Auf einen Kalender klebt eine Person einen Zettel, auf dem "Hotspot" steht. Auf dem Kalender steht durchgestrichen: "Freedom Day" © picture alliance / Flashpic Foto: Jens Krick

Corona-Lockerungen trotz hoher Inzidenzen: Wie passt das zusammen?

Stand: 20.03.2022 11:51 Uhr

Ist das neue Infektionsschutzgesetz verantwortungslos oder sind die Lockerungen der richtige Schritt in Richtung einer neuen Normalität? Was die Zahlen verraten und wie Experten auf die Lage blicken.

von Anna Behrend

Fast 300.000 positive Corona-Tests wurden in der vergangenen Woche täglich in Deutschland gemeldet. Die deutschlandweite Inzidenz liegt bei 1.700, Tendenz zuletzt steigend. Während es ständig neue Rekordzahlen zur Pandemie hagelt, sind seit Sonntag mit dem neuen Infektionsschutzgesetz die meisten Corona-Maßnahmen ausgelaufen. Damit gelten nur noch einige Basisschutzmaßnahmen sowie mögliche Sonderregeln für Hotspots, die dann die Bundesländer erlassen können. Wegen der hohen Infektionszahlen wollen alle Nordländer die bestehenden Maßnahmen ganz oder in Teilen während der Übergangszeit bis zum 2. April fortführen.

Ist die Änderung des Infektionsschutzgesetzes in der jetzigen Situation also das falsche Signal? Wie bedrohlich ist die Situation?

Inzidenz gestiegen - auch im Norden

Mitte Februar sah es zunächst so aus, als sei der Peak der Omikron-Welle bundesweit überschritten, doch inzwischen steigt die Inzidenz in den meisten Regionen Deutschlands wieder an. Dass dies nicht nur am Karneval liegt, zeigt ein Blick auf die Nordländer: Auch in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Hamburg stiegen die Zahlen in den vergangenen Tagen trotz weitestgehender Karneval-Abstinenz.

Ein maßgeblicher Grund für die steigenden Zahlen dürfte die besonders leicht übertragbare Omikron-Variante BA.2 sein. Sie hat in den vergangenen Wochen das Ruder übernommen und bestimmt inzwischen als vorherrschende Variante das Ausbruchsgeschehen in Deutschland.

Angst vor Corona nimmt ab

Doch nicht nur der Virus-Subtyp, sondern auch die Wahrnehmung der Bedrohung und somit das Verhalten der Bevölkerung haben sich seit Jahresbeginn verändert. Laut der sogenannten Cosmo-Befragung, die seit Beginn der Pandemie in Kooperation mehrerer Forschungseinrichtungen in Deutschland regelmäßig vorgenommen wird, fühlten sich zuletzt immer weniger Menschen durch das Coronavirus bedroht. Ende Februar lag der Anteil derer, die ein hohes oder eher hohes gefühltes Risiko wahrnahmen, mit rund 33 Prozent unter den Werten vom vergangenen Sommer.

Diese Gemütslage mag beeinflusst haben, wie die Menschen sich in den letzten Wochen getroffen haben - also vielleicht mit weniger Abstand und Lüften und vermehrt in Innenräumen statt draußen. Und sie hatte mutmaßlich auch einen Einfluss auf die Zahl der sozialen Kontakte. Zumindest legen das Mobilfunkdaten nahe, die von Forschenden der Humboldt-Universität Berlin und des RKI ausgewertet wurden.

Mehr Kontakte im Januar und Februar

So hatten die Menschen im Januar und Februar zeitweise im Mittel mehr Kontakte als im vergangenen Sommer, als die Inzidenz bei Werten unter 50 lag. Erst seit Anfang März scheinen die Menschen ihre Kontakte wieder einzuschränken.

Superspreader-Risiko durch Einzelne mit vielen Kontakten

Dieser Rückgang, so die Forschenden, sei jedoch mit Vorsicht zu genießen, da die aktuellsten Daten noch nicht ganz vollständig seien und sich rückwirkend noch ändern könnten. Es scheine sich aber durchaus um ein "echtes Phänomen" zu handeln, zumal auch eine weitere wichtige Größe eine Veränderung zeigt: Nämlich, wie unterschiedlich die Zahl der Kontakte pro Person ist. Diese Unterschiede nahmen im Januar und Februar immer mehr zu. Das heißt einige Personen haben die Zahl ihrer Kontakte stark erhöht - für die Infektionsdynamik ein wichtiger Faktor, da dieses Verhalten zu Superspreader-Ereignissen führen kann. Seit einem letzten Anstieg Anfang März, stagniert jedoch auch diese Größe.

