Stand: 20.07.2018 11:44 Uhr

Paketfahrer: "Zum Teil mafiöse Strukturen"

Von Frederike Buhse, Julia Schumacher und Sofia Tchernomordik

"Als ich angefangen habe, bin ich davon ausgegangen, dass ich als Selbstständiger arbeite," sagt Jörg-Peter Dohrn heute. Vier Jahre war der 57-Jährige als Fahrer für DHL Express unterwegs. Sein Auftraggeber: nicht DHL Express selbst, sondern ein Subunternehmer. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich da gut Geld verdienen kann. Und zu Anfang war es auch mal so." Doch Dohrns Hoffnung wurde enttäuscht.

Liferantenwagen hinter einem Zaun.

Subunternehmen in der Kritik

Schleswig-Holstein Magazin -

Viele Subunternehmer nutzen das Lohngefälle in Europa. Je weiter Richtung Osten, desto billiger die Arbeitskräfte. Betroffen sind unter anderem Paketfahrer.

4,8 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Wer zu spät kommt, muss Strafgelder zahlen

Dohrn weiß, was es heißt, bis zu 16 Stunden am Tag Pakete auszuliefern, bis zu 120 Adressen jeden Tag quer durch den Süden Schleswig-Holsteins anzusteuern. Bis 2013 arbeitete Dohrn für den Subunternehmer: "Ich bin froh, dass ich da nicht mehr bin", sagt Dohrn mit Blick auf die Zeit als Fahrer. Besonders hat ihm der Termindruck zu schaffen gemacht, die Verpflichtung, alle Pakete auszuliefern: "Und wenn man dann bis abends um sieben oder acht unterwegs war? Egal, es musste geschafft werden. Was man nicht geschafft hat, da gab es Strafgeld."

Jörg-Peter Dohrn ist damals keineswegs freiwillig aus der Paketbranche ausgeschieden. Nach einem Arbeitsunfall hatte ihm sein Auftraggeber, der Subunternehmer von DHL Express, fristlos gekündigt. Dohrn zog vor Gericht. Der Richter am Arbeitsgericht stellte fest, dass Dohrn bei dem Subunternehmer abhängig beschäftigt und somit scheinselbstständig war. Zurück wollte er aber nicht: "Weil ich ja weiß, was auf mich zukommt. Und das würde ich nicht noch mal machen. Kein Stück."

1.000 Euro: "Zu Hause ist das ein Heidengeld"

Bild vergrößern
Razzia in einem Hermes-Depot in Harrislee: Dem Subunternehmer wird vorgeworfen, illegal Fahrer aus dem Nicht-EU-Ausland eingeschleust und beschäftigt zu haben.

Mittlerweile wollen viele Fahrer in der Paketbranche nicht mehr. Deshalb wird es immer schwieriger, Leute für den Job des Paketzustellers zu finden. Viele Subunternehmer suchen daher zunehmend Personal in Osteuropa, wie Thomas Ebeling von der Gewerkschaft ver.di bestätigt. "Das wundert mich nicht," sagt auch Jörg-Peter Dohrn. "Wenn man jemandem 1.000 Euro anbietet, ist das für ihn zu Hause einn Heidengeld.“ Er selbst hatte damals aber nichts von Fahrern aus dem nicht-europäischen Osten bei DHL Express mitbekommen.

Arbeiter aus Nicht-EU-Ausland eingeschleust

Bis vor Kurzem wurden auch aus einem Depot in Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) noch Pakete für Hermes ausgefahren. Doch mittlerweile kündigte der Subunternehmer. Vor sechs Wochen führte die Polizei dort eine Razzia durch. Ermittelt wird gegen fünf Personen, unter anderem gegen den Betreiber dieses Paketdepots. Ihm wird vorgeworfen, illegal Fahrer aus dem Nicht-EU-Ausland eingeschleust und beschäftigt zu haben. Hermes verweist in einer schriftlichen Stellungnahme darauf, dass sich diese Ermittlungen nicht gegen Hermes richteten, sondern gegen einen Servicepartner. Das Unternehmen habe die Untersuchungen unterstützt und bei dem Einsatz kooperiert.

