Stand: 30.04.2020 16:19 Uhr

Kurzarbeit: Corona stellt Finanzkrise in den Schatten

Von Robin Hollstein und Marvin Milatz

Wie plötzlich und heftig die Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft getroffen hat, zeigen die am 30. April veröffentlichten Zahlen zur angezeigten Kurzarbeit. Im April 2020 wurden in Deutschland 7,5 Millionen potenziell betroffene Beschäftigte in knapp 590.000 Anzeigen für eine mögliche Kurzarbeit genannt. Diese Entwicklung sucht ihresgleichen: Sie übersteigt in Bezug auf die Personenanzahl den Februar 2009, den bisherigen Rekordmonat aus der Finanzkrise 2008/2009, um das Zehnfache.

Zusammen mit den Anzeigen aus dem März sind in Deutschland sogar rund zehn Millionen Menschen potenziell von Kurzarbeit betroffen. Auch für den Norden gelten zuvor noch nicht gesehene Höchstwerte: In Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern haben Unternehmen im April in Summe für knapp 1,5 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt. Im Februar 2009 lag der bisherige Höchstwert bei 123.081 Beschäftigten.

Unterschiedliche Krisenverläufe

Sowohl die Finanz- wie auch die Corona-Krise haben die deutsche Wirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen, allerdings unterscheiden sie sich in wesentlichen Punkten. Das beobachtet auch Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin: Die wirtschaftlichen Einbrüche "in der Finanzkrise waren kräftig, aber nicht so abrupt", sagt der Abteilungsleiter der Konjunkturpolitik beim DIW zum Vergleich zwischen Finanz- und Corona-Krise. Vor allem der Beschluss der Bundesregierung, weitreichende Teile des gesellschaftlichen Lebens herunterzufahren, habe dazu geführt, dass ganze Berufszweige keinerlei oder stark geminderte Einnahmen hätten.

Finanzkrise ließ mehr Zeit für Reaktionen

Die Finanzkrise kam hingegen nicht so plötzlich: Diese startete im Finanzsektor und erreichte erst nach und nach Handel und produzierendes Gewerbe. Viele Betriebe hatten damals mehr Zeit, um die Krise und sinkende Nachfrage zu bewerten und sich zu überlegen, wann und in welchem Umfang Kurzarbeit eine Lösung für ihr Unternehmen sein kann. Diese Zeit blieb dieses Mal nicht - und die Dramatik dieser Entwicklung zeigt sich so deutlich wie nie zuvor in den Anzeigen zur Kurzarbeit: Allein im ersten Jahresdrittel 2020 kommen bei der deutschlandweit angezeigten Kurzarbeit drei Mal so viele möglicherweise von Kurzarbeit betroffene Beschäftigte wie im gesamten Krisenjahr 2009 zusammen.

Bundesregierung erleichtert Zugang zur Kurzarbeit

Die Kurzarbeit erlaubt es Unternehmen, die finanzielle Last durch die einbrechende Konjunktur abzufedern. "Viele Unternehmen werden allein schon aus Vorsicht Kurzarbeit angezeigt haben", schätzt DIW-Arbeitsmarktexperte Michelsen. "So können sie im Falle des Falls zügig reagieren." Nach der Anzeige haben Unternehmen in den folgenden zwölf Monaten die Möglichkeit, Kurzarbeit zu realisieren.

Verstärkend kommt hinzu, dass das Anmelden von Kurzarbeit für viele Unternehmen jetzt auch einfacher geworden ist. Denn die Bundesregierung hat jüngst die Kurzarbeiter-Regelungen gelockert: Seit dem 1. März haben Unternehmen rückwirkend die Möglichkeit, Kurzarbeit anzuzeigen, wenn mindestens zehn Prozent der Belegschaft von Arbeitsausfall betroffen sein könnten. Vorher musste dieser Anteil bei dreißig Prozent liegen. Die neue Regelung gilt vorerst bis Ende des Jahres.

