Eine Mutter mit spastischen Lähmungen macht Mut

Stand: 01.07.2022 15:55 Uhr

Katharina Riedel hat eine Zerebralparese, eine spastische Lähmung in Armen und Beinen. Und sie hat einen kleinen Sohn. Sie will ihre Erfahrungen als Mutter mit anderen teilen - und Menschen mit Behinderungen Mut machen. Deshalb hat sie einen Ratgeber geschrieben.

von Corinna Below

Auf dem Wickeltisch liegt der kleine David (Name geändert), ganz still und geduldig. Zweieinhalb Jahre ist er alt. Seine Mutter wickelt ihn - viel langsamer als andere Eltern. Katharina Riedels Hände sind spastisch gelähmt. "Mama", sagt er immer wieder - und lacht. Katharina Riedel erzählt: "Viele haben mir abgeraten, ein Kind zu bekommen." Sogar Mitglieder aus ihrer eigenen Familie seien dagegen gewesen. Sie meinten, sie falle der Gesellschaft schon genug zur Last, erzählt Riedel, "so denken viele."

Wickeln mit Assistentin

Für sie ist das eine traurige Realität. Katharina Riedel braucht Hilfe im Alltag - für sich selbst, aber auch, wenn sie David wickelt. Deswegen hat sie eine Assistentin. Sie muss sich von ihr das Feuchttuch und die Cremetube reichen lassen. Alleine könnte sie das nicht. Trotzdem sagt sie: "Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, war die beste meines Lebens."

Katharina Riedel hat eine Zerebralparese, eine spastische Lähmung in Armen und Beinen, weil sie während ihrer eigenen Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hat. Deshalb sitzt sie im Rollstuhl und kann ihre Beine, Arme und Hände nur sehr eingeschränkt benutzen. Deswegen kann sie ihren Sohn zum Beispiel nicht allein hochheben, kann ihn nicht einfangen, wenn er wegläuft, oder ihm auf der Schaukel Anschwung geben. Aber sie kann ihm vorlesen, mit ihm schmusen, ihm die Welt erklären oder mit ihm Eis essen. Dann füttert Assistentin Elena Kunz sie eben beide. Kunz sagt: "Meine Aufgabe ist es, Katharinas Arme und Beine zu ersetzen, wenn ihr Mann nicht da ist. Mehr nicht. Sie ist die Mutter und sie ist eine sehr gute Mutter. Sie weiß genau, was sie will."

"Ich habe mir ein Haus, eine Familie und Kinder gewünscht"

Vor sechs Jahren haben Katharina und Georg (Name geändert) geheiratet. Doch schon kurz nachdem sie 2010 zusammenkamen, sprachen sie erstmals davon, ein Kind haben zu wollen. "Ich bin vielleicht ein bisschen spießig", sagt sie. "Ich habe mir ein Haus, eine Familie und Kinder gewünscht." Warum auch nicht, findet sie. Sie, als behinderte Frau, habe schließlich die gleichen Rechte wie alle anderen auch. Und ihr Mann sagt: "Ein Kind haben wir uns beide gewünscht, aber ich war unsicher, ob es körperlich möglich sein würde."

Katharina Riedel fing an, zu recherchieren. Sie gab die passenden Begriffe in die Suchmaschine ein: "Zerebralparese und Schwangerschaft", "Schwangerschaft und Spastik" und "Hüftdysplasie und Schwangerschaft". Nichts. "Es gibt rein gar keine Informationen für Frauen wie mich im Internet. Es ist fast so, als gäbe es uns nicht", sagt Riedel.

Medizinisch sprach nichts gegen eine Schwangerschaft

Sie ist überzeugt: Viele Frauen mit ähnlicher Behinderung lassen sich davon entmutigen. Sie nicht. Sie dachte: Jetzt erst recht. Katharina Riedel machte Termine mit ihren Ärztinnen und Ärzten und der Ergotherapeutin aus, um alles abklären zu können. Organisch sprach nichts dagegen. Das war schon einmal gut. Am meisten Sorgen machte sie sich aber darüber, ob ihr Becken und ihre Wirbelsäule eine Schwangerschaft mitmachen würden. Doch der Orthopäde sagte ihr, dass trotz ihrer Hüftdysplasie und der Skoliose, einer starke Wirbelsäulen-Verkrümmung, nichts gegen eine Schwangerschaft sprechen würde.

