Stand: 29.08.2020 07:48 Uhr

Schwieriges erstes Jahr für Rostocks OB Madsen

von Jürn-Jakob Gericke, NDR 1 Radio MV

Der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen © NDR Foto: NDR
Der Däne Claus Ruhe Madsen ist seit einem Jahr Oberbürgermeister von Rostock: Die Corona-Krise hat viele Vorhaben durcheinander gebracht.

Ein Konzert, für das rund 5.000 Leute Tickets gekauft haben, spontan zu untersagen - und das als Politiker, der gern populäre Entscheidungen trifft. Die Absage des Auftritts von Johannes Oerding in der Stadthalle war ein Wendepunkt in der nun einjährigen Amtszeit des Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos). Ein verrücktes halbes Jahr liegt hinter ihm, zieht er gegenüber dem NDR Nordmagazin Bilanz: "Hätte mir jemand gesagt, du wirst die Schulen schließen, du wirst die Leute nicht zu den Seawolves lassen, du wirst ein Konzert absagen, du wirst die 30. Hanse Sail absagen - demjenigen hätte ich nie geglaubt, dass ich dann noch meinen Job haben würde."

VIDEO: Rostocks OB Madsen: Wie war das erste Jahr? (3 Min)

Corona brachte Vorhaben und Projekte durcheinander

Vor Corona waren die Voraussetzungen für den ersten ausländischen Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gut. Rostock war schuldenfrei und große Investitionen standen an. Madsen hatte viel vor: Im Wahlkampf hatte er unter anderem versprochen, die Stadtteile und den Stadthafen zu entwickeln, in Infrastruktur zu investieren, die Digitalisierung voranzutreiben und Wohnraum zu schaffen. Jetzt stehe die Stadt durch die Corona-Pandemie vor dem stärksten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg, schätzt der Oberbürgermeister.

VIDEO: Unsere Bürgermeister: Stadt, Land, Politik (1/2) (30 Min)

Madsen hofft auf mehr Innovation durch die Krise

Madsen sieht aber auch Chancen in der Krise. Sie habe die Menschen offener für Veränderungen gemacht. Vor Corona habe er versucht, viele von der Digitalisierung von Prozessen zu überzeugen. Wie Madsen erzählt, habe ihm jemand geantwortet: "Super Idee, Claus, aber nicht bei mir im Amt!" Mittlerweile würden nun einige von sich aus auf den Oberbürgermeister zukommen und sich mehr Digitalisierung wünschen. Diese Stimmung wolle er nun mitnehmen und mit den Leuten, die dazu bereit sind, durchstarten.

Frischer Wind trifft auf Widerstand in der Verwaltung

Der Oberbürgermeister, der frischen Wind versprach und vieles anderes machen will, stößt in der Rostocker Verwaltung teils auf Widerstand. Er höre von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hin und wieder die Aussage, für dieses Vorhaben brauche man erst ein Konzept, kritisiert Madsen: "Das kann in der Verwaltungssprache heißen: Eigentlich haben wir darauf keine große Lust. Und dann können wir es planen und nochmal planen und wieder überplanen. Davon müssen wir weg" Die Verwaltung müsse ein Stück weit begreifen, dass die Bürgerinnen und Bürger ihn gewählt hätten, weil sie frischen Wind und einen neuen Weg wollten.

Kritik an Madsens Amtsführung in der Bürgerschaft

Die unkonventionelle Amtsführung sorgt aber auch in der Rostocker Bürgerschaft für Ärger. Gerade hat der Vorsitzende des Ausschusses für Schule und Sport, Karsten Kolbe (Die Linke), sogar disziplinarrechtliche Konsequenzen für Madsen gefordert. Der Oberbürgermeister habe trotz mehrfacher Einladungen nicht an Ausschusssitzungen teilgenommen, obwohl er dazu verpflichtet sei. Madsen entgegnete gegenüber dem NDR, er habe wegen der Corona-Krise keine Zeit gehabt, habe aber Alternativen angeboten.

Madsen wolle vor allem Promi werden, kritisiert Linke

Der Däne Claus Ruhe Madsen (parteilos), bis vor kurzem Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock, Kandidat in der Oberbürgermeister-Stichwahl. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck
Madsens Politikstil ruft manchen Kritiker auf den Plan.

Die Chefin der Linksfraktion, Eva-Maria Kröger, kritisiert im NDR Nordmagazin hingegen, Madsen verwende zu viel Kraft und Zeit auf Öffentlichkeitsarbeit. Er gebe sich zu viel Mühe, beliebt zu sein oder gar prominent zu werden: "Er muss sich auf das Wesentliche konzentrieren. Herr Madsen ist als Bürgermeister zuerst Chef der Verwaltung. Da muss man sich um deren wichtige Aufgaben kümmern - und da ist wirklich noch Luft nach oben. Er muss sich um die drängendsten Probleme kümmern und dazu gehört mehr als nur auf Veranstaltungen zu gehen und Fotos von sich machen zu lassen. Er muss seinen Pflichten nachkommen und da liegt zurzeit einiges im Argen."

Andere begrüßen den neuen Politikstil

Daniel Peters, der Fraktionsvorsitzende der CDU-Fraktion, zeigt sich dagegen zufrieden mit Madsens Arbeit. Er habe viele Dinge auf den Prüfstand gestellt und hinterfrage diverse Projekte, ob sie für die Stadtentwicklung wichtig sind oder nicht. Das sei wichtig, so Peters: "Er hat vor allem einen neuen Kommunikationsstil eingeführt, da müssen sich manche noch dran gewöhnen." Ähnlich sieht das der grüne Fraktionschef in der Bürgerschaft, Uwe Flachsmeyer: "Madsen bringt viel frischen Wind in Stadtverwaltung und Politik hinein. Es ist gut, dass er 20 Jahre alte Bräuche hinterfragt."

Fahrradinitiative sieht noch keine Fortschritte durch Madsen

Eines von Madsens Vorhaben, nämlich Rostock zur Fahrradstadt zu machen, wird besonders kritisch begleitet. Die Initiative "Radentscheid Rostock" hat sich jüngst in einem offenen Brief an den Oberbürgermeister gewandt. Darin wird bemängelt, dass es in den vergangenen Monaten aus Sicht der Initiative noch keine Fortschritte auf Rostocks Straßen gab. Madsen entgegnet gegenüber dem NDR Nordmagazin, auch er hätte gern schneller Ergebnisse. Er habe aber bereits ein neues Amt für Mobilität geschaffen und einen Kontakt zu einem Radplaner aus Skandinavien hergestellt. Der politische Willen, das Personal und Geld seien da, um in der kommenden Zeit Maßnahmen umzusetzen.

Für sein zweites Amtsjahr wünscht sich Madsen, dass in Rostock weniger geplant und mehr umgesetzt wird: "Ich denke mal, dass jetzt ein bisschen Normalität zurückkehrt. Ich hoffe es zumindest."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 28.08.2020 | 19:30 Uhr

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