Stand: 26.04.2020 06:00 Uhr

Kommentar: Regierung hat beim Thema Masken versagt

Das Tragen einer Gesichtsmaske zum Schutz vor dem Coronavirus ist in allen deutschen Bundesländern spätestens ab der kommenden Woche verpflichtend, zumindest beim Einkaufen und in Bus und Bahn. Doch der Weg der Länder zu dieser Maskenpflicht verlief in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich.

Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel"

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Das Kapitel Schutzmasken sei eine Chronik von Fehlschlägen, meint Markus Feldenkirchen vom "Spiegel".

Im internationalen Vergleich steht Deutschland beim Kampf gegen das Coronavirus geradezu blendend da. Aus allen Ecken der Welt schielen Politiker, Wissenschaftler und Bürger nach Deutschland und fragen sich: Wie machen die das bloß? Die "New York Times" verfasst Lobeshymnen über das deutsche Krisenmanagement. Und die Bundeskanzlerin, die nur in Krisenzeiten richtig in Form zu kommen scheint, während die Zeit zwischen zwei Krisen eher von ambitionsloser Bräsigkeit gekennzeichnet ist, diese Kanzlerin wird von einigen schon wieder verehrt, als habe sie Covid-19 persönlich in die Ecke gezwängt.

Schwerwiegende Fehler der Bundesregierung

Gerade in Zeiten solch weit verbreiteter Huldigungen sollten wir besonders skeptisch sein. Nein, weder die Bundesregierung noch die Kanzlerin haben bislang alles richtig gemacht. Es gab Fehler, schwerwiegende sogar. Und die hatten wenig damit zu tun, dass alle in dieser Krise täglich dazulernen müssen. Das ist ja selbstverständlich. Nein, es gab auch wissentliches Versagen. Bei keinem anderen Thema wird dies deutlicher als beim Umgang mit Masken.

Zunächst versäumte es die Bundesregierung, sich rechtzeitig um diese Form von Schutz vor dem Coronavirus zu kümmern. Es fehlte an Material für Ärzte und Pfleger, und erst recht für den Rest der Bevölkerung. Gesundheitsminister Jens Spahn trägt dafür eine besondere Verantwortung. Schon Anfang Februar hatte ein Hersteller sein Ministerium darauf hingewiesen, dass es durch die Lage in China auch in Deutschland zu einem Mangel an Masken kommen könne. Doch Spahns Leute schenkten den Warnungen zu wenig Gehör.

Verschlafen, Vorräte zu beschaffen

Im Januar kauften die Chinesen in Europa massiv Atemschutzmasken auf und bezahlten fast jeden Preis. Allein daran hätte man erkennen können, dass es ein Problem geben wird. Aber reagiert wurde lange Zeit nicht.

Zunächst verschlief es die Regierung also, rechtzeitig Vorräte zu beschaffen. Und dann ließ sie uns Bürger im Unklaren darüber, ob das Tragen von Schutzmasken im Alltag sinnvoll ist, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Jens Spahn und Angela Merkel rieten sogar vom Maskentragen ab. Von einer Pflicht wollten sie erst recht nichts wissen - dabei war die Sinnhaftigkeit zu diesem Zeitpunkt von Wissenschaftlern längst unter Beweis gestellt.

Keine aufrichtige Kommunikation mit den Bürgern

Inzwischen ist ziemlich klar, dass dieses Verhalten vor allem taktisch motiviert war und der erste Fehler den zweiten bedingte. Weil man nicht vorgesorgt hatte, weil man schlicht keine Masken auf Lager hatte, redete man den Sinn des Maskentragens herunter. Eine aufrichtige Kommunikation mit den Bürgern geht anders.

In der vergangenen Woche setzte sich das Chaos dann fort. Nachdem immer mehr Entscheidungsträger eingestehen mussten, dass die Masken im Alltag vielleicht doch ganz hilfreich sein könnten, um die Verbreitung des Virus zu stoppen, gaben Kanzlerin und Ministerpräsidenten immerhin eine Empfehlung zum Maskentragen - keine Pflicht wohlgemerkt. Doch es dauerte nicht lange, bis einzelne Bundesländer eine Pflicht verhängten, andere nachzogen - und so wird es doch bald eine flächendeckende Pflicht geben.

Zweites Versäumnis: Wo bleibt die App?

Wenn eines Tages die Geschichte der Corona-Krise aufgearbeitet wird, dürfte das Kapitel Masken als Chronik von Fehlschlägen und Versäumnissen der Bundesregierung erzählt werden. Angela Merkel selbst hat sich übrigens bis heute nicht klar zu diesem Thema geäußert. Dieser Widerwille, die eigenen Entscheidungen zu erklären und zu begründen, ist in Zeiten größter Verunsicherung ein besonderer Makel.

In diesen Tagen wird aber noch ein zweites großes Versäumnis offenkundig. Dass es bis heute keine App gibt, mit der jeder von uns überprüfen kann, ob er sich Corona-mäßig in Gefahr begeben hat. Beide Instrumente aber, Maske wie App, sind entscheidend für jenen Weg aus der akuten Krise, den die Regierung selbst skizziert. Sie sind wichtig, das hat vor allem das Beispiel Südkoreas gezeigt, um jene Phase erfolgreich zu gestalten, die jetzt unmittelbar bevorsteht: die ersten Lockerungen nach Wochen harter Abriegelung. Da Deutschland hier eben nicht gut aufgestellt ist, könnte dieser zaghafte Versuch der Lockerung bald wieder rückgängig gemacht werden.

Teilweises Versagen hat Folgen

All das zeigt: Die Regierung war nicht optimal vorbereitet auf diese Pandemie, und das, obwohl eine Risikoanalyse der Bundesregierung schon im Jahr 2012 ein Krisenszenario skizziert hatte, das der aktuellen Lage verblüffend ähnelte. Und in dem auch ziemlich präzise auf die Bedeutung dessen hingewiesen wird, was gerade Mangelware ist.

Nun hat das Versagen in einigen Teilbereichen Auswirkungen auf das große Ganze. Auch das gehört zur Zwischenbilanz der deutschen Corona-Politik. Und die ist trüber, als manche Jubel-Arien aus dem Ausland in diesen Tagen vermuten lassen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 26.04.2020 | 09:25 Uhr

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