Stand: 27.10.2016 17:27 Uhr

Heimkinder: Kritik an Aufarbeitung des Landes

von Julia Schumacher und Eike Lüthje
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Petra Thobaben ist vom Land mit der Aufarbeitung von Missbrauch und Gewalt in Kinderheimen beauftragt.

Sie ist die Frau, die Licht ins Dunkel bringen soll. Sie soll klären, was in den in den 60er- und 70er-Jahren in Kinderheimen in Schleswig-Holstein passiert ist. Die ehemalige Landespastorin Petra Thobaben arbeitet im Auftrag des Sozialministeriums Fälle von Missbrauch und Gewalt auf. Anfang des Jahres übergab Thobaben dem Ministerium ihren Bericht. Im NDR Interview erklärt sie nun, sie habe kein großes Interesse vonseiten der Landesregierung an ihrer Arbeit wahrgenommen. Das Sozialministerium wirke ein wenig hilflos und zögerlich, wenn es um Aufarbeitung gehe. Sie hinterfragt auch ihre eigene Rolle sie in dieser Sache: "Man könnte auf die Idee kommen, zu sagen: Ich habe eine Alibi-Funktion."

Betroffene melden sich nach NDR Berichten

Vor zwei Wochen berichteten NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin, dass es in den 60er-Jahren Medikamentenstudien an Heimkindern gegeben hat. Nach den Enthüllungen hätte sie erwartet, dass das Ministerium offensiver mit dem Thema umgeht und handelt, sagte Thobaben. Aus ihrer Sicht ist es nun endlich an der Zeit, die Vorgänge wissenschaftlich auszuwerten.

In den vergangenen zwei Wochen hätten sich aufgrund der NDR Berichte vermehrt Betroffene bei ihr gemeldet. Einer habe ihr berichtet, er habe das Gefühl, das Land warte doch nur darauf, dass sie alle wegsterben würden. "Ich finde es verhängnisvoll zu warten", so Thobaben.

"Wasch mich, aber mach mir mein Fell nicht nass"

Petra Thobaben will dem Land nicht unterstellen, das Thema Heimgeschichte nicht wichtig zu nehmen, doch oben auf der Agenda stehe es nicht. Sie vermisst ein offensives Handeln der Regierung in dieser Sache: "Wir wissen alle, dass die Aktenlage schwierig ist", so Thobaben. "Aber man hätte erst mal Geld in die Hand nehmen können, um zu sagen: Wir machen eine Plausibilitätsstudie und wenn Forscher und Forscherinnen herausfinden, da ist nichts, dann wäre Klarheit geschaffen." Das sei kein Thema, bei dem sich Politiker in der Öffentlichkeit beliebt machen würden: "Salopp gesprochen ist es die Haltung 'Wasch mich, aber mach mir mein Fell nicht nass'", so Petra Thobaben.

Sozialministerium: "Wir sind im Zeitplan"

Das Sozialministerium weist die Kritik zurück. Es habe in der Sache große Fortschritte gegeben. Das Land sei im Zeitplan, so Sozial-Staatssekretärin Anette Langner (SPD). Die wissenschaftliche Aufarbeitung, die Bund und Länder vereinbart hätten, laufe an. "Schleswig-Holstein arbeitet hier intensiv in der Arbeitsgruppe mit. Die Ergebnisse und Anregungen von Frau Thobaben fließen hier ein", sagte Langner. Zudem sei es gelungen, eine Entschädigungsregelung zu finden: Vom kommenden Jahr an werde beim Landesamt für soziale Dienste in Neumünster eine Anlauf- und Beratungsstelle eingerichtet.

"Verursacher und Profiteure müssen sich beteiligen"

Diese Regelung findet der Verband der Heimkinder in Schleswig-Holstein inakzeptabel, da nur ein Teil der Opfer Gelder erhalten würde. Der Verein fordert das Land zum Dialog auf: "Aus unserer Sicht sollte schleunigst eine gemeinsame Aufarbeitung erfolgen. Wir stehen hierfür gerne bereit und würden uns aktiv einbringen." Der Verein fordert das Land auf, mit den Opfern gemeinsam zu schauen, wo Hilfen benötigt werden. Darüber hinaus wollen die Mitglieder, dass sich auch die Verursacher und Profiteure an den Entschädigungen beteiligen müssten.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.10.2016 | 18:00 Uhr

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