Stand: 22.11.2019 14:55 Uhr

"Abtreibungen sind ein totales Schmuddelthema"

von Lena Petersen, NDR Info

Mehr als 100.000 Frauen in Deutschland haben sich im vergangenen Jahr gegen ihre Schwangerschaft entschieden. Sie haben mit Medikamenten oder durch einen operativen Eingriff abtreiben lassen. Dennoch beklagen einige Mediziner, dass der Schwangerschaftsabbruch innerhalb der Ärzteschaft nach wie vor ein Tabu sei. Der neu gegründete Verein Doctors for Choice Germany will das nun ändern.

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Zum Vorstand von Doctors for Choice Germany gehören drei Medizin-Studentinnen und die Ärztin Alicia Baier (dritte von links).

Anna studiert im elften Semester Medizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, aus Angst vor negativen Konsequenzen. Sie fordert gemeinsam mit anderen Studierenden den Lehrplan zu verändern, denn bisher sei das Thema Schwangerschaftsabbruch in ihren Vorlesungen kaum behandelt worden. "Und der Dozent äußert als ersten Satz in der Vorlesung, dass er selbst keine Schwangerschaftsabbrüche durchführen würde", schildert die Studentin ihre Erfahrung. "Das ist also jemand, der gleich zu Anfang feststellt, dass Abtreibungen für ihn moralisch nicht gehen. Dadurch verliert die Vorlesung ihre Objektivität."

"Das medizinische Wissen kommt zu kurz"

Nach Angaben der Uni Kiel wird der Schwangerschaftsabbruch im Studium in zwei Stunden thematisiert - so wenig wie an keiner anderen norddeutschen medizinischen Fakultät. Zentral ist an allen Hochschulen im Norden die ethische Einordnung des Abbruchs. Gegen eine moralische Debatte spreche prinzipiell gar nichts, findet Anna aus Kiel. Das medizinische Wissen über die Abtreibungsmethoden komme aber zu kurz. "Dann gibt es quasi zwei Sätze: Dieses Medikament wird gegeben und dann gibt es eine Curettage."

Veraltete Methoden werden gelehrt

Mit der sogenannten Curettage ist die Ausschabung der Gebärmutter gemeint. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wird diese Methode bei gut 14 Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland verwendet. In Schleswig-Holstein sind es sogar knapp 29 Prozent. Dabei ist diese Methode laut der Ärztin Alicia Baier nicht zeitgemäß: "Das ist eine Methode, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als veraltet und weniger sicher klassifiziert wird."

Baier gehört zum Vorstand von Doctors for Choice Germany. Der Verein setzt sich für die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen ein. Eine Kritik lautet: Das Thema Schwangerschaftsabbruch werde in Medizin-Studiengängen unzureichend behandelt. Zudem sei das vermittelte Wissen häufig veraltet.

"Andere Länder sind viel weiter"

Alicia Baier will auf der Internetseite des Vereins über das Thema Abtreibung aufklären und medizinische Standards etablieren. "Was wir in Deutschland nicht haben, sind Leitlinien, die deutschlandweit gewährleisten würden, dass alle mit den neuesten Methoden Abbrüche durchführen. Und auch forschungsmäßig hinken wir da total hinterher. Es gibt überhaupt keine medizinische Forschung zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland. Da sind Länder wie Schweden, Frankreich, England uns weit voraus." Damit sich junge Ärzte mehr Kenntnisse aneignen können, will Baier sie mit erfahrenen Kollegen vernetzen.

Frauenärztin: Ein totales Schmuddelthema

Auch die Hamburger Frauenärztin Helga Seyler fühlt sich von dem Verein angesprochen. Sie fordert, dass in der Medizin offener über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen wird. "Es ist ein totales Schmuddelthema. Niemand schmückt sich damit, Abbrüche zu machen", sagt Seyler. "Das wird mit erledigt, aber am besten redet man da nicht viel drüber." Dieses Tabu will die 64-Jährige Seyler brechen.

Von Ärzten, die Abtreibungen ablehnen

Aber - genau wie in der Gesellschaft - hat die Abtreibung auch in der Ärzteschaft Gegner. Der Verein Ärzte für das Leben spricht sich auf seiner Internetseite grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbrüche aus. "Wir wehren uns gegen die Ansinnen eines lebensfeindlichen Zeitgeistes und einer familienfeindlichen Politik. Deren unkritische oder gar willige Gehilfen wollen wir nicht sein." An der Tötung Ungeborener wolle man nicht mitschuldig werden.

Auf die Nachfrage inwiefern der Verein mit den Zielen von "Doctors for Choice" übereinstimmt oder ihnen widerspricht, schrieb Paul Cullen, der Vorsitzende von Ärzte für das Leben: "Bereits die Namensgebung und die Unterstützung prominenter Abtreibungsbefürworter wie etwa Christina Hänel auf Twitter lassen vermuten, dass Ziel dieses Vereins ist, den Zugang zur Abtreibung zu erleichtern." Abtreibung bedeute für ihn immer den Tod eines unschuldigen Menschen. Einen erleichterten Zugang zu Abtreibung könne er daher nicht gutheißen.

Sollte der Berufsverband tatsächlich Leitlinien formulieren, sollten aus Sicht von Cullen folgende Punkte auf jeden Fall enthalten sein: "Das Lebensrecht des noch nicht geborenen Kindes muss angemessen berücksichtigt werden. Auch muss gewährleistet sein, dass Frauen mit einer Konfliktschwangerschaft die ganze Palette der möglichen Optionen aufgezeigt und somit der Fokus nicht von vorneherein auf die Abtreibung gelegt wird." Die Ärztin oder der Arzt sei kein bloßer "Operateur" sondern müsse die ganze Patientin im Blick haben. "Bei einer Schwangerschaft hat die Ärztin oder der Arzt mindestens zwei Patienten im Blick. Allein hieraus wir die Komplexität des gesamten Vorgangs ersichtlich", so Cullen.

Die Ausbildung verbessern

Helga Seyler erhofft sich von dem Verein Doctors for Choice Germany nun eine neue Stimme innerhalb der Debatte. "Es ist auf jeden Fall gut, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es eine bessere Aus- und Fortbildung in dem Bereich geben muss. Dafür kann sich so eine Organisation starkmachen, weil das in den Fachgesellschaften eben vollkommen ignoriert und vernachlässigt wird.

Klaus Deitmaring vom Malteser Franziskus-Hospital .

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NDR Info | Aktuell | 21.11.2019 | 06:38 Uhr

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