"Alt Tellin hätte so nie gebaut werden dürfen"

Stand: 30.04.2021 17:42 Uhr

55.700 Schweine - Sauen, Ferkel und Eber - sind Ende März in Alt Tellin binnen kürzester Zeit elendig verbrannt. Es war Europas größte Schweinezuchtanlage. Im Raum steht gefährliche Brandstiftung. Doch Anton Baumann, Brand- und Explosionsschutzexperte aus dem Allgäu, erhebt schwere Vorwürfe gegenüber Betreibern und Behörden.

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

"Der Großbrand in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin war eine Katastrophe mit Ansage", sagt Anton Baumann. Der Brandschutzexperte aus dem Allgäu ist Sachverständiger und Störfallbeauftragter für Biogasanlagen und europaweit aktiv. Mittlerweile ist der 66-Jährige im Ruhestand, arbeitet trotzdem noch weiter in seinem Beruf. Baumann schreibt beispielsweise nach Bränden, Explosionen oder schweren Arbeitsunfällen Gutachten für Staatsanwaltschaften und Versicherungen. Er hat Feuerwehren bundesweit geschult. Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat er innerhalb eines Expertenteams 2017 vor dem Verwaltungsgericht in Greifswald zu den Themen Brandschutz- und Explosionsschutz ausgesagt und als Sachverständiger seine Stellungnahme abgegeben. In der Klage damals ging es um die Aufhebung der Genehmigung zur Schweinezuchtanlage. Die wurde 2012 vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburgische Seenplatte erteilt. Der Bescheid liegt dem NDR vor. 

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"Großbrand war eine Frage der Zeit"

Vor dem Greifswalder Verwaltungsgericht hatte Baumann 2017 geschildert, warum er einen Großbrand in Alt Tellin absolut nicht ausschließen kann. "Das von der Betreiberseite angenommene Szenario war ein Brandereignis auf etwa fünf Quadratmetern Fläche in nur einem der Ställe. Da wurde gesagt, dieses Feuer geht nach kurzer Zeit von alleine aus. Man ist von einem Spaltenboden ausgegangen aus Beton und den Wänden aus Stahlblech." Baumann verweist auf die riesige Anlage in Alt Tellin. Hinzu kommt: Die Stalleinheiten waren miteinander verbunden. Er verweist unter anderem auf die Schweinegülle unter den Spaltenböden, die schnell gärt. Dabei entsteht methanhaltiges Faulgas. "Ab 4,4 Prozent Methan in der Luft ist dieses Gas-Luft-Gemisch verpuffungsfähig und hoch entzündlich. Und über dieses Gas-Luft-Gemisch kann sich ein Brand schlagartig ausdehnen." 

Für Baumann deuten alle bekannten Fakten, auch die Bilder des Brandes, darauf hin, dass sich genau solch ein Gas-Luft-Gemisch sehr schnell entzündet hat. Was letztlich die Zündquelle gewesen sein könnte, ist offen. Ein Retten der Tiere war für die Feuerwehrkameraden vor Ort seinen Worten nach unmöglich. "Die Schweine flüchten nicht von allein. Sie müssen befreit werden aus ihren Ständen und Boxen. Sie müssen herausgeführt werden, junge Ferkel sogar herausgetragen werden. Und das mit über 55.000 Tieren, gleichzeitig, unmöglich." Während des Brandes in Alt Tellin konnten "nur" 1.300 Tiere gerettet werden.

Faulgase können verpuffen

Um ein solches Ausmaß möglichst zu verhindern, haben Baumann und sein Expertenteam 2017 vor Gericht auch eine Luftabsaugung unter den Spaltenböden gefordert. "Einer der Richter hat mir damals sogar mündlich Recht gegeben, weil er gesagt hat, er habe auch online recherchiert zu dem Thema Verpuffungen von Faulgasen in Schweineställen und er könne bestätigen, was ich ausgesagt habe". Es blieb bei einem Verhandlungstag 2017 und bei Argumenten ohne Konsequenzen. Die Betreiber in Alt Tellin wechselten, Brandschutzkonzepte wurden immer wieder nachjustiert. Bis zum Schluss gab es laut Baumann keine richtige Sprinkleranlage sondern nur eine sogenannte Schweinedusche. "Das ist keine Brandbekämpfungseinrichtung, sondern eine 'Wellnesseinrichtung' für Schweine, mit der die Schweine bei hochsommerlichen Temperaturen gekühlt werden können."

Experte wirft Behörden Versagen vor

Brand- und Explosionssschutz ist immer Aufgabe des Betreibers. Aber für Baumann haben die zuständigen Behörden ganz klar in ihrer Prüffunktion versagt. "Die Behörde muss prüfen, ob das, was der Betreiber als Brandschutz- und Explosionsschutz-Konzept vorlegt, ob das plausibel ist. Und die Behörde war offensichtlich sehr großzügig. Bei einer sorgfältigen Prüfung hätte diese Anlage so nicht genehmigt werden dürfen." Die für die Genehmigung zuständige Behörde war das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburgische Seenplatte mit Beteiligung des Landkreises Vorpommern-Greifswald.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Mittagsschau kompakt | 30.04.2021 | 18:15 Uhr

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