Folgen für die Wirtschaft lassen sich noch nicht genau beziffern

Die Zahl der Anzeigen zur Kurzarbeit ist so schnell und stark angestiegen, dass zurzeit rund 8.500 Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter die Antragsflut abarbeiten. 14 Mal so viele wie im Normalfall. Die Bundesagentur für Arbeit musste sogar Amtshilfe aus anderen Behörden anfordern. Zwar ist bei den neu veröffentlichten Zahlen zur Kurzarbeit zu beachten, dass die angemeldete Kurzarbeit nicht der tatsächlich später einmal realisierten Kurzarbeit entspricht - die genauen Daten dafür werden für den Beginn der Corona-Krise erst in gut einem halben Jahr vorliegen.

Doch auch die Zahl der realisierten Kurzarbeit dürfte hoch liegen: Eine Umfrage des ifo Instituts vom 23. April beziffert den Anteil der Unternehmen, die Kurzarbeit fahren, auf 50 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt die Zahl niedriger ein. In Deutschland hat bis Ende April knapp jeder dritte Betrieb Kurzarbeit angezeigt. Berechnungen der Agentur zufolge schicken Unternehmen in der Regel rund ein Drittel der angemeldeten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auch tatsächlich in Kurzarbeit. Ein vom NDR berechneter konservativer Schätzwert ergibt, dass in der Finanzkrise 2009 mindestens 40 Prozent der angezeigten Kurzarbeit auch von den Unternehmen realisiert wurde.

Wenn Corona-Maßnahmen gelockert werden, geht Kurzarbeit zurück

Auch mit der niedrigsten Schätzung der Arbeitsagentur dürfte damit schon jetzt der Stand der Finanzkrise erreicht - möglicherweise auch überschritten - sein. Doch solche ersten Schätzungen sind mit Vorsicht zu genießen. Fest steht allerdings: Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet seit der zweiten Monatshälfte einen Anzeigenrückgang. Vieles wird davon abhängen, wann und wie die Maßnahmen zur Eindämmung der Krise weiter gelockert werden. "Wir gehen davon aus, dass der Peak der Kurzarbeit in Folge des Lockdowns sehr schnell erreicht wird", sagt Sebastian Link, Arbeitsmarktexperte am Münchener ifo Institut, im Gespräch mit NDR.de. "Daher dürfte die Kurzarbeiterzahl auch wieder zurückgehen, wenn verschiedene Wirtschaftsbereiche nacheinander wieder geöffnet werden."

Kurzarbeit: Was sagt welche Zahl?

Grundsätzlich wird zwischen angezeigter und tatsächlich realisierter Kurzarbeit unterschieden. Derzeit können alle Unternehmen, wenn mindestens zehn Prozent der Angestellten von Arbeitsausfällen betroffen sind, Kurzarbeit anzeigen. Damit haben Betriebe die Möglichkeit, das Personal in den folgenden zwölf Monaten in Kurzarbeit zu schicken. In der aktuellen Situation zeigen die meisten Unternehmen Kurzarbeit für die komplette Belegschaft an, um sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten. Die Zahl der potenziell betroffenen Personen sagt allerdings noch nicht aus, wie viel Kurzarbeit letztlich realisiert wird. Die realisierte Kurzarbeit wird mit einer Wartezeit von fünf Monaten veröffentlicht. Dennoch eignen sich die Anzeigen zur Kurzarbeit, um aktuelle Trends zu beobachten und die Entwicklungen mit den Vorjahren zu vergleichen.

Niedersachsen das am stärksten betroffene Flächenland

Legt man die Zahl der angezeigten Kurzarbeit auf potenziell Betroffene pro 10.000 Beschäftigte um, zeigt sich, dass Unternehmen in den Flächenländern zunächst im März verstärkt Kurzarbeit für ihre Beschäftigten angemeldet haben. Im April wurde allen voran besonders in Niedersachsen Kurzarbeit angemeldet. Im März waren vor allem noch Beschäftigte aus Mecklenburg-Vorpommern stärker von möglicher Kurzarbeit betroffen.

