Der Eingang zum Verein Asmara's World

Was erwarten Einwanderer und ihre Nachkommen von den Sondierungen?

Stand: 08.10.2021 13:52 Uhr

Die Hälfte der Wahlberechtigten wünscht sich laut ARD-DeutschlandTrend eine Ampel-Koalition aus Grünen, FDP und SPD. Jeder Vierte Jamaika mit der CDU. Von all den Wählerinnen und Wählern in Deutschland sind lediglich 13 Prozent Einwanderer und ihre Nachkommen. Obwohl eigentlich jeder Vierte in Deutschland auch Wurzeln in anderen Ländern und Kulturen hat. Was wünschen sich Menschen aus Einwandererfamilien von einer neuen Regierung?

von Carolin Fromm

Ein großer weißer Tisch in der Mitte; an den Wänden Fotos von Kindern, die zwischen Wohn-Containern in Matschpfützen stehen: Das Büro des Hamburger Vereins Asmara's World ist Asmara Habtezions zweites Zuhause. "Asmara ist die Hauptstadt von Eritrea. Daran haben sich alle erinnert. So wurde ich da reingezogen. Mein Umfeld hat sich dann einfach mit solidarisiert und so ist es Stück für Stück entstanden - und ist immer noch da", sagt sie über ihren Verein. Habtezion und ihr ehrenamtliches Team sind seit 2014 eine der wichtigsten Anlaufstellen für Neuankömmlinge und ihre Nachfahren. Wie kann ich sichergehen, auch weiterhin in Deutschland leben und meine Kinder großziehen zu können? Wie kann ich arbeiten, obwohl ich keinen Pass besitze? Was steht in dem Brief vom Bundesamt? Habtezion sucht Antworten.

Asmara Habtezion: Rassismus wird geleugnet

Asmara Habtezion
Asmara Habtezion engagiert sich in der Arbeitsgruppe Anti-Schwarzer Rassismus in Hamburg.

Die Hamburgerin ist Teil der Black Community. Sie erlebe immer wieder, dass Rassismus verleugnet werde. "Wir haben regelmäßig Eltern, die aufgrund von rassistischen Vorkommnissen zu uns kommen - und es wird nicht anerkannt. Es wird immer gesagt: 'Ich bin kein Rassist, aber...' Und man merkt, dass Menschen hier als 'abgelehnt' abgestempelt werden und dann keinen Zugang zum System mehr haben. Dass Ansichten der AfD gestärkt werden, weil es heißt: 'Die ganzen Einwanderer wollen unser Geld' - obwohl sie blockiert werden, hier zu arbeiten. Und das alles sagt einfach: Es ist ein institutioneller Rassismus, der hier nicht angegangen wird."

Einbürgerung für Menschen, die hier leben und arbeiten

Anerkennung von strukturellem Rassismus. Wahlrecht für Menschen ohne deutschen Pass. Mehr Einbürgerungen. Das würde sie sich konkret wünschen. "Wenn man von Chancengleichheit spricht, dann sollte man auch Chancengleichheit schaffen. Für Menschen, die vielleicht nicht der deutschen Sprache mächtig sind, aber Teil der Gesellschaft sind und arbeiten, sollte man auf jeden Fall gucken, wie man das umsetzt."

Jamaika oder Ampel? Da habe sie keine Präferenz. "Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich stellvertretend für viele Menschen, die nicht typisch deutsch aussehen und trotzdem hier geboren sind, sagen kann, dass ich da gar kein Vertrauen in die Politik habe."

Migrationspolitik: Ampel ist sich näher als Jamaika-Koalition

Immerhin sind einige von Habtezions Vorstellungen auch in Parteiprogrammen zu finden. Wirklich konkret werden beim Thema Rassismus zwar nur die Grünen. Wenn es um Migration geht, liege Grün-Gelb aber zu großen Teilen auf einer Linie, meint Migrationsforscherin Vera Hanewinkel von der Uni Osnabrück. "Zum Beispiel wollen FDP und Grüne im Bereich der Migrations- und Asylpolitik Erleichterung für die Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften durchsetzen. Außerdem wollen sie mehr sichere Fluchtwege nach Deutschland schaffen, zum Beispiel durch die Einführung eines humanitären Visums." Hanewinkel hat die Wahlprogramme der großen Parteien auf das Thema Migration hin ausgewertet. Sie sieht die Gemeinsamkeiten eher zwischen Grün-Gelb und der SPD. "Denn die Unionsparteien möchten eher einen recht restriktiven Ansatz verfolgen. Das heißt, sie legen ihr Augenmerk viel stärker auf die Unterbindung weiterer Fluchtmigration nach Deutschland und haben auch einen stärkeren Fokus auf die Durchsetzung von Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern oder Menschen ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland."

Tamara Al-Keilani: Stärken der Einwanderer werden nicht gesehen

Tamara Al-Keilani kennt viele Einwanderer und Geflüchtete. Sie unterstützt für den Paritätischen Wohlfahrtsverband Migrant*innen-Organisationen dabei, zum Beispiel Vereine zu gründen und Gelder für ihre Projekte zu beantragen. "Also eine wünschenswertere populäre Koalition wäre die Ampel-Koalition, weil wir der Meinung sind, dass eine solche Koalition die Bedürfnisse von Menschen, die neu hier ankommen, besser im Blick hat." Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung würden oft als hilfsbedürftig gesehen. Sicher müssten sie die Sprache und das deutsche System kennen lernen, meint Al-Keilani, aber sie hätten auch besonders viele Ressourcen. "Menschen, die so einen Aufwand auf sich nehmen, so ein Risiko eingehen, um für sich und für ihre Kinder neue Perspektiven zu schaffen, die haben Ideen im Gepäck, wie sie die Gesellschaft mitgestalten können." Migrant*innen-Organisationen sollten nicht wie bisher immer nur ein oder drei Jahre lang gefördert werden, sondern langfristig, fordert Al-Keilani. Denn die Probleme würden ja auch nicht nach drei Jahren wieder verschwinden.

Dan Thy Ngyen: Sichtweisen von allen einbinden

Dan Thy Nguyen
Dan Thy Ngyen kennt Armut und Ausgrenzung: Alle Stimmen müssen einbezogen werde, sagt er.

Der Theatermacher Dan Thy Ngyen steckt derzeit im Endspurt für das diverse Kunstfestival Fluctoplasma in Hamburg. "Ich bin nicht nur Festivalleiter des Fluctoplasma Festivals, sondern auch Kind von Boots-Geflüchteten. Ich bin im Asylbewerberheim aufgewachsen. Ich habe mir eine kleine Karriere aufgebaut in dieser Zeit - und es war sehr hart. Ist es immer noch. Vor allem Respekt zu bekommen von Kultur und Kunst, von politischen Institutionen." Der 36-Jährige erinnert sich gut daran, wie Nazis in den 90er-Jahren immer wieder sein Zuhause attackierten. Deshalb ist für ihn klar, dass die neue Regierung sich vor allem um "strukturelles Arbeiten gegen rechts" kümmern solle. 

Wo sind die Geschichten und Sichtweisen der sogenannten Gastarbeiter*innen, der DDR-Vertragsarbeiter*innen, der Sinti und Romnja oder auch jüdische Perspektiven, fragt Nguyen? Menschen in Entscheidungen einbeziehen, die bisher zu wenig gesehen werden. Das erhofft er sich. "Ich verlange von den Parteien jetzt, dass sie sich schnell einigen, denn das erwarten sie auch von uns als Gesellschaft." Es sei 2021, sagt auch Asmara Habtezion. Es werde Zeit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 11.10.2021 | 12:48 Uhr

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