Überlastung der Intensivstationen trotz milderer Omikron-Verläufe?

Haben die Menschen also unabhängig vom neuen Infektionsschutzgesetz längst eigenverantwortlich auf die Situation reagiert? Und sind Schutzmaßnahmen vielleicht mittlerweile ohnehin überflüssig, weil die Omikron-Variante meist milde Verläufe verursacht und somit eine Überlastung des Gesundheitssystems nicht zu befürchten ist?

"Die Krankheitsschwere ist bei der Omikron-Variante eindeutig geringer als bei der Delta- oder der Ursprungsvariante - und somit auch der Anteil der intensivpflichtigen Covid-Patienten an allen Infizierten", sagt Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). "Wegen der insgesamt hohen Infektionszahlen haben wir aber dennoch nach wie vor eine nennenswerte Belastung der Intensivstationen."

Nord-Bundesländer: Zahl der Covid-Intensivpatienten steigt

Derzeit werden bundesweit gut 2.200 Covid-Patienten auf Intensivstationen versorgt. Ein leichter Abwärtstrend, wie er deutschlandweit seit Mitte Februar zu sehen war, setzt sich damit nicht fort. Eher deuten die Zahlen auf einen erneuten Anstieg hin. Für die norddeutschen Länder ist dieser sogar recht deutlich zu sehen. Hier werden derzeit knapp 360 Corona-Patientinnen und -Patienten intensivmedizinisch betreut - Tendenz steigend.

Doppelbelastung: Viele Patienten und reduzierte Belegschaft

Zu Spitzenzeiten seien deutschlandweit rund 5.000 Covid-Intensivpatienten betreut worden, so DKG-Vorsitzender Gaß. Da sei die Belastung deutlich höher gewesen als jetzt. "Aber auch die aktuellen Zahlen bedeuten: Etwa jedes zehnte Bett ist mit einem Infektionspatienten belegt. Und das ist kein Patient wie jeder andere", so Gaß. "Er muss von anderen separiert werden und die Mitarbeiter müssen einen ganz anderen Infektionsschutz beachten, als das sonst in einer Intensivstation der Fall ist." Ähnliches gilt auch für die Patienten, die mit ihrer Corona-Infektion nicht auf der Intensivstation landen. Laut Gaß sind das noch einmal rund 20.000 bundesweit.

Und das Personal, um sie zu versorgen, ist gerade besonders knapp. Die Kliniken stünden derzeit vor einer großen Doppelbelastung, so Gaß: viele infektiöse Patienten und eine reduzierte Belegschaft. Die Krankheitsquoten beim Krankenhauspersonal seien derzeit zwischen zehn und 20 Prozent höher als sonst um diese Jahreszeit.

Experten erwarten deutlich höhere Hospitalisierungsrate

Und die Zahl der Corona-Infizierten in den Kliniken wird sich in den kommenden Wochen sehr wahrscheinlich noch erhöhen. Denn blickt man auf Schätzungen der sogenannten Hospitalisierungsinzidenz, also die Zahl derer, die pro Woche und 100.000 Einwohnern wegen Corona ins Krankenhaus kommen, so zeigt sich auch hier ein ansteigender Trend.

Doch trotz der immer noch erhöhten Belastung in den Kliniken und der steigenden Zahlen sieht Gaß keinen Anlass für Alarmismus. "Wir gehen davon aus, dass sich die Situation im April und Mai entspannt, wenn das Wetter besser wird und die Menschen vermehrt draußen sind", so Gaß. "Und auch in den nächsten Wochen, in denen wir wahrscheinlich noch steigende Zahlen sehen werden, ist nicht davon auszugehen, dass die Belegung der Intensivstationen sehr stark ansteigt. Zahlen von nennenswert über 3.000 Patienten erwarten wir nicht in den kommenden Monaten."

Ähnlich schätzt auch Epidemiologin Berit Lange die Situation ein. Für wirklich sinnvoll hält die Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig es jedoch nicht, in die aktuelle Situation hinein zu lockern. Schließlich sei die Belastung derzeit nicht nur für Intensiv- und Normalstationen, sondern auch das ambulante Gesundheitssystem ohnehin hoch.

