Euroscheine liegen auf einem Heizkörper © picture alliance Foto: Sven Simon

Familien könnten bald 5.000 Euro für Gas im Jahr zahlen

Stand: 16.08.2022 16:17 Uhr

Die Gas-Umlage von 2,4 Cent war erst der Anfang. Der Marktpreis ist um rund 20 Cent gestiegen. Dieser könnte laut Experten zeitverzögert auf die Rechnungen durchschlagen.

von Peer-Axel Kroeske

Es begann vor genau einem Jahr im August 2021, lange vor der russischen Invasion in der Ukraine. Branchenkenner rätselten, warum der Gaspreis im Großhandel plötzlich nach oben schoss. Lange Zeit hatte er zwischen zwei und drei Cent pro Kilowattstunde gelegen. Vorübergehend verdreifachte er sich. Einige Beobachter vermuteten schon damals einen Zusammenhang mit Russland. Auch die anlaufende Wirtschaft nach Corona und pure Spekulation galten als Erklärung.

Langfristige Lieferverträge laufen aus

Die Versorger beruhigten damals noch: Lieferverträge sind langfristig. Doch nur ein kleiner Teil der eingekauften Gasmenge wird in der gesamten Branche länger als ein Jahr im Voraus bestellt, erklärt jetzt ein Experte der Stadtwerke Flensburg im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein. Denn die Jahresverträge setzen eine kontinuierliche Abnahme über die gesamte Zeit voraus und orientieren sich somit am niedrigen Bedarf im Sommer. Entscheidend für den Winter seien stattdessen die Quartals- und Monatskontrakte. Für das kritische erste Quartal 2023 werden diese erst seit Ende 2021 gehandelt. Wer damals schon bestellte, zahlte bereits 7 Cent. Wer aufgrund des hohen Niveaus zögerte, muss inzwischen mit 20 Cent kalkulieren.

Fünffacher Erdgaspreis sogar für Bestandskunden

Für Privatverbraucher kommen mehrere Cent für Netzentgelte, Steuern, Abgaben, der CO2-Preis, die neue Umlage und Gewinnmargen der Händler hinzu. Aus diesem Grund erhöhen einige Anbieter ihren Preis bereits drastisch. So soll ein Bestandskunde von ROTH-Gas in Schleswig-Holstein künftig rund 27 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Ein Wechsel bringt allerdings kaum Vorteile. Für die günstigsten Neuverträge wird in Vergleichsportalen ebenfalls dieser Preis verlangt. Erschwinglich erscheint dagegen noch die Grundversorgung. Eon als größter Anbieter in Schleswig-Holstein verlangt im eigenen Gebiet derzeit gut 13 Cent. Doch dieser Tarif kann monatlich angepasst werden. Bei den Stadtwerken müssen sich auch die politischen Gremien damit befassen, die erst jetzt nach der Sommerpause darüber beraten, so der Flensburger Experte. Spätestens Mitte Dezember werden die Kunden sämtlicher Anbieter über ihre Abschläge für 2023 informiert.

Sozialer Sprengstoff: 5.000 Euro im Jahr für Erdgas

Bei einem Preis von 25 Cent zahlt eine Familie künftig rund 5.000 Euro pro Jahr für Erdgas. Das gilt für ein durchschnittlich gedämmtes Einfamilienhaus mit einem Verbrauch von 20.000 KWh. Bisher waren es etwa 1.000 Euro. Unsanierte Altbauten werden erst recht zum Groschengrab. Gleichzeitig müssen sich Verbraucher auf steigende Kosten für Strom, Benzin und Konsumartikel einstellen. Welche Höhe tatsächlich erreicht wird, ist offen. Die Bundespolitik diskutiert über weitere Entlastungen und die Idee, einen geringen Grundbedarf preislich zu deckeln. Ein sparsamer Verbrauch in Haushalten und Industrie könnte der Preisspirale entgegenwirken. Im Falle einer Rezession sinkt ebenfalls die Nachfrage

Stadtwerke Flensburg: Rechnung mit vielen Unbekannten

Die Stadtwerke Flensburg sehen sich mit mehreren Lieferanten gut aufgestellt. Sie können zudem flexibel entscheiden, ob sie georderte Gasmengen im eigenen Kraftwerk für Strom und Fernwärme verbrennen oder an Privatkunden liefern und dann in Flensburg mehr Kohle einsetzen. Trotzdem steht das Unternehmen vor einer Rechnung mit vielen Unbekannten. Wenn aufgrund der Turbulenzen ein hoher Anteil der 50.000 Gaskunden außerhalb Flensburgs kündigt, sinkt plötzlich die benötigte Gasmenge. Zu befürchten ist zudem, dass immer mehr Kunden ihre Abschläge nicht mehr bezahlen. Gegen dieses Risiko können sich Gasanbieter versichern. Doch auch hier ist unklar, ob das System irgendwann überlastet wird.

Neuverträge für Strom um die Hälfte teurer

Eine ähnliche Lage zeichnet sich derzeit am Strommarkt ab. Der kleine Ökostrom-Anbieter "Strom von Föhr" hat deshalb allen Kunden zum Monatsende August ordnungsgemäß gekündigt, das direkte Privatkundengeschäft ist damit vorbei. Geschäftsführer Jan Brodersen sagte NDR Schleswig-Holstein, ein Grund sei die Sorge vor einer Prozessflut. Dennoch steigen die Preise im Strommarkt voraussichtlich weniger stark als beim Gas. Neuverträge mit zwei Jahren Preisgarantie haben sich etwa um die Hälfte verteuert.

Zwei kritische Winter

Der Winter 2023/24 könnte zu einer noch größeren Belastungsprobe werden, wenn die Gasspeicher im kommenden Frühjahr komplett leer sind und sich nur langsam wieder füllen, betont Technik-Vorstand Jörg Teupen von den Stadtwerken Kiel. Eine zentrale Rolle spielen dabei die schwimmenden LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven. Sollte Russland plötzlich wieder verlässlich Gas liefern, kann sich die Lage deutlich schneller entspannen. In den kommenden Jahren dürfte allerdings ein steigender CO2-Preis für den Klimaschutz das Erdgas erneut verteuern.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.08.2022 | 12:00 Uhr

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