Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten zur Delta-Variante: "Es muss nicht so kommen wie in England"

Stand: 22.06.2021 17:00 Uhr

Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update spricht der Virologe Christian Drosten ausführlich darüber, welche Auswirkungen die Verbreitung der Delta-Variante auf die Corona-Lage in Deutschland haben könnte. Es gebe gute Gründe, warum sich die Situation hierzulande besser entwickeln könnte als in England.

von Marc-Oliver Rehrmann

Noch ist der Anteil der Delta-Variante an den Coronavirus-Infektionen in Deutschland verhältnismäßig gering. Der Wert, den das Robert Koch-Institut (RKI) zuletzt gemeldet hat, liegt bei sechs Prozent. Allerdings bezieht sich diese Zahl auf die erste Juni-Woche. "Man muss befürchten, dass der Anteil inzwischen gestiegen ist", sagt Drosten in der aktuellen Podcast-Folge. Spannend werde sein, ob der neue Wert, der in dieser Woche veröffentlicht werden soll, in Richtung zwölf Prozent gehe und somit eine Verdoppelung des Anteils der Delta-Variante von Woche zu Woche zu verzeichnen ist. "Wenn das so sein sollte, ist das ein sehr schlechtes Signal", hält der Virologe an der Berliner Charité fest. Dann müsste man sich darauf einstellen, dass sich die Lage in Deutschland ähnlich wie in England entwickeln könnte, wo die Delta-Variante bereits seit Längerem vorherrschend ist. Dort liegt die Sieben-Tage-Inzidenz inzwischen wieder bei 141. "Wir müssen deshalb in Deutschland schnell impfen - und falls das nicht reichen sollte, müsste man noch mal über einer Verschärfung der Kontakt-Maßnahmen nachdenken", so Drosten.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Gegen Delta animpfen (105 Min)

Günstigere Bedingungen in Deutschland

"Aber es gibt auch gute Gründe zu denken, dass dieser Schritt in Deutschland nicht notwendig sein wird und die Verbreitung hierzulande vielleicht anders verläuft", zeigt sich der Virologe zuversichtlich. "Einer der Hauptgründe ist: Zu der Zeit, als die Inzidenz in England wieder hochging, lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 25 - und da lag sie schon seit mehreren Wochen konstant. Man hatte also nicht so weit runtergebremst, wie wir das in Deutschland jetzt gemacht haben. Wir liegen aktuell bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 8,0." Ein weiterer Vorteil könnte sein, dass in den Bundesländern nun nach und nach die Sommerferien beginnen und sich die Delta-Variante von daher vorübergehend nicht über die Klassenzimmer verbreiten könne.

Im Sommer könnte es eine Ruhephase geben

"Bei anhaltend niedrigen Inzidenzen könnte es sein, dass wir im Sommer in eine Ruhephase reinkommen, bei der es uns erst einmal relativ egal sein kann, ob die Delta-Variante da ist oder nicht", sagt Drosten. Dann aber könnte sich das Bild schnell ändern. Der Virologe weist auf folgende Tatsache hin: In England sind die Neuinfektionen gestiegen, als der Anteil der Delta-Variante bei Neuinfektionen 80 Prozent ausmachte. "In Deutschland könnte es Anfang oder Mitte Juli so weit sein, dass dieser Wert erreicht wird - falls sich bei uns die Zahlen von Woche zu Woche verdoppeln sollten."

Drosten: Im Herbst wird die Sieben-Tage-Inzidenz steigen

Drosten ist sich sicher: In Deutschland werde es im Herbst auf jeden Fall einen Inzidenz-Anstieg geben. "Weil ich nicht daran glauben kann, dass die Erwachsenen dann zu 100 Prozent doppelt geimpft sind, um dieses Virus komplett in der Ausbreitung zu hemmen - wohlwissend, dass die Kinder nicht geimpft sind", sagt Drosten. "Das werden wir nicht erreichen. Es wird immer Leute geben, die sich nicht impfen lassen wollen. Wenige werden sich nicht impfen lassen können oder dürfen. Andere wiederum werden sich nicht darum scheren oder auf die zweite Impfung verzichten."

Impfung für Eltern von Schulkindern besonders wichtig

Den voraussichtlichen Inzidenz-Anstieg im Herbst könnte man dann eine vierte Welle nennen. "Aber der Begriff ist nicht entscheidend. Wichtiger ist die Diskussion darüber, welche nicht-pharmazeutischen Maßnahmen wie Maskenpflicht und Kontakt-Beschränkungen in dieser Phase nötig und angemessen sein werden." Dabei spiele auch die Frage eine bedeutende Rolle, wie viele schwere Krankheitsverläufe man zulassen wolle. Die Politik müsse alles daran setzen, dass sich möglichst viele Erwachsene bis zum Herbst doppelt impfen lassen. Dies gelte insbesondere für die Eltern schulpflichtiger Kinder.

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Auch bei Delta-Variante: Hoher Impfschutz gegen schwere Verläufe

Denn vieles deutet darauf hin, dass die Impfungen auch bei einer Infektion mit der Delta-Variante gegen schwere Verläufe schützen. Zahlen aus England zeigen: Nach einer ersten Impfdosis schützen die Corona-Impfstoffe bei einer Infektion mit der Delta-Variante zu 75 Prozent vor einer schweren Erkrankung, bei einer vollständigen Impfung steigt der Wert auf 94 Prozent. "Der Impfschutz vor einem schweren Verlauf ist bei der Delta-Variante fast nicht zu unterscheiden von einem Schutz bei der Alpha-Variante", hält Drosten fest.

Delta-Variante: Hinweise auf höhere Viruslast bei Infizierten

Für Ungeimpfte stellt sich die Situation wie folgt dar: "Es gibt ein gewisses Signal dafür, dass die Delta-Variante etwas schwerere Verläufe machen könnte", sagt Drosten. Dies würde zu folgender Beobachtung passen: "Wir sehen in unseren eigenen Labordaten erste Hinweise darauf, dass Patienten, die mit der Delta-Variante infiziert sind, eine noch höhere Viruslast haben als Patienten mit der Alpha-Variante."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 22.06.2021 | 18:05 Uhr

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