Stand: 24.02.2020 12:12 Uhr

Meeresspiegel-Anstieg: Deutsche Küsten in Gefahr?

Welle an der Nordsee © NDR Foto: Christine Raczka
Der Meeresspiegel steigt immer weiter an.

Wissenschaftler des Weltklimarates IPCC sind sich sicher: Setzt sich die Erderwärmung unbegrenzt fort, könnte der mittlere globale Meeresspiegel schon bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 1,10 Meter steigen. Das trifft auch den Norden: Mehr als zwei Millionen Menschen leben in überflutungsgefährdeten Gebieten, davon 1,1 Millionen in Niedersachsen. Sie müssen durch Deiche und Sperrwerke vor Überflutungen geschützt werden.

Meeresspiegel könnte mehr als einen Meter steigen

Ursache des Meeresspiegel-Anstiegs sind das Schmelzen der Eismassen und eine Ausdehnung des Wassers aufgrund der Erderwärmung. Waren die Forscher zunächst von einem Anstieg bis zu 82 Zentimeter bis 2100 ausgegangen, rechnen sie jetzt mit 60 bis 110 Zentimetern, sollte der Klimawandel ungebremst weitergehen und sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde bis zur Jahrhundertwende um 4,3 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erhöhen. Im besten Falle - einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,6 Grad - erwarten sie immerhin noch einen Anstieg von bis zu 50 Zentimetern. Und auch das hätte an den flachen norddeutschen Küsten extreme Auswirkungen.

Der Weltklimarat IPCC

Der 1988 gegründete Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist eine Institution der Vereinten Nationen und wird auch als Weltklimarat bezeichnet. In seinem Auftrag tragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt den aktuellen Stand der Klimaforschung zusammen. Im September 2019 veröffentlichte der IPCC einen Sonderbericht zu den Ozeanen, in dem er vor einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels warnt.

Anstieg verläuft regional unterschiedlich

Große Welle © picture alliance/ Foto: imageBROKER/Olivier Digoit
Klimaforscher rechnen damit, dass die Gefahr von Sturmfluten zunimmt.

Den neusten Prognosen des IPCC zufolge steigen die Meere derzeit global gesehen bereits um rund 3,6 Millimeter pro Jahr. Das sei zweieinhalb Mal schneller als im Zeitraum 1900 bis 1990 - wobei sich der Anstieg weiter beschleunige. Allerdings verläuft die Meeresspiegel-Erhöhung regional sehr unterschiedlich. Für die Nordsee könne man bisher keine Beschleunigung des Anstiegs erkennen, sagt Andreas Wurpts von der niedersächsischen Forschungsstelle Küste. In den vergangenen 100 Jahren sei die Nordsee aber bereits um 25 bis 35 Zentimeter angestiegen - und Prognosen, wie es weitergehe, seien nur schwer möglich.

Sicher sind sich die Experten des IPCC, dass die Gefahr von Extremwetter-Ereignissen wie Sturmfluten künftig zunimmt: Das, was einmal eine Jahrhundertflut war, erwarten die Wissenschaftler demnach jährlich - mit der Folge, dass die Küsten stärker erodieren.

Deichbau: Erheblicher Handlungsbedarf in Niedersachsen

Wolfang Feige (links), Leiter der Betriebsstelle NLWKN Norden, und Thomas Schoneboom, Leiter der Betriebsstelle NLWKN Aurich, begutachten am Deich der Ems im Ortsteil Soltborg eine Abbruchkante. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Zum Küstenschutz gehören auch regelmäßige Deichschauen, wie hier an der Abbruchkante eines Deiches an der Ems.

Verantwortlich für den Schutz der Menschen sowie ihres Hab und Gutes vor Überflutungen sind die Länder und der Bund, der sich bisher pro Jahr mit 25 Millionen Euro an den Küstenschutzmaßnahmen der Länder beteiligt. Niedersachsen gab nach Angaben des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) allein 2019 fast 62 Millionen Euro für den Bau der Festlanddeiche, der Schutzdeiche und der Küstenschutz-Anlagen auf den Ostfriesischen Inseln aus. Derzeit besteht noch in nahezu allen Regionen an der Küste Handlungsbedarf. Bereits seit 2007 wird in dem Bundesland ein Meeresspiegelanstieg von 50 Zentimeter als zusätzliches Vorsorgemaß bei allen Deicherhöhungen und -neubauten berücksichtigt. Massivbauwerke wie Sperrwerke, Siele und Schutzmauern werden so gebaut, dass sie nachträglich um bis zu einen Meter nachgerüstet werden können. Und auch die Deiche können der Behörde zufolge jederzeit erhöht werden.

Hinsichtlich der neusten Prognosen des IPCC heißt es beim NLWKN, ein deutlich verstärkter Meeresspiegel-Anstieg sei vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu erwarten. Die Küstenländer suchten derzeit gemeinsam nach Strategien, um sich für die IPCC-Szenarien zu rüsten.

Schleswig-Holstein: Küstenschutz ist existenziell

Schleswig-Holstein investierte seit 2001 mehr als 200 Millionen Euro, um die Deiche fit für den Klimawandel zu machen. Bei Deichbau-Maßnahmen wird seitdem ein Klimazuschlag von 50 Zentimetern zugrunde gelegt - seit 2013 mit der Möglichkeit, die Deiche weiter aufzustocken. 36,5 Kilometer Deich wurden bislang mit diesem Klimazuschlag verstärkt. Fertig sind die Deichbauämter aber noch lange nicht. Auf 53 Kilometern entlang der Nordsee gibt es in Schleswig-Holstein noch Verstärkungsbedarf. Dabei wird die Bemessung der Deiche den Begebenheiten ständig angepasst: Zweimal jährlich treffen sich die Deichgrafen und andere Experten zur routinemäßigen Kontrolle der Hochwasser-Dämme. Der Küstenschutz ist für Schleswig-Holstein existenziell. Kein Ort in dem Land zwischen Nord- und Ostsee ist mehr als 60 Kilometer vom Meer entfernt. In tief liegenden Gebieten der Westküste und der Tideelbe leben knapp 300.000 Menschen, dazu kommen rund 56.000 Menschen in überflutungsgefährdeten Gebieten an der Ostseeküste.

