Ein großes Graffiti auf einer 36 Meter hohen Hochhauswand. © NDR Foto: Johannes Tran

Plattenbau in Bad Oldesloe wird zum Kunstwerk

Sendedatum: 28.10.2021 19:30 Uhr

Die heruntergekommenen Hochhäuser im Hölk werden bunt. Bei dem Projekt einer Berliner Graffiti-Künstlerin geht es aber um mehr als nur um Kunst.

von Johannes Tran

"Jetzt den Motor starten", ruft Hera. Um sie herum stehen mehrere Kinder, aufgeregt, hibbelig, mit großen Augen. Sie drücken auf einen Knopf. Der Motor des blauen Hubsteigers beginnt zu rattern. Die Graffiti-Künstlerin steigt auf die Arbeitsbühne, befestigt ihren Sicherheitsgurt am Geländer und fährt in die Höhe. Meter für Meter schwebt sie die Hausfassade hinauf, die Sprayerin in ihrer grünen Trainingsjacke vor den tristen grauen Platten der 36 Meter hohen Häuserwand.

Ausgerechnet diese Wand soll bunt werden. Die Hölk-Hochhäuser in Bad Oldesloe (Kreis Stormarn) schreiben seit Jahren Negativschlagzeilen. Bewohnerinnen und Bewohner klagen über Rohrbrüche, Schimmel an den Wänden, kaputte Heizungen und falsche Nebenkostenabrechnungen. Wer hier wohnt, hat meist keine andere Wahl. Hera, die Künstlerin, ist trotzdem gerne aus Berlin angereist.

Ideen für die Motive kommen von den Kindern

"Orte, die Liebe brauchen, ziehen mich an", sagt sie. Die 40-Jährige heißt mit bürgerlichem Namen Jasmin Siddiqui und ist selbst in einem Frankfurter Plattenbau aufgewachsen. Mittlerweile ist sie als Graffiti-Künstlerin auf der ganzen Welt unterwegs, hat Fassaden in Los Angeles und New York verziert, in Mexiko-Stadt und Paris. Und jetzt in den als Schimmel-Hochhäusern geschmähten Plattenbauten in Bad Oldesloe.

Oben angekommen, beginnt Hera zu sprayen. Das überdimensionale Motiv: ein Junge im Profil mit einem Pinsel in der Hand und einem Fuchskostüm auf dem Kopf. Darunter prangt das Gesicht eines Mädchens mit einem Wolfskostüm. "Die Kinder haben sich diese Figuren gewünscht", sagt Hera.

"Innen ist es nicht so gut", sagt der 12-jährige Junge

14 Kinder und Jugendliche machen mit, fünf von ihnen wohnen selbst in den Hochhäusern. Während die Graffiti-Künstlerin in der Höhe an ihrem Werk arbeitet, wuseln sie am Boden mit Pinseln und Spraydosen herum. Sie haben sich eigene Motive ausgedacht, mit denen sie die Wände verschönern wollen.

Die Aktion sei in erster Linie ein Gemeinschaftsprojekt, betont Hera. Die Kinder malen nicht nur ihre eigenen Bilder, sie dürfen auch einen Teil zum großen Wandbild beitragen und einen Stern neben die Figuren sprayen. Ein Kind nach dem anderen steigt dafür zusammen mit der Künstlerin auf die Arbeitsbühne und fährt in die Höhe. "Die Kinder merken: Ihre Meinung zählt, sie können etwas schaffen. Und das ist total wichtig", sagt die Sprayerin.

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Momen Muhanna ist zwölf Jahre alt und vor sechs Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Er wohnt im zwölften Stock des Hochhauses. Seine Hände triefen vor Farbe, während er den Pinsel über die Wand führt. In der Hand hält er die Skizze seines Motivs: ein Fuchs auf einem Skateboard. "Füchse sind schlau und die sind richtig gut im Anschleichen", sagt Momen. Von außen, meint er, sehen die Hochhäuser dank der Verzierungen schon gleich viel besser aus. "Aber innen ist es nicht so gut", fügt er hinzu.

Ein paar Meter weiter ist Cyril Moses in seine Arbeit vertieft, ein zehnjähriger Junge, der hier im siebten Stock wohnt. Er kniet auf dem Boden und hat seinen blauen Kapuzenpullover über den Kopf gezogen. "Ich finde das Ganze cool", sagt Cyril. "Die Häuser sind zwar alt und verrottet, aber mit der Farbe sieht das viel cooler aus."

An die Talente der Kinder glauben

An die Kinder zu glauben, ihnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten und Talente zu schenken, das sei für viele von ihnen eine sehr wertvolle Erfahrung, sagt Maria Herrmann. Sie arbeitet bei Plan B, dem Quartiersprojekt der Hölk-Hochhäuser und betreut das Projekt mit. "Ich finde das fantastisch", sagt Herrmann. "Die Kinder sind so gerührt von diesem Ereignis, da fließen auch schon Freudentränen."

Manche der Jugendlichen würden gemobbt, weil sie in den Hochhäusern leben, berichtet Herrmann weiter. "Jetzt können sie die triste Welt mal kurz vergessen." Dabei gebe es an der Aktion auch Kritik, erzählt sie. Manche Bewohnerinnen und Bewohner würden nicht verstehen, weshalb nun Geld für die Verschönerung der Fassade anstatt für Reparaturen ausgegeben würde. "Aber: Das Geld für das Graffiti kommt aus einem Kulturfonds", sagt Herrmann. "Von diesen Mitteln wäre keine einzige Heizung repariert worden."

"Die Aktion hier ist ein Mutmacher", meint die Künstlerin

Hera, die Graffiti-Künstlerin, sieht in dem Kunst-Projekt auch einen Beitrag zur Integration: "Die ganze Aktion hier ist ein Mutmacher." Viele der Kinder hätten ausländische Wurzeln, seien etwa vor wenigen Jahren aus Mazedonien, Serbien oder Litauen nach Deutschland gekommen und würden im Alltag ausgegrenzt. Die beiden großen Figuren auf der Häuserfassade will sie deshalb mit einem Spruch versehen: "Richtig Großes schaffen wir nur gemeinsam."

Hinter der Künstlerin scheint die Sonne auf die Wand des Hochhauses. Die warmen Strahlen, die trocknende Farbe, die lachenden Kinder: Für einen kurzen Moment wirken all die Probleme, die sich hinter der Fassade verbergen, ganz weit weg.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 28.10.2021 | 19:30 Uhr

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