Im April zogen auch die Zahlen in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen kräftig an, was mit den weiteren Folgen der Kontaktsperre vom 23. März zusammenhängen könnte. Dabei hat Bremen hat sogar den bundesweit den höchsten Wert pro 10.000 Beschäftigte. Erst seit dem 20. April darf der Einzelhandel wieder unter Auflagen öffnen.

Unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen sorgen für regionale Kluft

Während der Finanzkrise hatten die Spitzenwerte ein anderes Bild gezeichnet. Damals war Mecklenburg-Vorpommern im Norden auf dem vierten Platz. Hamburg hatte während der Finanzkrise sogar den niedrigsten Wert, während Bremen auch in der Finanzkrise sehr stark betroffen war. Doch ein direkter Vergleich sei laut Michelsen schwierig, da sich die Wirtschaftsstrukturen in den Städten in diesem Zeitraum verändert haben.  

Von Ost-West-Gefälle zu West-Ost-Gefälle

Für Deutschland zeigen die April-Daten ein deutliches West-Ost-Gefälle. Im März war das noch umgekehrt: Die Gründe dafür fänden sich sowohl in der jeweiligen Sozial- als auch der Unternehmensstruktur, sagt DIW-Konjunkturpolitikexperte Michelsen. Besonders die Dienstleistungsunternehmen in den Städten seien "flexibler und haben eher die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, um auf die Krise zu reagieren." Die Wucht der Corona-Krise scheint im April jetzt auch die Städte erreicht zu haben. Zumindest was die Sorge der Unternehmen angeht, dass ihre Mitarbeiter bald nicht mehr arbeiten können. Denn sie haben ja nur Kurzarbeit angezeigt. Unklar bleibt, wie und wann sie sie realisieren.

Viele Wirtschaftsbereiche erstmalig potenziell flächendeckend betroffen

Das Gastgewerbe und der Einzelhandel sind durch die Maßnahmen der Bundesregierung mit drastischen Einschnitten konfrontiert. Allein im April ist die Anzahl der genannten Arbeitnehmer*innen in der Gastronomie 22-mal so hoch wie die Summe der vergangenen zwölf Jahre. Zahlreiche Wirtschaftssektoren waren in der Finanzkrise bei weitem nicht so betroffen.

Eine Berechnung der prozentualen Anteile der in den Anzeigen genannten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im jeweiligen Wirtschaftsbereich machen die möglichen Auswirkungen deutlich. Im Gastgewerbe wurden für 96 Prozent der Beschäftigten Kurzarbeit angezeigt.

Arbeitsagentur hat vorerst ausreichende Rücklagen

Die Finanzkrise hat die Bundesagentur zwischen 2009 und 2012 insgesamt rund 23 Milliarden Euro an konjunkturellen Mitteln gekostet. Davon waren fünf Milliarden Teil eines Bundeszuschusses. Für das Kurzarbeitergeld, sowohl die Sozialleistungen als auch die anteiligen Gehaltszahlungen, sind davon 8,5 Milliarden verwendet worden.

Laut der Bundesagentur für Arbeit wurden jetzt überplanmäßig 10 Milliarden für das Kurzarbeitergeld in diesem Jahr eingeplant. Zudem belaufen sich die konjunkturellen Rücklagen, welche beispielsweise auch für das Arbeitslosengeld gebraucht werden könnten, noch auf 26 Milliarden Euro. Würden diese aufgebraucht werden, wäre der Bund gesetzlich zu einem Zuschuss verpflichtet. Aktuelle Schätzungen belaufen sich auf Kosten in Höhe von 12 Milliarden, aber diese sind zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr ungenau. Der weitere Verlauf der Krise ist noch nicht abzusehen.

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Aktuell | 30.04.2020 | 16:00 Uhr