Auch Hamburg und Bremen investieren Millionen

Der Hamburger Fischmarkt mit der Fischauktionshalle steht während einer Sturmflut unter Wasser. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Bockwoldt
Schon jetzt wird bei Sturmfluten der Hamburger Fischmarkt überspült.

Vor enormen Herausforderungen stehen auch die Stadtstaaten Bremen und Hamburg. Allein in Bremen sind laut der Umweltbehörde 86 Prozent der Landesfläche und rund eine halbe Million Menschen potenziell von Sturmfluten betroffen und müssen daher von Deichen und anderen Schutzbauten geschützt werden. Auch die Hansestadt Hamburg investiert pro Jahr rund 20 bis 30 Millionen Euro in den Schutz ihrer Bürger und deren Besitztümer vor Sturmfluten. Die Hansestadt sei auf die vom Weltklimarat erstellten Prognosen eingestellt, heißt es beim zuständigen Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer: Die alle zehn Jahre stattfindende Überprüfung der Bemessungsansätze für den Küsten-Hochwasserschutz stelle zudem sicher, dass abweichende Entwicklungen frühzeitig erkannt würden.

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Ostsee: Küstenländer entwickeln gemeinsame Strategie

Für die Ostsee arbeiten Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern derzeit unter wissenschaftlicher Begleitung an einer gemeinsamen Strategie. Anders als die Nordsee, wo auf natürliche Weise Sediment vom offenen Meer an die Küsten getragen wird, ist die Ostsee eine Ausgleichsküste. Sandige Bereiche werden von Steilküsten-Abbrüchen genährt. "Dieser Prozess wird sich im Zuge des Meeresspiegel-Anstiegs noch verstärken", sagt Johannes Oelerich vom Umweltministerium Schleswig-Holstein. "Das müssen wir in der Regel so hinnehmen und eingreifen, wenn Ortschaften bedroht sind." An der schleswig-holsteinischen Ostseeküste besteht derzeit noch auf rund 20 Kilometern Verstärkungsbedarf an den Deichen, um sie zumindest für den bisher kalkulierten mittleren Meeresspiegel-Anstieg von 50 Zentimetern fit zu machen.

Mecklenburg-Vorpommern: Enormer Handlungsbedarf

Ein Bagger bringt neuen Sand auf den Strand von Hiddensee. © dpa Bildfunk Foto: Stefan Sauer
Auf Usedom wurden im vergangenen Jahr gut 500.000 Kubikmeter Sand zur Verstärkung des Küstenschutzes aufgespült.

Enormen Handlungsbedarf sieht man auch in Mecklenburg-Vorpommern. So gibt es laut Umweltministerium einige nicht oder nur unzureichend geschützte Gebiete, etwa in Ueckermünde und Peenemünde, wo vor kurzem bereits eine Schutzwand nahe des Hafens fertiggestellt wurde. Auch in Rostock-Warnemünde wurde eine neue Sturmflutwand in Betrieb genommen. Die Altstädte von Wismar und Stralsund können dem Ministerium zufolge aufgrund ihrer Lage direkt am Wasser nicht durch Bauten wie Sturmflutwände geschützt werden. Stattdessen sollen die betroffenen Gebäude entsprechend gegen Hochwasser gesichert werden. Um Erosionen abzumildern und die Landesküstenschutzdünen zu erhalten, sollen pro Jahr rund 500.000 Kubikmeter Sand aufgespült werden, wie im vergangenen November auf Usedom. Auch in die Erhaltung von rund 1.100 Buhnen muss das Land investieren. Schutzbauten wie Ufermauern, Hochwasserschutzwände oder Sperrwerke sollen so geplant werden, dass sie bei Bedarf unproblematisch erhöht werden könnten.

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Seit 1991 investierte das Land bereits rund 500 Millionen Euro in den Schutz der Außen-, Bodden- und Haffküsten, und noch immer werden jährlich rund 20 Millionen Euro aufgewendet, um die 180.000 Menschen in den überflutungsgefährdeten Gebieten zu schützen. Aber: "Das wird zukünftig nicht mehr reichen", hatte Umweltminister Till Backhaus (SPD) bereits nach der Veröffentlichung des jüngsten IPCC-Berichts gesagt. Vorhandene Anlagen müssen bereits früher als vorgesehen angepasst werden - was mit höheren Kosten verbunden ist. Denn nach den neuen IPCC-Prognosen plant das Land inzwischen für einen bis zu 84 Zentimeter steigenden Meeresspiegel.

Ostsee- und Nordseeländer sehen sich gut gerüstet

Für die kommenden Jahre sehen sich die Nordländer noch ausreichend gerüstet. So erklärte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies, heute und in den nächsten Jahren müssten sich die Menschen an den Küsten noch keine Sorgen machen. Wenn aber die schlimmsten Befürchtungen mit einer Erhöhung um deutlich über einen Meter eintreffen, sei das "mit den heutigen Möglichkeiten kaum in den Griff zu bekommen."

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Dieses Thema im Programm:

Moin! Die Reportage | 30.08.2019 | 21:00 Uhr

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