellung auf digitale Übermittlung bis dahin gelingt, darüber herrscht in manchen Gesundheitsämtern Skepsis. "Ich hoffe sehr stark, dass es jetzt wirklich in die Tat umgesetzt wird und die Kommunikation zwischen allen Akteuren in der Pandemie-Bekämpfung dadurch verbessert wird", sagt Alexandra Barth vom Gesundheitsamt in Neumünster. "Es wird auf jeden Fall besser, als es jetzt ist. Da bin ich sicher."

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