Gelbe Folien mit den Schriftzügen "Groߟer Räumungsverkauf" und "Wir Schließen! Alles muss raus!" kleben in Braunschweig auf Schaufenstern eines Schuhgeschäftes. © dpa Foto: Stefan Jaitner

Corona-Pandemie und die Folgen

Stand: 02.03.2021 06:19 Uhr

Alle sehnen sich nach etwas mehr Normalität, hoffen auf ein Ende der Corona-bedingten Einschränkungen. Doch wie drastisch sind die Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaft und unsere Gesellschaft?

von Nicolas Lieven

Marcel Fratzscher | Bild: DIW Berlin
Marcel Fratzscher vom DIW glaubt, das in der Reisebranche Arbeitsplätze verloren gehen

Noch sind die Folgen der Corona-Pandemie nicht wirklich abzuschätzen. Vor allem, weil niemand mit Gewissheit sagen kann, wie lange uns das Virus noch dazu zwingt, gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben einzuschränken. Sicher ist aber, nicht jede Firma wird den Lockdown überleben, nicht jeder Arbeitsplatz wird erhalten bleiben. Die große Pleitewelle ist im vergangenen Jahr ausgeblieben, nicht zuletzt, weil der Staat die Regeln zur Insolvenzanmeldung verändert hat. Ob es in diesem Jahr zu massenhaften Unternehmens-Insolvenzen kommt, darüber sind sich die Experten uneinig: "Nehmen Sie die Reisebranche, Reiseunternehmen oder auch viele Hotels. Die nächsten vier, fünf Jahre werden die Menschen nicht wieder so viel reisen - vor allem nicht beruflich. Das heißt: einige werden nicht überleben", befürchtet der Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher.

Die ganz große Pleitewelle wird wohl ausbleiben

Prof. Dr. Enzo Weber vom Wolfram Murr, Photofabrik; Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung © Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Foto: Wolfram Murr, Photofabrik
Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber geht davon aus, dass es zwar mehr Insolvenzen geben wird aber keine große Pleitewelle

Eine massenhafte Pleitewelle hingegen befürchtet Enzo Weber nicht, er ist Forschungsbereichsleiter Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: "Wir gehen schon davon aus, dass es in diesem Jahr mehr Unternehmens-Insolvenzen geben wird. Das können durchaus auch einige Tausend mehr sein als normal. Aber wir gehen nicht davon aus, dass die ganz große Insolvenzwelle anrollen wird, weil wir nach dem ersten Lockdown gesehen haben, dass es eine sehr schnelle Gegenbewegung in der Konjunktur gibt."

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Viele Betriebe bangen um ihre Existenz

Viele Einzelhändler in den Innenstädten hatten auch schon vor der Corona-Krise zu kämpfen. Wie viele von ihnen überleben, wie unsere Innenstädte aussehen werden und welchen Einfluss das auf den Immobilienmarkt haben wird, ist schwer zu prognostizieren. In etlichen Großstädten wird schon darüber nachgedacht, Büro- oder sogar Parkhäuser zu Wohnraum umzugestalten. Dem deutschen Hotel- und Gaststättenverband zufolge, bangen drei Viertel aller Gastbetriebe um ihre Existenz. Nicht jedes Restaurant aber, das nicht wieder aufmacht, wird in der Insolvenzstatistik auftauchen. Vielleicht der Wirt aber dann - zusammen mit Soloselbständigen - in der Statistik der Hartz-IV-Empfänger. Deren Zahl ist schon jetzt deutlich angestiegen: "Wenn man erstmal drin ist, ist es schwieriger als früher, wieder rauszukommen", sagt Weber.

Bleibende Schäden in der Erwerbskarriere

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Auch deshalb, weil die Zahl der offenen Stellen deutlich geringer ist, als vor der Krise. Ein großes Problem - unter anderem für Berufseinsteiger, erklärt Enzo Weber: "Wir wissen, dass junge Menschen, die versuchen in den Arbeitsmarkt reinzukommen, in einer schlechten Situation sind, dass die auch wirklich bleibende Schäden in ihrer Erwerbskarriere davontragen".

Versäumte Bildung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen

Nicht nur Enzo Weber, auch Marcel Fratzscher sehen hier die größte Herausforderung. Denn versäumte Bildung hat langfristig deutlich weitreichendere gesellschaftliche Folgen, als die aktuell befürchteten Insolvenzen. Das weiß auch Bettina Kohlrausch, die wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung: "Im Moment wird überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie sich die soziale Ungleichheit, die wir jetzt schon in unserer Gesellschaft haben, langfristig verschärfen kann, weil Bildungsungleichheit nochmals verschärft wird. Kein Mensch denkt darüber nachdenkt, wie die versäumte Bildung nachgeholt werden kann, was aktuell verpasst wird. Das heißt, wir züchten die nächste Generation Ungleichheit heran, wenn wir das nicht im Blick haben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info Spezial | Wirtschaft | 02.03.2021 | 06:41 Uhr

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