Firma aus Norderstedt erzeugt Strom mit Heizölaggregat selbst

Stand: 28.10.2022 05:00 Uhr

Seit 16 Jahren veredelt Sönke Rickert in seinem Betrieb Rot Rickert Oberflächentechnik in Norderstedt Metalle. Die Energiekrise gefährdet zunehmend die Existenz des Unternehmens.

von Hannah Böhme

Sönke Rickert steht an einem Kran in seiner Produktionshalle und lässt per Knopfdruck mehrere Metallstücke in eines der vielen mit Flüssigkeit gefüllten Becken vor ihm sinken. Die Einzelteile sollen eine Zinkschicht bekommen, die sie gegen Korrosion schützt. Dafür müssen sie zunächst in einer Speziallösung entfettet werden. Auf der Oberfläche des Beckens schwimmen dicht an dicht mehrere Hundert Plastikbälle. "Die sind der Deckel", erklärt Rickert. "Das Bad ist geheizt, und damit die Abwärme im Bad bleibt, haben wir Bälle obendrauf." Es ist ein energieintensiver Prozess. So wie eigentlich fast jeder Prozess in dem Unternehmen von Sönke Rickert, das auf Metallveredelung spezialisiert ist. Kaum ein Arbeitsschritt funktioniert ohne Strom. Allein das Wort sorgt bei dem 52-Jährigen aber mittlerweile schon für Bauchschmerzen.    

Situation hat sich weiter verschärft

Bereits im Sommer berichtete NDR Schleswig-Holstein über die existenzbedrohende Lage des Norderstedter Betriebes. Die stark ansteigenden Energie- und Rohstoffpreise hatten das Unternehmen damals schon vor massive Herausforderungen gestellt. Verbessert hat sich die Situation seitdem nicht, berichten Sönke Rickert und seine Frau Petra Gebhardt, die ebenfalls mit im Betrieb arbeitet. Weil sie eine Nachzahlung von 6.000 Euro an ihren Stromanbieter nicht zahlen konnten, kündigte dieser inzwischen den Vertrag. Andere Anbieter wollten das energieintensive Unternehmen nicht übernehmen. Die Folge: Anfang September wurde dem Betrieb der Strom abgestellt. Firmenchef Rickert musste zwei weitere Mitarbeiter freistellen.

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Hilfe von Lübecker Kollegen

Weiter produzieren konnte die Firma nur dank externer Hilfe: Nach dem Bericht im Schleswig-Holstein Magazin meldete sich die Lübecker Firma Harry Maass Galvano- und Härtetechnik GmbH und machte ein Angebot, erinnert sich Rickert: "Da konnte ich in Eigenregie meine Teile fertigen, um meine Kundschaft zu behalten und zu versorgen. Das war eine sehr große Hilfe - und da bin ich sehr dankbar für."

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Nordmetall: Unternehmen leiden unter "Multikrisen"

Eine Frau bedient eine Maschine in einer Werkshalle. © NDR
Existenzbedrohende Zeiten: Viele Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie leiden unter den aktuellen "Multikrisen".

Immer größere Existenzsorgen haben aber nicht nur Sönke Rickert und seine Frau. Der Arbeitgeberverband Nordmetall, der in Schleswig-Holstein rund 80 Unternehmen mit etwa 32.000 Mitarbeitenden vertritt, sagt, dass die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie immer stärker unter den aktuellen "Multikrisen" leiden.

Gemeint sind unter anderem der Fachkräftemangel, die weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie und brüchige Lieferketten. Die akute Herausforderung sei allerdings die Energiekrise in Folge des Russland-Ukraine-Krieges, erklärt Nordmetall-Sprecher Alexander Luckow. Nach einer aktuellen Umfrage des Verbandes fürchtet jedes zehnte Unternehmen ums eigene Überleben, berichtet er: "Da wird es manche geben, die in Zukunft ihre Produktion drosseln bis einstellen werden."

Lob für 200-Millionen-Programm der Landesregierung

Um den Strombedarf in Zukunft zu decken, muss die Bundesregierung aus Luckows Sicht darüber nachdenken, weitere Atomkraftwerke wieder ans Netz zu nehmen und sich dafür einsetzen, dass es einen europäischen Gaspreisdeckel gibt. Außerdem fordert er, dass die Planungen für neue Stromtrassen, die den norddeutschen Strom in ganz Deutschland verteilen würden, vorangehen. "Davon redet die Politik seit Jahren, egal wer gerade die Verantwortung hat", so Luckow.

Das 200-Millionen-Euro-Kreditprogramm, das die schleswig-holsteinische Landesregierung aufgesetzt hat, um kleine und mittelständische Unternehmen im Land zu unterstützen, sei ein Schritt in die richtige Richtung, so der Nordmetall-Sprecher. Er hofft, dass das Programm zügig umgesetzt und das Geld dann auch schnell in den Unternehmen ankommt.

Kreditprogramm keine Option bei Norderstedter Unternehmen

Auf einem Schreibtisch liegt ein Taschenrechner © NDR
Sönke Rickert und seine Frau Petra müssen viel rechnen. Vom Kreditprogramm sind sie wenig begeistert.

Bei Sönke Rickert und seiner Frau Petra gibt es nur wenig Begeisterung für das Kreditprogramm: "Vor einem halben Jahr hätte ich wahrscheinlich noch gesagt: Lass es uns versuchen. Aber mittlerweile ist ja die Lage in der ganzen Welt so unsicher, dass ich der Meinung bin: so wenig wie möglich investieren und auch keine Kredite aufnehmen", erklärt die 54-Jährige ihre Skepsis.

Damit der Betrieb ihres Mannes auch ohne Stromanbieter weiterläuft, versorgt sich das Unternehmen mittlerweile selbst: Seit einigen Wochen steht hinter der Halle ein Heizöl-Aggregat, das ausreichend Strom produziert. Angeschlossen ist ein 1.900-Liter-Tank, den Firmenchef Rickert vergangene Woche für 3.400 Euro aufgefüllt hat. "Das reicht für 14 Tage", erklärt er. Plus Miete fallen insgesamt - je nach Heizölpreis - monatlich 10.000 Euro an. Zum Vergleich: Würde er den Strom wie bisher einkaufen, müsste er nach eigenen Angaben 16.000 Euro im Monat zahlen.

"Hauptsache, wir können weitermachen"

Das Aggregat sei allerdings auch keine ganz optimale Lösung, findet der 52-Jährige. Es muss morgens ein- und abends wieder ausgeschaltet werden. Filterpumpen beispielsweise können deshalb nicht durchgehend laufen. Trotzdem ist es die beste Option, die es zurzeit für ihn gibt: "Wir können weitermachen und das ist die Hauptsache", sagt er.

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Schleswig-Holstein Magazin | 27.10.2022 | 19:30 Uhr

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