"Das Modell trägt momentan, weil man in Osteuropa willige Beschäftigte findet," sagt Thomas Ebeling von ver.di. "Und man versucht jetzt einen Weg aufzubauen, wie man sie hier beschäftigen kann. Das zeigt uns, dass hier in Deutschland niemand mehr zu finden ist, der bereit ist, für dieses Einkommen zu arbeiten." Subunternehmer von Paketdienstleistern nutzen das Lohngefälle in Europa: Je weiter man Richtung Osten geht, desto billiger sind die Arbeitskräfte. Das ist auch der Grund, warum sie mittlerweile gezielt außerhalb der EU suchen.

Anzeigen auf Russisch werben für Jobs in Deutschland

Bild vergrößern
Eine Anzeige im Internet bietet auf Russisch Jobs für Paketkuriere bei Hermes. Der Lohn: 1.200 bis 1.500 Euro, abhängig von den gearbeiteten Stunden und den ausgelieferten Paketen. Arbeiten: Sechs Tage die Woche von sechs bis 18 Uhr. Wohnen: 250 Euro, wird vom Lohn abgezogen. Alter: Bis 45 Jahre. Ausschließlich über polnische Visa. Wir helfen beim Beantragen. Im Schnitt 120 Sendungen

Sie suchen zum Beispiel in der Ukraine: Bei Recherchen findet der NDR Schleswig-Holstein Anzeigen im Internet, die auf Russisch und Ukrainisch für Paketfahrer-Jobs in Deutschland werben. Die Anzeigen sind betitelt mit Sätzen wie: "Es werden Fahrer gebraucht" oder "Fahrer in Deutschland". In den Anzeigen heißt es: "Auf die Hand 6,50 Euro die Stunde" oder "46 Cent pro Paket", die Bedingung: "ausschließlich über polnisches Visum".

Ohne ein polnisches Visum dürften Ukrainer nicht in Deutschland arbeiten, da die Ukraine nicht zur EU gehört. Der Weg nach Deutschland führt also über Polen: Ein Vermittlungsbüro dort - das erste Subunternehmen in dieser Kette - wirbt Kräfte aus der Ukraine an, stellt sie ein und versorgt sie mit nötigen Papieren. Die Arbeiter bekommen auf diesem Weg ein Visum für Polen und damit die Eintrittskarte in die EU. Das Vermittlungsbüro schickt sie dann zu Subunternehmern nach Schleswig-Holstein. Der Subunternehmer setzt sie zum Beispiel direkt als Paketfahrer ein - oder vermittelt sie an einen weiteren Subunternehmer.

Ver.di: "Arbeitnehmerentsendung" von Osteuropa über Polen

"Wir sehen das als Gewerkschaft sehr kritisch", sagt Thomas Ebeling von ver.di: "Wir haben hier eine Arbeitnehmerentsendung, die aus dem osteuropäischen Ausland über Polen nach Deutschland erfolgt, um den Wettbewerb zu drücken." Das gehe über niedrige Löhne, so Ebeling: "Die Kollegen verdienen unterm Strich sehr wenig. Und das wenige Geld, das sie hier verdienen, müssen sie teilweise noch für Unterkünfte und Verpflegung abführen." Das belegen auch die Anzeigen: Es werden Löhne geboten, die mal bei 900 Euro, mal bei 1.300 Euro liegen. Dort steht aber auch: "Wohnen 250 Euro, wird vom Lohn abgezogen" - "Wohnung 300 Euro im Monat!" Häufig wohnten in diesen Wohnungen dann zwei Personen pro Zimmer, berichtet Ebeling.

Weitere Informationen

Experte fordert Paket-Dienste zu verstaatlichen

Paketdienste machen Gewinne auf Kosten der Beschäftigten, kritisiert Tim Engartner. Die Unternehmen umgingen systematisch Sozialstandards und Mindestlöhne, sagt der Professor im Interview. mehr

Subunternehmer "beißt" bei Lockvogel-Anruf an

Noch härter als beim Modell mit den ukrainischen Fahrern über polnische Visa sind die Vorwürfe im Falle Harrislee: Die Hauptverdächtigen sollen Moldauer in die EU eingeschleust haben, illegal mit gefälschten rumänischen Pässen. Und das hat Methode: Ein Lockvogel ruft für den NDR Schleswig-Holstein bei einem Subunternehmer aus einer der Anzeigen an und gibt sich als Moldauer aus, der Interesse an einem Paketfahrer-Job hat.

