Computeranimation des Lecks an der Estonia. © NDR

Warum sank die "Estonia"? Neue Wrack-Untersuchung beginnt

Stand: 08.07.2021 11:51 Uhr

Unfall oder Anschlag - wird die Unglücksursache der "Estonia" endlich geklärt? Nachdem ein TV-Bericht 2020 ein großes Loch in der Bordwand der 1994 gesunkenen Ostseefähre "Estonia" gezeigt hatte, waren Rufe nach einer neuen Untersuchung laut geworden. Jetzt wird damit begonnen, ein detailliertes Gesamtbild des Wracks zu erstellen.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Am 28. September 1994 wird von der Brücke der "Estonia" ein dramatischer Notruf abgesetzt - nachts bei schwerem Sturm vor der Südküste Finnlands. Das letzte Lebenszeichen der Wache. Die Fähre bekommt Schlagseite, kentert und sinkt schnell. 852 Passagiere und Besatzungsmitglieder ertrinken, nur 137 überleben.

Unterschiedlichste Theorien zur Unglücksursache

Fest steht, dass die Bugklappe abgerissen und viel Wasser in kurzer Zeit ins Schiff eingedrungen war. Es gab Untersuchungen, Prozesse, am Ende aber nur Theorien: von einem Konstruktionsfehler ist die Rede, die Bugklappe sei zu schwach gewesen, vielleicht auch schlecht gewartet. Oder Sabotage, illegale Militärtransporte an Bord, Spione, ein in den Rumpf gesprengtes Loch.

Im vergangenen Herbst dann dazu die ersten Fernsehbilder: Aufgenommen von einem Unterwasserroboter, der trotz des Tauchverbotes zum Wrack herabgelassen worden war. Eine etwa vier Meter hohe und an der größten Stelle 1,20 Meter breite Öffnung aus teils eingedrücktem, teils geborstenem Metall. Fachleute meinen, dass es beim Aufprall des Schiffes auf den Grund passiert sein könnte oder vorher bei einer Kollision.

Bislang galt ein Tauchverbot

Die "Estonia" ist eine Grabstätte, bis vor Kurzem galt ein generelles Tauchverbot. Aber nun haben Schweden, Finnland und Estland entsprechende Gesetze geändert und damit den Weg frei gemacht zur neuen offiziellen Wrack-Untersuchung, die jetzt beginnt. Jonas Bäckstrand, Leiter der schwedischen Havariekommission, ist froh, dass es losgeht: "Ich finde, dass man der neuen Information, dass es Löcher auf der Steuerbordseite  gibt, nachgehen muss, um zu sehen, wie sie entstanden sind und warum. Damit man alle Beurteilungen auf Fakten statt auf Spekulationen basieren kann."

Abgeordneter: "Alles deutet auf ein Kriegsschiff hin"

Lars Ångström ist ehemaliger Reichstagsabgeordneter in Schweden. Er hat die "Bugklappen-Theorie" schon früh angezweifelt: "Berechnungen ergeben, dass dieses Loch durch etwas großes mit 1.000 bis 3.000 Tonnen Gewicht und einer Fahrt von anderthalb bis vier Knoten verursacht worden sein könnte. Ein Container war es also nicht, der wiegt nicht mehr als 30 Tonnen. Es muss ein Schiff gewesen sein. Ein ziviles Schiff hätte dabei keinen Grund, das geheim zu halten, also deutet alles auf ein Kriegsschiff hin." Sogar von einem U-Boot wird gemunkelt.

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Neue Untersuchung kostet 5,5 Millionen Euro

Der Start der geschätzt etwa 5,5 Millionen Euro teuren Aktion ist allerdings eher unspektakulär. Es geht ohne Taucher los und ohne Roboter. Man will einen ersten Eindruck gewinnen von der Umgebung und Lage des Wracks. Beides dürfte sich seit dem Untergang verändert haben. "Jetzt werden wir unterschiedliche Methoden wie Echolot und Sonar anwenden, um das Schiff und die Gegebenheiten des Meeresbodens zu dokumentieren. Im Frühjahr dann werden wir Spezialkameras benutzen, um genauere Bilder zu bekommen", sagt Bäckstrand.

Gesamtbild des Wracks fehlt noch

Das ist es, was den Fachleuten fehlt: Ein Gesamtbild des Wracks, seiner Lage, seiner genauen Beschädigungen. Schwierig bei der üblicherweise schlechten Sicht in der Ostsee. Dafür sollen Computer Hunderte Einzelaufnahmen zusammenrechnen. Doch das wird dauern. Allein die Vor-Untersuchungen sind bis in den Herbst hinein geplant. Konkrete Ergebnisse dürfte es frühestens im kommenden Jahr geben. Und auch dann ist es nicht sicher, dass das das Rätsel der "Estonia" gelöst wird. Man suche schließlich  Fakten, heißt es bei der Havariekommission, und keine Schuldigen.   

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 08.07.2021 | 08:06 Uhr

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