Kühlungsborner entscheiden: Villa-Baltic-Sanierung mit Hotel-Neubau?

Stand: 17.09.2021 13:09 Uhr

Soll ein städtisches Baugrundstück am "Baltic Park" in Kühlungsborn für einen Anbau an die Villa Baltic verkauft werden? Im Dezember sollen die Einwohner entscheiden - eine Entscheidung mit Folgen.

von Jürn-Jakob Gericke , NDR 1 Radio MV

Es ist eines der markantesten Gebäude an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns, aber an der prunkvollen Villa Baltic in Kühlungsborn nagt der Zahn der Zeit. Schon seit rund 30 Jahren steht das Gebäude leer und verfällt immer mehr. Die jetzigen Besitzer, die Brüder Jan und Berend Aschenbeck, haben eine Sanierung an Bedingungen geknüpft. Sie sagen, die denkmalgeschützte Villa könne nur saniert werden, wenn sie das benachbarte Grundstück kaufen und dort ein Gebäude mit 120 Hotelbetten, Gastronomie, Läden und einem Veranstaltungssaal bauen dürfen. Deswegen werden nun die Kühlungsbornerinnen und Kühlungsborner gefragt, ob sie dem Verkauf eines städtischen Baugrundstücks an die Investoren für einen Anbau zustimmen. Die Stadtvertreterinnen und -vertreter haben auf ihrer Sitzung am Donnerstagabend mehrheitlich beschlossen, dass am 5. Dezember ein Bürgerbegehren durchgeführt werden soll. Um zu einem Ergebnis zu kommen, müssen mindestens 25 Prozent der Abstimmungsberechtigten mitmachen. Wird dem Grundstücksverkauf zugestimmt, sei die Villa Baltic gerettet, versprechen die Investoren.

Sanierung ohne Anbau rechnet sich laut Investor nicht

Jan Aschenbeck steht zwar in den Startlöchern für eine denkmalgerechte Sanierung. Aber die wird für ihn teuer. Wie Aschenbeck dem Nordmagazin sagte, haben Gutachter berechnet, dass die Arbeiten bis zum Fünffachen einer normalen Altbausanierung kosten könnten. Hinzu komme, dass die Denkmalschutzbehörde klare Grenzen setze. So dürften beispielsweise die Grundrisse im Gebäude nicht verändert werden, um dort Wohnungen einzurichten, so Aschenbeck: "Dann eignet es sich als ein Gesellschaftshaus, beispielsweise mit Gastronomie - was sich bei den Sanierungskosten aber nie rechnen würde!"

Protest gegen Hotelbau-Pläne

Um die Investitionskosten finanzieren zu können, will der Villa-Eigentümer einen Anbau inklusive Hotel an die Villa Baltic bauen. Beide Gebäude sollen später für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Im Erdgeschoss des Neubaus könnten zum Beispiel Läden und Restaurants unterkommen. Doch gegen die Neubau-Pläne gibt es Protest. Vor Kurzem hat sich in Kühlungsborn eine Bürgerinitiative gegründet, auf ihren Flyern steht die klare Ansage: "Hände weg vom Baltic Park!" Die Gruppe will erreichen, dass der Baltic Park an der Villa grün bleibt. Die Stadt solle keine Fläche davon verkaufen, vor allem nicht für eine weitere "Bettenburg", heißt es. Die Initiative pocht auf eine Beteiligung beziehungsweise Befragung der Kühlungsbornerinnen und Kühlungsborner, sagt Mitstreiterin Lieselotte Klotz: "Gefragt worden sind die Stadtvertreter, unser Stadtvorsteher und der Bürgermeister, aber nicht die Bürger und Bürgerinnen. Die wollen wir fragen: Soll dieses Grundstück verkauft werden, damit die Villa renoviert werden kann?"

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Fläche ist bereits Bauland

Allerdings war die entsprechende Fläche von Seiten der Stadt nie als reine Grünfläche vorgesehen, sie ist bereits seit Jahrzehnten städtisches Bauland. Viele Jahre stand an der Villa Baltic eine marode Schwimmhalle, die 2017 abgerissen wurde. Investor Aschenbeck sagt, er will sein Hotel auf knapp 70 Prozent der damaligen Schwimmhallen-Fläche bauen. Damit er seine Baupläne umsetzen kann, muss allerdings der bestehende B-Plan geändert werden.

Investor verspricht Transparenz

Jan Aschenbeck weist den Vorwurf einer fehlenden Beteiligung der Einwohnerinnen und Einwohner zurück. Er habe immer eine größtmögliche Transparenz gewollt und mehrere Infoveranstaltungen, auch gemeinsam mit der Stadt, angeboten. Auch über die Presse und im Internet informiere er. Die Optionen für die Villa Baltic und einen möglichen Anbau seien mit einer Arbeitsgruppe besprochen worden, in der die Fraktionen der Stadtvertretung, die Verwaltung, die Denkmalschutzbehörde und ein Architekt vertreten waren.

Einwohner werden befragt

Sollten die Kühlungsbornerinnen und Kühlungsborner dafür stimmen, dass Teile des alten Schwimmhallengrundstücks verkauft werden, um die Villa Baltic zu retten und öffentlich zugänglich zu machen, könnte es schnell gehen. Laut einer Sprecherin von Jan Aschenbeck wäre eine Sanierung des historischen Gebäudes innerhalb weniger Jahre denkbar. Aber die Bürgerinitiative, die sich gegen den Grundstücksverkauf stellt, will weiter Unterschriften für ihr Anliegen sammeln. Einige hundert Einwohnerinnen und Einwohner sollen schon unterschrieben haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.09.2021 | 14:00 Uhr

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