Ein Ausschnitt des Telefonats: "Ich habe aber keinen EU-Pass, nur einen moldauischen." - "Das ist kein Problem, das Visum für Polen machen wir selbst. Wir haben eine Agentur, die das macht. Ich brauche eine Kopie von Deinem Pass und eine Kopie von Deinem Führerschein." Der Subunternehmer sagt noch, er müsse aber erst noch einmal nachfragen, denn: "Eigentlich kommen alle eure moldauischen Jungs zu uns schon als Rumänen."

Bundespolizei bestätigt Nutzung von Dokumentenfälscherwerkstätten

Razzien bei Subunternehmern in der Paketbranche gab es auch in Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Der Verdacht auch dort: Subunternehmer von Hermes versorgen Moldauer mit rumänischen Pässen und beschäftigen sie für wenig Geld als Paketfahrer. Auf Anfrage schreibt die Bundespolizei, dass die Sub-Subunternehmer "professionelle Dokumentenfälscherwerkstätten" nutzten und teilweise "auf kriminelle Netzwerke" zurückgriffen.

"Mitunter kann man von mafiösen Strukturen sprechen," sagt Tim Engartner von der Universität Frankfurt am Main. Diese Strukturen würden das, was den bundesdeutschen Sozialstaat und Rechtsstaat auszeichnet, systematisch untergraben: "Ich kann nicht erkennen, warum man da von gesetzgeberischer Seite nicht stärker einschreitet und versucht, diesen Akteuren das Handwerk zu legen."

"Es wird immer jemanden geben, der das machen will"

Der Paketdienstleister Hermes zählt sich als Auftraggeber offenbar nicht zu diesen Akteuren. "Jeder für Hermes tätige Servicepartner ist für das Führen seiner Geschäfte in vollem Umfang selbst verantwortlich", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Mit anderen Worten: Hermes ist nicht für die Belange der Paketfahrer zuständig. Trotzdem schreibt das Unternehmen: "Wir tolerieren es nicht, wenn für Hermes tätige Servicepartner gesetzliche Regelungen unterlaufen."

Fest steht: Die Paketbranche hat ein Problem. Der ehemalige Paketfahrer Jörg-Peter Dohrn hat sie hinter sich gelassen. Andere stecken noch drin. Doch was wird in der Branche passieren? Dohrn ist da nicht sehr optimistisch, was Veränderungen angeht: "Ich denke, das wird weitergehen. Es wird immer jemanden geben, der das machen will."

Weitere Informationen
08:04
Panorama 3

System Hermes: Pakete nur mit Lohntrickserei?

27.06.2017 21:15 Uhr
Panorama 3

Dumpinglöhne beim Paketdienst Hermes sollte es dank TÜV-Zertifikat nicht mehr geben. Doch die Subunternehmer können zu den Preisen, die Hermes anbietet, nicht wirtschaften. Video (08:04 min)

07:11
Panorama 3

DHL Express: Gewinne auf Kosten der Fahrer?

17.09.2013 21:15 Uhr
Panorama 3

DHL Express ist die erfolgreichste Sparte des Post- und Paketdienstes DHL. Doch die Fahrer haben von den Gewinnen eher wenig: Ihr Arbeitgeber ist ein Subunternehmer. Video (07:11 min)

System Hermes: Günstige Pakete nur mit Lohntricks?

Dumpinglöhne beim Paketdienst Hermes sollte es dank TÜV-Zertifikat nicht mehr geben. Doch ein Beispiel aus Osnabrück zeigt, dass Subunternehmer zu Hermes' Preisen nicht wirtschaften können. mehr

Das Erste: Panorama

Paketsklaven: Post zieht nun doch Reißleine

08.12.2011 22:00 Uhr
Das Erste: Panorama

Vor gut zwei Monaten hatte die Post aufgrund von NDR-Berichten versprochen, die Ausbeutung von Paket-Zustellern bei einem Subunternehmer zu beenden. Nun hat die Post den Vertrag mit der Firma gekündigt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 20.07.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

03:37
Schleswig-Holstein Magazin

Flüchtlingsunterkunft sorgt für Unruhe

19.09.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
04:58
Schleswig-Holstein Magazin

Der Fußballer Lawson - geflohen aus Ghana

19.09.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
03:36
Schleswig-Holstein Magazin

China-Reise: Daniel Günther in Zhejiang

19.09.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin