Festakt mit Ehrengästen: Carlebach-Synagoge wiedereröffnet

Stand: 12.08.2021 15:59 Uhr

Die Carlebach-Synagoge in Lübeck ist am Donnerstag in einer feierlichen Veranstaltung wiedereröffnet worden - nach mehr als sechs Jahren Sanierung.

Rabbiner Nathan Grinberg brachte an den Eingängen der Synagoge kleine Kapseln mit Schriftrollen an, die sogenannten Mesusot, und weihte damit die Synagoge rituell ein. Gottesdienste werden in dem jüdischen Gebetshaus bereits seit etwa einem Jahr wieder gefeiert. Die umfangreiche Sanierung wurde bereits im August 2020 abgeschlossen. Doch wegen der Corona-Pandemie musste die eigentlich für den 2. April geplante Eröffnungsfeier verschoben werden. Auch der Einbau des Toraschreins und anderer Sakralmöbel verzögerte sich durch die Pandemie.

100 ausgewählte Gäste

Rund 100 geladenen Gästen aus Religion, Kultur und Politik waren beim Festakt dabei. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte, die restaurierte Carlebach-Synagoge sei ein Schmuckstück. "Heute wollen wir sie ihrer Bestimmung übergeben: dass hier Menschen gemeinsam Gottesdienste gestalten", sagte er.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) betonte in seiner Rede, dass Jüdisch zu leben, nie wieder etwas sein darf, das man verstecken muss. "Wer Menschen diskriminiert, ausgrenzt und bedroht, greift unsere Gesellschaft und uns alle an."

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Die restaurierte Synagoge in Lübeck. © NDR
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Grütters: Bedeutendes Bauwerk jüdischen Kulturerbes in Deutschland

Monika Grütters, Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, bezeichnete in ihrer Ansprache die Carlebach-Synagoge als ein bedeutendes Bauwerk jüdischen Kulturerbes in Deutschland und Europa. "Wie viele andere Bauten in unserem Land zeigen auch die Synagoge in Lübeck und ihr prachtvoller Gebetssaal jüdisches Leben als inspirierenden Teil deutscher Geschichte und Gegenwart", sagte die CDU-Politikerin. Die aus dem Jahr 1870 stammende Synagoge war von 2014 bis 2020 mit finanzieller Hilfe des Bundes, des Landes, der Hansestadt Lübeck und mehrerer Stiftungen für rund 8,4 Millionen Euro von Grund auf saniert worden.

Einzige Synagoge in SH, die Nazizeit überstanden hat

Es ist ein wichtiges Ereignis für die Gemeinde mit ihren 600 Mitgliedern. Denn die Carlebach-Synagoge ist die einzige in Schleswig-Holstein, die die Nazizeit überstanden hat. 1938 in der Reichspogromnacht wurde das Gebäude aber von den Nationalsozialisten schwer verwüstet, und das Regime zwang die Gemeinde, das Gebäude für wenig Geld an die Stadt zu verkaufen. Ein großer Schock war dann der Brandanschlag 1994.

Neonazis hatten in der Nacht zum 25. März an einem Seiteneingang der Synagoge Feuer gelegt. Vier Männer wurden zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren verurteilt. Ein Jahr später passierte das erneut - die zweite Attacke im Mai 1995 wurde jedoch nie aufgeklärt. Seither bewacht die Polizei die Synagoge rund um die Uhr. Auch zur Wiedereröffnung gab es besondere Vorkehrungen, damit die Jüdische Gemeinde mit ihren Gästen sicher feiern konnte.

Umfangreich sanierter Gottesdienstraum

Tischler arbeiten in der Lübecker Synagoge. © NDR Foto: Thorsten Philipps
Tischler arbeiten an der Lübecker Synagoge. Nach vielen Jahren Bauzeit ist nun alles fertig.

Statt der geplanten 3,3 Millionen Euro hatte die Sanierung insgesamt 8,5 Millionen Euro gekostet. Vor allem im Innenbereich ist die reich verzierte Gebetshalle, zweistöckig und mit bunten Glasfenstern versehen, zu altem Glanz gebracht worden. Wand- und Deckenmalereien wurden offengelegt, geschnitzte Geländer aufbereitet. Wertvolle neue Sakralmöbel, eigens in Israel angefertigt, wurden im August 2020 aufgebaut. Aber auch Heizung, Dach, Sanitäranlagen mussten erneuert werden, Seminar- und Büroräume sind entstanden, ein Aufzug wurde eingebaut. Bei der Finanzierung haben Bund, Land, Stadt, die Gemeinde, aber auch Stiftungen und Privatleute schließlich gemeinsam die nötigen Mittel aufgebracht.

Es gibt auch eine digitale Ausstellung

Ab dem 12. August wird hier auch eine ständige Ausstellung über die Geschichte der Lübecker Juden und der Synagoge stattfinden. Mithilfe eines neuen eGuides auf der Seite carlebach.eguide.de kann die Ausstellung auch digital besucht werden. Die Gemeinde bietet Religionsunterricht und Beratung zu jüdischen Ritualen, es gibt unter anderem einen Chor und eine Kindergruppe, Kurse wie etwa "Jiddisch für Anfänger" und eben regelmäßige Gottesdienste, die sieben lange Jahre im Keller neben der Synagoge abgehalten werden mussten. Außerdem gehören zwei Friedhöfe zur Gemeinde.

Als erstes Geschenk überreichte Pröpstin Petra Kallies als Vorsitzende des Arbeitskreises christlicher Kirchen (ACK) beteits am Mittwoch eine große Spende: 18.000 Euro kamen bei zwei Sonderkollekten der evangelischen, katholischen, freikirchlichen und neuapostolischen Kirchengemeinden zusammen. Die Spende soll der Grundstock sein für eine neue Thora-Rolle, das nächste Projekt der Jüdische Gemeinde Lübeck.

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Die Carlebach Synagoge .
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.08.2021 | 17:00 Uhr

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