Legt Omikron die kritische Infrastruktur lahm?

Auch wenn eine Überlastung des Gesundheitssystems in den kommenden Wochen und Monaten ausbleibt, wie Gaß und Lange es prophezeien, so bleibt die Tatsache, dass in Deutschland derzeit täglich nach wie vor rund 200 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 sterben. Und es bleibt die Frage, welche Auswirkung die hohen Fallzahlen auf kritische Infrastrukturen wie zum Beispiel den Lebensmittelhandel oder die Müllentsorgung haben könnten. Denn auch hier könnten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeitgleich an Covid erkranken.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) berät die Einrichtungen der kritischen Infrastruktur und stellt zum Beispiel Leitfäden zum Risiko- und Krisenmanagement zur Verfügung. Wie groß der Personalausfall durch die Omikron-Welle noch werden wird, vermag man dort nicht zu sagen. Entsprechende Abschätzungen oder Modellrechnungen liegen dem BBK nicht vor. Aufgrund der hohen Übertragbarkeit der Omikron-Variante blieben Engpässe beim Schlüsselpersonal jedoch ein sehr realistisches Szenario.

Wie genau prognostizieren Modellrechnungen die Omikron-Infektionen?

Szenarien, wie sich die Lage entwickeln könnte, haben Forschende seit Pandemiebeginn immer wieder entworfen. Anfang Februar etwa veröffentlichten Wissenschaftler des Robert Koch-Instituts (RKI) solche Modellrechnungen für die Omikron-Welle. Im Mittel all ihrer Szenarien sahen sie einen Peak der Infektionszahlen Mitte Februar, eine Überlastung der Intensivstationen und der Krankenhäuser insgesamt blieb aus. Doch dies ist eben nur der Mittelwert, der sich aus 180 betrachteten Szenarien ergab.

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Auch Epidemiologin Lange und ihre Kollegen versuchen mithilfe mathematischer Modelle den künftigen Verlauf der Infektionszahlen zu modellieren. "Wir konnten den Zeitpunkt des ersten Peaks der Omikron-Welle recht gut vorhersagen", so die Forscherin. "Für den zweiten finden wir es deutlich komplizierter, weil es sehr schwer ist vorherzusehen, wie sich die Saisonalität auf den Verlauf auswirkt und wie sich das Verhalten der Menschen durch die Lockerungen ändert."

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Ähnlich sehen es auch die RKI-Forscher. Um die Lage einzuschätzen, bietet es sich ihres Erachtens derzeit an, die Infektionszahlen täglich sehr genau nach Altersgruppen und Region aufgegliedert anzuschauen und zu überprüfen, ob ein starkes exponentielles Wachstum auftritt.

"Der 20. März ist kein 'Freedom Day'"

Die Zahlen regional genau anschauen - dieser Ansatz steckt durch die Hotspot-Regelung auch im neuen Infektionsschutzgesetz. Das sei grundsätzlich sinnvoll, sagt Epidemiologin Lange. "Aber die Maßnahmen, die in den Hotspots möglich sind, können lediglich kleinere Infektionswellen abfedern." Außerdem sieht Lange ein Problem, falls Varianten auftauchen, die mehr Menschen stark krank machen als Omikron oder vor denen die Impfung schlechter schützt als bisher. In solch einem Fall hätte man vermutlich "sehr große Probleme mit den aktuellen Hotspot-Regelungen", so die Epidemiologin.

Das neue Gesetz ist nach Langes Auffassung eine Notlösung. "Es hilft uns nicht durch den nächsten Herbst." Man merke ihm an, dass es nur für ein paar Monate gedacht sei, so die Wissenschaftlerin. Die Hotspot-Regelung sei sehr schwammig formuliert und Basisschutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht fehlten in vielen Bereichen.

Auch DKG-Vorstandsvorsitzender Gaß sieht Masken weiterhin als effektive und vergleichsweise milde Maßnahme: "Ich glaube, man darf die Diskussion nicht so führen, als ob der 20. März der 'Freedom Day' wäre", so Gaß. "Vielleicht gibt es den irgendwann mal - ich würde mir den auch wünschen - aber der 20. März ist es nicht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Coronavirus-Update von NDR Info | 20.03.2022 | 09:05 Uhr

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