Experten: Geflügelpest so schlimm wie nie zuvor in Europa

Stand: 30.12.2021 18:02 Uhr

Schon der vergangene Winter hatte Deutschland und Europa eine schlimme Vogelgrippe-Welle gebracht. Nun entwickelt sich die Lage nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts noch dramatischer.

Überlagert von den Meldungen zur Corona-Pandemie spielt sich derzeit ein weiteres Drama weitgehend unbemerkt ab: "Wir erleben in Deutschland und Europa derzeit die stärkste Geflügelpest-Epidemie überhaupt", teilte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Ostsee-Insel Riems mit. Täglich kämen neue Fälle hinzu, und das nicht nur bei Wildvögeln. "Ein Ende ist nicht in Sicht, die betroffenen Länder reichen von Finnland über die Färöer Inseln bis Irland, von Russland bis Portugal." Auch aus Kanada, Indien und Ostasien kämen Meldungen. Für die kommenden Winterwochen seien das keine guten Aussichten, hieß es vom Riemser Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit weiter.

Etwa doppelt so viele Fälle wie im vergangenen Jahr

Allein in Deutschland wurden seit Anfang Oktober 394 Infektionen bei Wildvögeln wie Wildenten, Wildgänsen, Schwänen und Möwen erfasst, hauptsächlich entlang der Küste und insbesondere in Schleswig-Holstein. Zudem wurden vom FLI 48 Ausbrüche in Geflügelhaltungen registriert, allein 18 davon in Niedersachsen. Weitere Fälle betrafen Mecklenburg-Vorpommern (10), Nordrhein-Westfalen (9), Schleswig-Holstein (4), Berlin/Brandenburg, Bayern und Thüringen (jeweils 2) sowie Sachsen-Anhalt (1). Im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres habe es insgesamt nur 26 Fälle bei gehaltenen Vögeln gegeben, also etwa halb so viele wie in diesem Jahr.

In Mecklenburg-Vorpommern zuletzt Fälle in Niendorf, Kemnitz, Dersekow

In Mecklenburg-Vorpommern war die Vogelgrippe zuletzt in Beständen in Niendorf im Kreis Nordwestmecklenburg und in Kemnitz im Kreis Vorpommern-Greifswald ausgebrochen. 80 Vögel mussten getötet werden. Am Mittwoch war das Virus außerdem in einem Puten-Mastbetrieb mit etwa 32.000 Tieren in Dersekow festgestellt worden. Auch dort mussten alle Tiere gekeult werden, damit sich das hochansteckende Virus nicht weiter verbreitet.

Zugvögel verbreiten das Virus

Die Vogelgrippe ist eine Infektionskrankheit, die vor allem bei Wasservögeln auftritt und von Zugvögeln oft über weite Strecken verbreitet wird. Schon in der Saison zuvor hatte es von Herbst 2020 bis Frühling 2021 einen gravierenden Seuchenzug in Deutschland und Europa gegeben - der nun wohl noch übertroffen wird. Die wichtigste vorbeugende Maßnahme zum Schutz von Geflügel sei die Kontrolle und Einhaltung von Biosicherheitsmaßnahmen, heißt es vom FLI. "Praktisch jeder Gang in den Stall ist eine Möglichkeit für das Virus, den Weg zu den Tieren zu finden", sagt Thomas Mettenleiter vom Friedrich-Loeffler-Institut auf dem Riems. "Der Erreger findet die Lücken, die da sind." Zu den Sicherheitsvorkehrungen gehöre die Aufstallung von großen, aber auch kleinen Haltungen. Oberste Prämisse sei die Trennung der eigenen Tiere von Wildvögeln - zum Beispiel durch Dächer, Wände und Zäune.

Infizierte Rotfüchse

Europaweit wurden den FLI-Daten zufolge in diesem Zeitraum 675 Infektionen bei Wildvögeln und 536 Ausbrüche in Haltungen erfasst. Hinzu kämen Einzelfälle bei Säugetieren: So seien in diesem Jahr bereits nachweislich Rotfüchse in den Niederlanden und Finnland, Kegelrobben in Schweden, Seehunde unter anderem in Deutschland und Fischotter in Finnland an Vogelgrippe erkrankt. Es dominiere der Vogelgrippe-Subtyp H5N1, auch H5N8 komme in geringem Ausmaß vor. H5N1 gilt auch für Menschen als potenziell gefährlich, eine Infektion kann in seltenen Einzelfällen tödlich enden. Für H5N8 wurden bisher nur wenige Übertragungen auf den Menschen erfasst. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind für beide Subtypen bisher nicht nachgewiesen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 30.12.2021 | 06:00 Uhr

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