Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der „Hannöverschen Tafel“ bereitet die Ausgabe der Lebensmittel in einer kirchlichen Einrichtung am Mühlenberger Markt vor. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

"Lage der Tafeln ist so herausfordernd wie noch nie"

Stand: 04.11.2022 06:00 Uhr

Die Lebensmittelpreise in Deutschland steigen, der Liter Benzin ist nah dran an der Zwei-Euro-Marke. Von den Gas- und Strompreisen ganz zu schweigen. Die Inflation liegt bei 10,4 Prozent. In den Städten im Norden gibt es zumindest einige Hilfsangebote für Menschen ohne Einkommen. Wie aber geht es den Menschen auf dem Land?

Jochen Brühl ist der Bundesvorsitzende der Tafel Deutschland. Im Interview spricht über die Herausforderungen der Tafeln und die Unterschiede von Stadt und Land.

Herr Brühl, wie ist die Lage der Tafeln in Deutschland derzeit?

Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland e.V. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jens Kalaene
Das ehrenamtliche Engagement bei den Tafeln gehört seit über 20 Jahren zum Leben von Jochen Brühl.

Jochen Brühl: Die Lage der Tafeln ist so herausfordernd wie noch nie in ihrer 30-jährigen Geschichte. Da kommen unterschiedliche Faktoren zusammen: Die Corona-Pandemie ist noch nicht richtig zu Ende, die Preissteigerungen, die Inflation, extremer Preisdruck - selbst bei den Tafeln für Energie, für die Fahrzeuge - also das ist schon eine sehr herausfordernde Situation für die 60.000 Helfenden.

Welche Unterschiede können Sie derzeit feststellen zwischen Tafeln in ländlichen Regionen und in der Großstadt?

Brühl: Im ländlichen Raum ist die Scham, zur Tafel zu kommen, wesentlich größer als in der Stadt. Auf dem Land, da kennt man sich, da gibt es keine Anonymität wie in der Stadt - und deshalb ist das ein großes Problem. Ein anderer Punkt ist natürlich auch die Anbindung zum Personennahverkehr, weil viele Tafeln eben auch ein größeres Gebiet abdecken und die Menschen dann auch zu den Tafeln kommen müssen. Und das macht es alles zusammen auf dem Land etwas schwieriger als in der Stadt.

Was erwarten Sie für den Herbst und Winter?

Brühl: Wir merken, dass die Zahlen derer, die zu uns kommen, steigt. Ich glaube, das die Anzahl der Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind in den nächsten Wochen noch zunehmen wird. Gerade dann, wenn die Entlastungspakete eben nicht zeitnah realisiert werden. Ich glaube, dass das auf dem Land eine große Herausforderung ist, weil sich natürlich auch die Frage stellt, wie wir zeitnah Lebensmittel dorthin bringen können wo eben weniger vorrätig sind. Manche Tafeln haben da große Transportwege und wir müssen sehen, dass wir Tafeln auch nur begrenzt helfen können. Es muss möglich sein, dass Menschen ihre Lebensmittel auch über normale Einkäufe tätigen können. Wir können nur begrenzt helfen, weil wir an unsere Belastungsgrenzen kommen.

Wie machen sich diese Belastungsgrenzen bemerkbar?

Brühl: Wir merken, dass unsere Tafeln sehr deutlich an ihre Grenzen kommen! Und da müssen wir auch unsere Helfenden schützen, die sehr belastet sind. Über 60 Prozent der Helfenden sprechen von einer psychischen und physischen Belastungsgrenze, die erreicht ist - und da müssen wir auch achtgeben, dass wir diese Menschen nicht verlieren.

Das Interview führte Tobias Lickes.

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NDR Info | 04.11.2022 | 07:35 Uhr

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