Luftbild vom Peenetal

Podcast Dorf Stadt Kreis: Streit um Naturschutz im Peenetal

Stand: 01.11.2021 05:08 Uhr

Das Peenetal von Anklam bis zum Peenestrom soll bis 2024 unter Naturschutz gestellt werden. Das Land Mecklenburg-Vorpommern erfüllt damit eine Verpflichtung, die es dem Bund 1992 gegeben hat. Doch das Vorhaben polarisiert.

von Claudia Arlt

René Voss streichelt den Kopf einer Kuh. Der Bio-Landwirt züchtet Angus-Rinder. Eigentlich hat sich Voss für die Seefahrt interessiert und Nautik studiert. Doch dann wollte sein Vater in den Ruhestand gehen und die Frage stand im Raum: Was passiert mit dem Betrieb in Jamitzow? René Voss hängte ein zweites Studium dran - Agrarwirtschaft in Neubrandenburg und hat vor kurzem den Öko-Betrieb komplett übernommen. 300 Hektar Weiden, Felder und Wald. Gedankenversunken steht er bei seinen Angus-Rindern auf der Weide. Der Landwirt sorgt sich.

Wirtschaftliche Verluste, mehr Bürokratie

Bio-Landwirt René Voss steht auf einer Weide neben Rindern.
Landwirt René Voss darf seine Rinderherde nicht mehr zufüttern und muss weniger Tiere halten, wenn das Peenetal zum Naturschutzgebiet wird.

Denn 200 von seinen 300 Hektar könnten schon bald zum geplanten Naturschutzgebiet "Peenetal von Anklam bis Peenestrom und Haff" liegen. "Dann darf ich meine Tiere nicht mehr zufüttern. Dies brauchen sie aber, wenn das Gras wie jetzt im Herbst nass ist, sonst gibt's Durchfall", erklärt er. Auch darf er nicht mehr so viele Rinder wie jetzt auf einer Weide halten. Wenn er neues Gras auf seinen Weiden ansäen will, muss er sich das von der Naturschutzbehörde genehmigen lassen. So ist es im Entwurf der Naturschutzverordnung nachzulesen. Voss fürchtet wirtschaftliche Verluste und mehr Bürokratie. Deshalb ist er gegen das Vorhaben.

"Das hier ist schon so was wie eine Enteignung", meint Klaus Keunecke. Er bewirtschaftet entlang des Peenestroms 1.000 Hektar Wald, die Hälfte davon würde im neuen Naturschutzgebiet liegen. Mit dem Schutzstatus werde er wirtschaftlich so eingeschränkt, dass der Betrieb rote Zahlen schreiben werde, so Keunecke. Er will seinen Wald zum Beispiel klimastabil machen mit neuen Arten wie der Küstentanne, Douglasie und Roteiche - alles Arten, die nicht heimisch sind und damit laut Verordnungsentwurf nicht zulässig. 100 Hektar seines Waldes liegen zudem unter dem Meeresspiegel. Keunecke befürchtet, dass diese Bestände absterben, wenn der Wasserabfluss über Gräben und Schöpfwerk eingestellt werde.

Peenetal langfristig schützen

Bereits 2009 und 2010 hat das Land die ersten beiden Teile des Peenetals unter Naturschutz gestellt. Mit dem dritten Teil sollen es dann insgesamt 20.000 Hektar sein. Umweltminister Backhaus betont, dass keine neuen Vernässungen geplant sind, sondern das Gebiet allein den Schutzstatus erhalten solle. Rund 31 Millionen Euro hat das Land seinerzeit dafür bekommen, dass es eines der größten zusammenhängenden Moorkomplexe dieser Art in Europa langfristig schützt - mit seinen Sümpfen, Rieden, Erlen- und Moorwäldern sowie den zahlreichen bedrohten Tier- und Pflanzenarten wie den Schreiadlern und Orchideen.

Moore schützen das Klima

Das Geld wurde genutzt, um Polder entlang der Peene von den Eigentümern abzukaufen und anschließend wieder zu bewässern. Dort soll sich der Moorkörper erholen und wieder wachsen. Franziska Tanneberger vom Greifswalder Moor Centrum beobachtet, dass die renaturierten Flächen im Peenetal kein klimaschädliches Kohlendioxid mehr ausstoßen. Entwässerte Moore allerdings schon. "Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern höhere Treibhausgasemissionen als der Bundesdurchschnitt." Das sei dem hohen Anteil von Niedermooren geschuldet. Mehr als 60 Prozent - das sind 180.000 Hektar - sind stark entwässert und setzen deshalb Treibhausgase frei.

Wie geht es weiter?

Das Land hält daran fest, seiner Verpflichtung gegenüber dem Bund bis 2024 nachzukommen und das Großschutzprojekt abzuschließen. Allerdings will das Umweltministerium nun gezielt über das Vorhaben in der Region aufklären. "Wir lassen Vorpommern nicht absaufen", betont Minister Backhaus. Erste Informationsveranstaltungen sind bereits Ende dieses Jahres geplant.

Warum das neue Naturschutzgebiet vielleicht auch neue Chancen bieten kann, das ist im neuen Podcast Dorf Stadt Kreis - starke Geschichten aus dem Norden zu hören.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Dorf Stadt Kreis – starke Geschichten aus dem Norden | 28.10.2021 | 15:00 Uhr

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