Polizisten untersuchen ein Haus in Dänischenhagen, in dem zwei Tote gefunden wurden. © dpa-Bildfunk Foto: Axel Heimken

Dänischenhagen: Sechs Monate aufwendige Ermittlungen

Stand: 19.11.2021 08:17 Uhr

Mittlerweile liegt der Fall Dänischenhagen ein halbes Jahr zurück. Drei Menschen waren damals getötet worden. Wie ist der Stand der Ermittlungen?

von Christian Nagel

Oberstaatsanwalt Michael Bimler antwortet vor laufender Kamera auf die Fragen eines NDR-Reporters zum Tötungsdelikt in Preetz. © NDR
Oberstaatsanwalt Michael Bimler muss bei den Ermittlungen auch die Beweggründe des mutmaßlichen Täters ergründen.

Drei Tote an zwei Tatorten, zwei unterschiedliche Waffen und ein mutmaßlicher Täter, der sich zu dem Fall und seinen Motiven nicht äußern will. Auch sechs Monate danach haben es die Tötungsdelikte in Dänischenhagen und Kiel auch aus kriminalistischer Sicht in sich. Warum schoss der damals 47 Jahre alte Zahnarzt aus Westensee am 19. Mai dieses Jahres in Dänischenhagen (beide Kreis Rendsburg-Eckernförde) auf seine von ihm getrennt lebende 43-jährige Ehefrau und ihren 53 Jahre alten Bekannten? Und welchen Zusammenhang gibt es mit dem dritten Opfer, einem 52-jährigen Mann, den der Beschuldigte kurz danach in Kiel erschossen haben soll? Warum stellte sich der mutmaßliche Täter erst nach einer stundenlangen Flucht in Hamburg der Polizei? Wollte er möglicherweise noch weitere Menschen töten? Diese und weitere Fragen müssen Polizei und Staatsanwaltschaft für eine Anklage vor dem Kieler Landgericht wasserdicht beantworten. Und warum dauert das so lange?

Das Motiv muss gründlich ermittelt werden

Die Ermittlungen im Fall Dänischenhagen sind aufwendig, sagt der Kieler Oberstaatsanwalt Michael Bimler. "Das leuchtet vielleicht nicht gleich jedem ein, was bei Tötungsdelikten alles ermittelt werden muss. Auch dann, wenn sich der Täter gestellt hat", sagt er. Die Kieler Anklagebehörde muss vor dem Landgericht nicht nur nachweisen, dass der Beschuldigte auf die drei Menschen geschossen hat. Laut Bimler muss auch das Motiv klar sein. "Das ist für den konkreten juristischen Vorwurf gegen den Beschuldigten und später für die Strafzumessung des Landgerichts wichtig", erläutert der Oberstaatsanwalt. "Wir müssen zum Beispiel wissen, ob eines der Mordmerkmale erfüllt ist. Hatte der mutmaßliche Täter die Tat geplant oder hat er sie im Affekt durchgeführt? War er zum Zeitpunkt der Schüsse vielleicht nicht schuldfähig? Hatte er Drogen genommen oder Alkohol getrunken?"

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Zweifacher heimtückischer Mord und ein Totschlag

Die Antworten auf diese Fragen entscheiden laut Bimler letztlich darüber, ob man dem Beschuldigten Totschlag oder Mord vorwerfen kann. Bei Totschlag kann ein Angeklagter mit maximal 15 Jahren Haft bestraft werden, bei Mord hingegen mit einer lebenslangen Haftstrafe und unter Umständen auch mit anschließender Sicherungsverwahrung. Laut dem Haftbefehl gegen den Beschuldigten geht die Staatsanwaltschaft im Fall der in Dänischenhagen getöteten Menschen von heimtückischem Mord aus. Im Fall des in Kiel erschossenen 52 Jahre alten Mannes handelt es sich demnach um Totschlag. Ob die Ermittlungen neue Erkenntnisse ergeben haben und aus dem Totschlag noch Mord wird, dazu will sich der Kieler Oberstaatsanwalt noch nicht äußern.

Die Ermittlungen zu diesem Fall sind zeitaufwendig

"Der Täter will nicht und die Toten können nichts mehr sagen. Wir sind also auf Informationen aus dem Umfeld angewiesen", sagt Bimler. Mehr als 100 Zeugen wurden zu dem Fall inzwischen befragt. Das sei zeitaufwendig und nicht immer könnten die Befragten Hinweise zum Motiv geben. Trotzdem müssten die Ermittler auch Informationen erfassen, die im ersten Moment nicht relevant erscheinen. Sie könnten später im Laufe der Ermittlungen trotzdem noch wichtig werden. Inzwischen gibt es 30 Ermittlungsakten mit tausenden Seiten, auf denen unter anderem die Zeugenaussagen notiert wurden.

E-Mails und Chat-Nachrichten müssen ausgewertet werden

Neben den Zeugenaussagen müssen die Ermittler auch technische Geräte, wie etwa Laptops oder Handys, auswerten. "Wir wollen wissen, ob der Beschuldigte Kontakt mit den Opfern hatte. Gab es möglicherweise Streit oder Drohungen? Wurde die Tat eventuell angekündigt?", erklärt Oberstaatsanwalt Bimler weiter. In der Regel müssen die Ermittler dabei die Sicherheitsvorkehrungen von Computern und Telefonen umgehen, um ohne Passwort und Fingerabdruck E-Mails und Chats lesen zu können.

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Beschuldigter gab Hinweis zum Verbleib einer Tatwaffe

Zum aktuellen Stand der Ermittlungen hält sich der zuständige Oberstaatsanwalt bedeckt. Berichte über die politische Gesinnung des Beschuldigten, dessen Waffensammelleidenschaft und seine berufliche Karriere spielen nach seinen Angaben im Verfahren keine besondere Rolle und fallen unter den Schutz des Persönlichkeitsrechts. Bereits bekannt ist, dass sich seine Ehefrau nach Gewaltausbrüchen und brutalen Misshandlungen von ihm getrennt hatte. Und laut Bimler war es der Beschuldigte selbst, der den Ermittlern den Hinweis zum Verbleib der Tatwaffe von Dänischenhagen gab. Der mutmaßliche Täter selbst hatte die automatische Waffe vom Typ Uzi bei einem Bekannten in Kiel abgelegt. Der 48-jährige Milliardärssohn zerlegte die Waffe in Einzelteile und warf sie ins Eckernförder Hafenbecken und von der Levensauer Hochbrücke aus in den Nord-Ostsee-Kanal. Dort wurde ein Großteil der Einzelteile wenige Tage später von Tauchern der Polizei gefunden. Eine Pistole stellte die Polizei Hamburg sicher, als sich der mutmaßliche Täter nach einer stundenlangen Flucht den Beamten stellte.

Prozessbeginn am Landgericht Kiel ist weiter offen

Zur Anklage gegen den Beschuldigten äußert sich die Staatsanwaltschaft aktuell nicht. Sie soll aber in Kürze vor dem Kieler Landgericht erhoben werden. Auch das Oberlandesgericht (OLG) in Schleswig wird sich mit dem Fall befassen. Denn der mutmaßliche Täter befindet sich bereits seit sechs Monaten in Untersuchungshaft. Die Strafprozessordnung sieht vor, dass das OLG dann über eine Verlängerung der U-Haft entscheiden muss. Wann das Verfahren gegen den Beschuldigten vor dem Landgericht Kiel beginnen wird, steht noch nicht fest. Dass der erste Prozesstag noch in diesem Jahr ansteht, davon geht Oberstaatsanwalt Bimler nicht aus.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.11.2021 | 08:00 Uhr

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