Schüler-Projekt macht Unterricht im Corona-Lockdown möglich

Stand: 27.01.2021 13:59 Uhr

Per selbst entwickelter Software ist am Alstergymnasium in Henstedt-Ulzburg Online-Unterricht möglich. Die Entwickler-AG versorgt mittlerweile auch schon andere Schulen.

von Helge Albrecht

Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen schießen über die Bildschirme. Für Laien ist das Kauderwelsch - und viel zu schnell. Dabei fliegen 30 Finger über die Tastaturen. Für sie ist das normal: Ron, Jonas und Patrick digitalisieren ihre Schule. Sie sorgen dafür, dass der Unterricht auch im Lockdown reibungslos weiterläuft.

Entwickler-AG und ihr "Digitales Klassenbuch"

"Das Projekt ist eskaliert", erzählt ihr Lehrer Ivo Stichel über die Jungs aus der Entwickler-AG. "Wir machen hier weiterhin Unterricht nach Plan." Das Schulgebäude steht leer, keine Gespräche auf den Gängen, kein Unterricht in den Klassenräumen. Trotzdem wird am Alstergymnasium Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg) weiterhin gelehrt und gelernt - auf Distanz. Das funktioniert, weil die Entwickler-AG das eigene Schulprogramm "Digitales Klassenbuch" erfunden hat.

"Das Projekt ist eskaliert" Ivo Stichel, Lehrer am Alstergymnasium

Im Lockdown funktionierte an vielen Schulen erst mal nichts

Eigentlich wollten die Jungs vor zwei Jahren mit ihrem Programm nur den Stundenplan online abrufen können und das analoge Klassenbuch abschaffen. "Dauernd vergisst irgendwer das Klassenbuch irgendwo und am Ende des Jahres muss das ganze Buch mühsam ausgewertet werden. Da dachten wir, das geht auch einfacher", erinnert sich AG-Leiter Ivo Stichel. Als dann in der Corona-Pandemie der Unterricht nach Hause verlegt wurde, funktionierte an vielen Schulen erst mal nichts.

Unterricht per Videoschalte ist möglich

Doch am Alstergymnasium gab es bereits eine gute Basis für das eigene Schulprogramm. Sofort tüftelten die Jung-Entwickler daran weiter und fügten ihrem digitalen Klassenbuch neue Funktionen hinzu. Jetzt können Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler Arbeitsblätter online verwalten und per Videoschalte Unterricht machen - von zu Hause aus.

Ein gallisches Dorf

Die Lehrkraft kann zum Beispiel den eigenen Bildschirm auf die Bildschirme der Schülerinnen und Schüler übertragen und so auf einer virtuellen Tafel schreiben oder mehrdimensionale Grafiken zeigen. Gleichzeitig ist der Austausch über Chat und Videoschalte möglich. So sei Distanzunterricht eigentlich gedacht, sagt Ivo Stichel. Doch sie seien da eher ein gallisches Dorf in Deutschland. Bei vielen anderen Schulen stürzten häufig die Konferenzen zusammen, weil die Server überlastet seien, so Stichel.

Unterstützung durch die Gemeinde

Die Entwickler-AG hat sich deshalb an die Gemeinde Henstedt-Ulzburg gewandt und um Unterstützung gebeten. Sie haben berechnet, was sie für ihr "Digitales Klassenbuch" an Kapazität brauchen und das der Gemeinde mitgeteilt. Diese bucht nun eigene Server für das Programm. "Das ist der absolute Wahnsinn. Bei uns waren zuletzt etwa 1.500 Leute zeitgleich in verschiedenen Unterrichtskonferenzen. Und alles läuft flüssig", freut sich Ivo Stichel.

Aus Hobby wird Firma

Mittlerweile nutzt nicht nur das Alstergymnasium das "Digitale Klassenbuch". Auch fünf andere Schulen in Henstedt-Ulzburg haben von dem Erfolg der Schüler gehört. Die Gruppe um Ron, Jonas und Patrick hat daraufhin so viel zu tun bekommen, dass sie eine eigene Firma gegründet haben. Mit dieser vertreiben und supporten sie ihr Programm nun an den Schulen in der Gemeinde. So ist ihr Hobby mittlerweile schon ein kleiner Nebenjob für sie geworden.

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Jonas Kühn aus dem Entwicklerteam hat vergangenes Jahr sein Abitur am Alstergymnasium gemacht und ist nachhaltig durch die AG beeinflusst: Er studiert jetzt Informatik. Jonas glaubt, dass ihre Firma ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt der Schulprogramme hat. "Wir haben den Vorteil, dass wir eben selbst noch Schüler sind oder zumindest vor Kurzem noch waren. Wir wissen, was an den Schulen passiert, was die Leute an der Schule brauchen. Wir sind nicht seit zehn Jahren aus der Schule raus und denken uns irgendwas aus. Wir wissen, was Sache ist", sagt Kühn.

Von Henstedt-Ulzburg nach ganz Schleswig-Holstein

Zurzeit basteln die Jungs an einem Tool für einen digitalen Elternabend. Denn mittlerweile ist klar, dass auch der im Februar nicht wie sonst in der Schule stattfinden wird. Außerdem lassen sie ihr Programm vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holsteins prüfen, damit in Zukunft möglichst viele Schulen im Land ihr "Digitales Klassenbuch" nutzen können.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 27.01.2021 | 19:30 Uhr

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