Stand: 06.02.2018 12:37 Uhr

Freispruch im Prozess um MEK-Einsatz in Lutheran

Bild vergrößern
Der Angeklagte (M.) musste sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Polizeibeamte vor Gericht verantworten.

Der Prozess um den verhängnisvollen MEK-Einsatz in Lutheran bei Lübz ist mit einem Freispruch für den Angeklagten ausgegangen. Dem 29-Jährigen waren gefährliche Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte vorgeworfen worden. Der Mann soll bei dem Einsatz im Februar 2016 mit seinem Wagen eine Polizeisperre durchbrochen und dabei einen Beamten verletzt haben. Ein anderer Beamter schoss daraufhin durch die Autoscheibe auf den Angeklagten. Dieser lag mehrere Tage im Koma und verlor schließlich ein Auge.

Gericht: Beamten waren nicht als Polizisten erkennbar

Nach Ansicht des Richters am Amtsgericht Ludwigslust war es dem Angeklagten aus Bolz bei Sternberg (Landkreis Ludwigslust-Parchim) nicht möglich, die Beamten als solche zu erkennen. Damit habe er nicht bewusst eine Polizeisperre durchbrochen. Die Mitglieder des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) aus Hamburg seien in Zivil aufgetreten - ohne Polizeikennung und ohne Blaulicht. Zuvor hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf Freispruch plädiert.

Richter kritisiert Vorgehen der Polizei

Der Richter übte deutliche Kritik am Vorgehen der Polizei. Der MEK-Einsatz sei "schlecht vorbereitet und unprofessionell durchgeführt" worden. So sei etwa die Zielperson mit einem sechs Jahre alten Foto gesucht worden. Dabei sei der junge Mann vor dem Zugriff mit einem Begleiter in einem Baumarkt gewesen und habe sich außerhalb des Autos bewegt. Es wäre möglich gewesen, den Beschuldigten dabei zu fotografieren und das Bild von Kollegen in Hamburg abgleichen zu lassen. Der Richter sprach dem Angeklagten sein Mitgefühl aus. Der 29-Jährige reagierte erleichtert. "Vom Opfer zum Angeklagten zu werden, war schon schwer für mich", sagte er.

Angeklagter ging von Überfall aus

Im Verlauf des Prozesses hatte der Beschuldigte ausgesagt, dass er vor Schreck und aus Versehen losgefahren sei, weil er davon ausging, dass es sich um einen Überfall handelte. Alle am Einsatz beteiligten Beamten seien schwarz gekleidet und vermummt gewesen, nirgends auf der Kleidung hätte für ihn erkennbar Polizei gestanden. Die Männer seien auf ihn zugestürmt und hätten kurz darauf auf ihn geschossen. Beteiligte Beamte hatten ausgesagt, sich durch Rufe "Polizei, nicht bewegen" zu erkennen gegeben zu haben.

Verhängnisvolle Verwechslung

Die Vorgänge vor zwei Jahren in Lutheran hatten seinerzeit für Schlagzeilen gesorgt. Der Angeklagte war an jenem Tag in einem geliehenen Pick-Up unterwegs. Dieser gehörte dem eigentlich Gesuchten aus dem Hamburger Rotlichtmilieu. Der Autobesitzer war wegen Körperverletzung zu einer zweieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, zum Haftantritt jedoch nicht erschienen.

Verhängnisvoller MEK-Einsatz in Lutheran

Vorwurf: Bei Flucht Polizisten angefahren

Die Hamburger MEK-Einsatzkräfte hatten den Wagen in Lutheran mit zwei Zivilfahrzeugen eingekeilt, um die vermeintliche Zielperson festzunehmen. Doch der Zuhälter befand sich nicht in dem Auto. Der Angeklagte versuchte zu entkommen. Dabei kam es zu der Verletzung des Polizisten und schließlich auch zu dem verhängnisvollen Schuss eines Polizisten auf den Angeklagten, durch den dieser ein Auge verlor. Schon einige Tage zuvor war ein Festnahme-Versuch in der Nähe gescheitert. Auch dabei hatten die Ermittler den Gesuchten fälschlicherweise am Ort vermutet.

Ermittlungen gegen Polizisten eingestellt

Die Ermittlungen gegen den Polizisten wegen Körperverletzung im Amt waren eingestellt worden. Er habe seinen Kollegen schützen wollen und rechtmäßig gehandelt, so die Schweriner Staatsanwaltschaft. Am Landgericht Schwerin ist derzeit noch eine Zivilklage des 29-Jährigen wegen Schadenersatzes gegen die Stadt Hamburg anhängig. Der Richter in Ludwigslust sagte, er hoffe, dass sein Urteil im anstehenden Zivilprozess eine "gewisse Hilfe" sei. Der eigentlich gesuchte Zuhälter hatte sich im März 2016 der Polizei gestellt.

Weitere Informationen

Anklage nach MEK-Einsatz in Lutheran

Ein halbes Jahr nach dem verhängnisvollen MEK-Einsatz in Lutheran hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen abgeschlossen. Ein 27-Jähriger, der angeschossen worden war, wurde angeklagt. (31.08.2016) mehr

Polizei-Panne? Mann nach Schuss im Koma

Nahe Parchim hat die Hamburger Polizei am Freitag bei einem Einsatz einen 27-Jährigen offenbar versehentlich schwer verletzt. Er war nicht bewaffnet. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. (14.02.2016) mehr

Einsatz in Lutheran: Straftäter stellt sich

Fünf Wochen nach dem missglückten Polizei-Einsatz in Lutheran hat sich der ursprünglich gesuchte Straftäter den Behörden gestellt, um seine Haftstrafe anzutreten. (17.03.2016) mehr

Gefahr, wo bist du? So arbeitet das MEK

Entführung, Erpressung, organisierte Kriminalität: Die Männer und Frauen des Mobilen Einsatzkommandos werden gerufen, wenn schwere Gefahren und Straftaten drohen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 06.02.2018 | 11:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

02:44
Nordmagazin

Wettbewerb: Nachwuchszüchter zeigen ihr Wissen

15.09.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin
03:19
Nordmagazin

Cruise Festival: Rostock feiert die Kreuzliner

15.09.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin
01:33
Nordmagazin

Die Macher des Feuerwerks beim Cruise Festival

15.09.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin