Stand: 03.09.2020 17:08 Uhr

Pro und Kontra: Nord Stream 2 weiterbauen?

Sollte die Bundesregierung den Bau der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 nach dem Giftanschlag auf den russischen Regierungskritiker Alexej Nawalny weiterbauen? Ein Pro und Kontra.

Pro: Deutschland wäre ein Verlierer

von Uwe Lueb

Porträtbild des ARD-Korrespondenten Uwe Lueb. © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Jens Müller
Uwe Lueb ist Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin.

Gegen den Stopp spricht erstens: Mehr als zehn Milliarden Euro Investitionen wären vergeudet - gut die Hälfte davon immerhin von europäischen Firmen. Wer das politisch will, braucht auf künftige internationale Großinvestitionen aus der Wirtschaft kaum mehr zu hoffen. Zweitens: Viele glauben, dass der Kreml hinter dem Anschlag auf Nawalny steckt. Allein: wir wissen es nicht. Vielleicht war es auch der russische Geheimdienst ohne Wissen von Präsident Putin. Vielleicht hat auch der US-Geheimdienst CIA damit zu tun. Klar, klingt nach Verschwörungstheorie. Ausschließen kann man es im Moment aber nicht.

Drittens: Wenn wir Nord Stream 2 jetzt wirklich beenden, gibt es zwei Verlierer: Russland und die EU, vor allem Deutschland. Gewinner wäre US-Präsident Trump. Der zetert schon lange, wir machten uns von Russland abhängig. In seinem Wahlkampf würde er den Pipeline-Stopp als außenpolitischen Großerfolg verkaufen. Wir sollten also über andere Reaktionen nachdenken.

Kontra: Ein notwendiges Signal

von Nina Barth

Porträtfoto von Nina Barth, Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio. © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Tanja Schnitzler
Nina Barth ist Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin.

Das Schicksal Alexej Nawalnys hat weltweite Aufmerksamkeit erlangt, die Welt wird auf Antworten warten. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern gesagt. Sie meinte die russische Regierung mit diesen Antworten. Aber: Die Welt wird auch auf Antworten der EU, auf Antworten aus Deutschland warten. Und die müssen eindeutig sein, da darf es keine Tabus geben - nicht mehr. Und das heißt auch: die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 zumindest auf Eis zu legen.

Ja, wir würden uns damit vielleicht wirtschaftlich selbst schaden, mag sein. Aber diesen Preis müssen wir zahlen. Denn hier geht es um viel mehr. Um ein Verbrechen, das sich gegen die Grundwerte und Grundrechte richtet, für die wir eintreten. Das sage nicht ich, das sagt die Bundeskanzlerin. Und weil es um so viel geht, muss das politische Signal eindeutig sein. Und was könnte in Richtung Präsident Wladimir Putin wirkungsvoller sein, als Nord Stream 2 auf Eis zu legen?  Sanktionsregelungen wie EU-Einreiseverbote oder Vermögenswerte einfrieren, sicher nicht.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 03.09.2020 | 17:08 Uhr

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