Kai Schönfeld (links), Regionalleiter des Oldenburg-Ostfriesischen Wasserverbandes OOWV und Bauer Gustav Wolters auf einem Maisfeld © NDR Foto: Verena von Ondarza

Neue Wege: Wasserwerke fördern Öko-Landwirtschaft

Stand: 25.07.2021 19:25 Uhr

In weiten Teilen Niedersachsens ist das Grundwasser stark mit Nitrat belastet. Für die Wasserwirtschaft ist das ein riesiges Problem. Deshalb setzt der Oldenburg-Ostfriesische Wasserverband auf eine Förderung des Ökolandbaus in der Region. NDR Info hat sich das Projekt angesehen.

von Verena von Ondarza

Rund 50.000 Kubikmeter Wasser täglich fördern die Trinkwasserpumpen des Wasserwerks Großenkneten in der Nähe von Vechta. Kai Schönfeld ist Regionalleiter des Oldenburg-Ostfriesischen Wasserverbandes OOWV, er zeigt auf ein Rohr: "Das dicke Rohr, das hier unten entlang läuft, kommt hinten aus den Behältern und wird aufgeteilt auf die einzelnen Pumpen und verlässt dann hier über diese beiden Stränge links und rechts das Werk. Wenn man sich das ansieht, merkt man schnell, dass keine Aufbereitungsstufe dabei ist, um zum Beispiel Nitrat, Pflanzenschutzmittel oder irgendetwas anderes herauszufiltern, das heißt, sobald wir das im Werkseingang haben, haben wir es auch im Werksausgang."

Ein Landwirt verteilt Gülle auf einem Feld nahe der Ortschaft Holthusen II (Landkreis Uelzen). © picture-alliance Foto: Philipp Schulze
AUDIO: Wasserwirtschaft meets Landwirtschaft (5 Min)

Mit der Landwirtschaft kooperieren

Die Region Großenkneten ist agrarisch geprägt - mit viel konventioneller Massentierhaltung und nur wenig Bio-Landwirtschaft. Bundesweit werden rund zehn Prozent der Flächen nach Bio-Regeln kultiviert - hier sind es nicht einmal vier Prozent. Das macht die Trinkwassergewinnung zu einer Herausforderung. Der OOWV setzt deshalb auf Kooperationen mit der Landwirtschaft, zum Beispiel, indem er selbst Agrar-Flächen aufkauft und an Landwirte verpachtet, dann aber mit verschärften Regeln für den Wasserschutz.

Bauer Gustav Wolters vor einem vom Oldenburg-Ostfriesischen Wasserverbandes geliehenen Trecker plus hightech Unkrauthäcksler © NDR Foto: Verena von Ondarza
Mithilfe eines Hightech-Häckslers hat Neu-Bio-Bauer Wolters das Unkraut in seinem Maisfeld unter Kontrolle.

Seit einem Jahr hat Bauer Gustav Wolters ein Feld vom Wasserverband gepachtet, das gilt seitdem als Umstellungsfläche. Zuvor hat sein Nachbar hier konventionell gewirtschaftet. In dieser Saison baut Wolters erstmals Mais nach Bio-Regeln an: "Der steht jetzt genau vier Wochen und einen Tag und hat etwa Kniehöhe erreicht. Ich denke, so 60 Zentimeter haben wir jetzt. Wenn wir noch eine Woche warten, sind die Reihen geschlossen. Unkraut haben wir nur ganz wenig. Etwas Melde, etwas Windenknöterich aber wenn wir jetzt noch einmal durchhacken würden, dann wäre das ganz sauber."

Pachtpreise niedriger als marktüblich

Zu seinem Pachtvertrag gehören auch Regeln, wie er das Land bewirtschaften darf. Teilweise gehen die über die ohnehin schon strengeren Bio-Vorschriften hinaus. So dürfen nach Bio-Regeln 170 Kilo Nitrat pro Hektar als Dünger in den Boden gebracht werden. Auf den Flächen des OOWV darf Wolters nur mit 100 Kilo pro Hektar düngen. Er düngt sogar noch weniger. Die Regeln des Wasserbandes schränken ihn also nicht ein, haben sogar einen weiteren Vorteil: Die Pachtpreise liegen deutlich unter den marktüblichen.

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Agrarland oft zu teuer

Insgesamt hat der OOWV rund 3.000 Hektar Land in seinem Fördergebiet aufgekauft. Das hilft, die Wasserqualität zu wahren. Aber es hat Grenzen, denn die Preise für Land sind auch hier stark gestiegen. Für das Programm hat der OOWV seit den 1990er-Jahren fast 70 Millionen Euro ausgegeben, sagt Schönfeld: "Letztlich gehen wir ja mit dem Geld unserer Kunden um, die es sich nicht aussuchen können, bei wem sie ihr Wasser beziehen. Wir sind Monopolist, insofern haben wir auch eine Verantwortung unseren Kunden gegenüber, was den Umgang mit finanziellen Mitteln angeht. Wir machen da mit, das müssen wir, wenn wir Flächen erwerben wollen. Aber vielfach unterliegen wir da mit unseren Geboten, weil wir auch eine Schmerzgrenze haben und irgendwann aus diesem Preis-Poker aussteigen."

Mit Hightech für weniger Chemie

In den vergangenen zwei Jahren konnte der OOWV nur 100 Hektar Land zukaufen, deshalb setzt der Verband auch auf kleinere Schritte - aber mit viel Gewicht: Gute zwei Tonnen bringt der Trecker samt modernem Unkrauthäcksler aufs Feld. Über eine Breite von sechs Metern zerhacken acht Arme mögliches Unkraut zwischen den Maispflanzen. Damit diese dabei unbeschadet stehen bleiben, sind die Geräte mit GPS und Kameras ausgestattet - Hightech für weniger Chemie in der Landwirtschaft. Drei Stück für rund 100.000 Euro hat der OOWV angeschafft und verleiht sie jetzt an Landwirte. Die sparen bei jedem Einsatz chemische Spritzmittel ein und müssen nur die Lohnkosten zahlen, so Schönfeld: "Pflanzenschutzmittel, von denen wir heute meinen, sie sind unbedenklich, könnten in zehn oder zwanzig Jahren als gesundheitsschädlich gelten. Unser erstes Ziel müsste es sein, überhaupt keine Pflanzenschutzmittel mehr einzusetzen - zumindest da, wo wir ein Wasserschutzgebiet haben und wo unsere Trinkwasserversorgung für die Zukunft entsteht."

Langfristig keine Nebenprodukte mehr ins Grundwasser

Zwar experimentiert der Oldenburg-Ostfriesische Wasserverband an einigen Standorten mit modernen Filteranlagen, die Nitrat und Pflanzenschutzmittel aus dem Trinkwasser herausholen sollen. Aber die Verfahren sind zurzeit noch sehr teuer. Langfristig, so die Hoffnung, ist es günstiger zu verhindern, dass die Nebenprodukte der Landwirtschaft ins Grundwasser sickern, als sie später zu entfernen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 26.07.2021 | 10:41 Uhr

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