Katharina Riedel fand nach Wochen und Monaten der mühsamen Recherche auch heraus, dass sie einen Anspruch auf Elternassistenz hat, das, was nun seit mehr als zwei Jahren Lena Kunz macht. Jeden Tag kommt sie für acht Stunden und hilft im Haushalt, bei der Pflege und mit dem Kind. In der langen Zeit der Suche nach Antworten hat Katharina Riedel sich immer wieder Notizen gemacht und mit der Zeit entstand die Idee, ein Buch über ihre Recherchen und ihre Erlebnisse zu schreiben. Es sollte ein Erfahrungsbericht werden.

Ratgeber für Mütter mit und ohne Behinderung

Etwa ein Jahr lang schrieb sie - mithilfe von Spracherkennung. "So konnte ich viel schneller vorankommen." Durch ihr Studium war die Theologin bereits sehr routiniert darin, nahezu druckreif zu diktieren. Seit ein paar Monaten ist Katharina Riedels Buch nun auf dem Markt: "Mami auf Rädern". Es sei ein Ratgeber für alle Mütter, "nicht nur für Mütter mit Behinderung", sagt die Autorin. "Mir war auch wichtig zu zeigen, dass alle Mütter am Ende ähnliche Herausforderungen zu meistern haben. Schlafmangel und Fragen: Wie füttere ich Beikost? Wie beruhige ich mein Kind?" Mit dem Unterschied, dass Riedel dafür eben die Unterstützung durch ihre Assistentin braucht. "Klar, es ist manchmal frustrierend, dass ich meinen Sohn nie allein beruhigen konnte", sagt sie. Aber das sei nun einmal so.

"Mami auf Rädern" ist mehr geworden als ein reiner Erfahrungsbericht. Katharina gibt auch praktische Tipps für Mamas im Rollstuhl. Hier ein Beispiel:

"Es gibt bis heute keinen bezahlbaren Kinderwagen auf dem Markt, der in Verbindung mit einem Rollstuhl genutzt werden kann. Hier musste sich Sara, meine Ergotherapeutin, auf eine intensive Suche nach einer Alternative begeben. Sie wurde tatsächlich fündig. Sie fand einen sogenannten Multi-Rollstuhl-Adapter, auf dem eine Liege beziehungsweise später auch eine Sitzschale für das Kind angebracht werden kann."

Diesen Multi-Rollstuhl-Adapter hat sie sich besorgt. Bezahlt hat die Stadt Kiel. Und jetzt ist er wichtiger Teil im Alltag der jungen Familie.

Ausflug mit Rollstuhl und Adapter

Wenn es heißt, "wir gehen jetzt spazieren", will David sofort seine Schuhe anziehen und die einzelnen Adapter-Teile reichen - denn erstmal muss er am Rollstuhl befestigt werden. Das sind drei Handgriffe. Am Schluss kommt die Sitzschale drauf und David nimmt so schnell er kann vor seiner Mutter Platz. Dann geht es los. Zum Beispiel zum Spielplatz.

Ein Appell an die Gesellschaft

An öffentlichen Orten wird Katharina Riedel manchmal gefragt, ob ihre Begleiterin die Leihmutter sei. "An schlechten Tagen verletzt mich das, aber meistens nehme ich es mit Humor." Und dann denke sie, dass die Gesellschaft noch viel lernen muss. Sie müsse lernen zu verstehen, dass auch Frauen mit Behinderung Mütter sein können. Gute Mütter. In ihrem Buch schreibt sie:

"Appell: Außerdem ist es mir ein Herzensanliegen, anderen Betroffenen Mut zu machen, ihre eigenen Träume zu leben, scheinen sie auch noch so unerreichbar. Ich habe für mich eines gelernt: Ein Kind braucht keine perfekte Mutter, die alles mit ihm machen kann. Ein Kind braucht vor allem eine Mutter, die ihm mit bedingungsloser Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit und viel Geduld begegnet. All das versuche ich David nach meinen Möglichkeiten zu geben und ich bin mir sicher, dass er das spürt."

 

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Schleswig-Holstein Magazin | 01.07.2022 | 19:30 Uhr

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