Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: Ein "Brücken-Lockdown" braucht ein klares Ziel

Stand: 06.04.2021 17:20 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update warnt die Virologin Sandra Ciesek vor überzogenen Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Kontaktbeschränkungen. Die Impfungen hätten noch keinen großen Effekt auf das Pandemie-Geschehen.

von Marc-Oliver Rehrmann

Was hält Sandra Ciesek von dem Vorschlag eines "Brücken-Lockdowns"? Der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, hat angeregt, einen mehrwöchigen "harten Lockdown" zu verhängen, bis sich die Impfungen in Deutschland auf den Verlauf der Pandemie auswirken. "Erst mal finde ich es gut, dass erkannt wurde, dass ein Problem besteht und dass etwas getan werden muss", sagt Ciesek. Nun müsse ausgearbeitet werden, wie lange solch ein Lockdown dauern müsse. Die Virologin verweist auf eine Modellierung des Robert Koch-Instituts zu der Frage, wie sich Kontaktbeschränkungen bei gleichzeitigem Impf-Fortschritt auf die Krankenhaus-Belastung auswirken würden. "Die Berechnungen zeigen deutlich: Vier Wochen Lockdown, bei dem die Kontakte um bis zu 50 Prozent zurückgefahren werden, reichen nicht, um dieses Infektionsgeschehen groß zu verändern - weder bei den Todesfällen noch bei den mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten", hält Ciesek fest.

Entscheidend sei es, zu klären, was man mit einem strengeren Lockdown erreichen will. "Mir fehlt das klare Ziel", beklagt Ciesek. Erst wenn dieses Ziel feststehe, könne man daraus eine Strategie ableiten.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die aktuelle Folge: Impfeffekt noch nicht in Sicht (87 Min)

Impfungen: Vor Juni ist wohl kein großer Effekt zu sehen

Die Virologin geht davon aus, "dass wahrscheinlich vor Juni kein wahnsinniger Effekt durch die Impfungen zu sehen sein wird", sodass man die Kontaktbeschränkungen in Deutschland auch erst dann aufheben könnte. "Ich denke, viele überschätzen den Effekt der Impfung", meint Ciesek. Es sei falsch zu denken: Jetzt sind fast alle über 80-Jährigen geimpft und jetzt kann man alle Corona-Maßnahmen fallen lassen. "Das ist keine gute Strategie", meint die Virologin. "Beispiele aus anderen Ländern wie Chile zeigen, dass sich solch ein Denken rächt." In Chile hat zwar bereits ein Drittel der Bevölkerung eine erste Impfdosis erhalten, und es herrschen sommerliche Temperaturen - trotzdem steigen die Infektionszahlen seit Wochen an, woraufhin ein neuer Lockdown verhängt wurde.

Sollten Corona-Regeln auch für vollständig Geimpfte gelten?

Für den April rechnen der Bund und die Länder mit deutlich größeren Liefermengen an Corona-Impfstoffen. So wird die Zahl der Geimpften in den kommenden Wochen und Monaten stetig steigen. Das führt unweigerlich zu der Frage, welche Corona-Regeln für Geimpfte weiterhin gelten sollen - und wie sie sich am besten gegenüber ihren ungeimpften Mitmenschen verhalten. Ciesek weist in diesem Zusammenhang auf folgende Position des Gesundheitsministeriums und des Robert Koch-Instituts hin: "Aus Sicht des öffentlichen Gesundheitswesens reduziert die Impfung das Risiko der Virus-Übertragung so stark, dass Geimpfte nach der zweiten Impfung keine wesentliche Rolle mehr spielen bei der Epidemiologie der Erkrankung." In anderen Worten: Für den weiteren Verlauf der Pandemie sei das Verhalten von vollständig Geimpften nicht ausschlaggebend.

"Auch Geimpfte sollten sich an AHA-Regeln halten"

Die Virologin aus Frankfurt am Main mahnt jedoch: Man könne nicht zu 100 Prozent ausschließen, dass über einen Kontakt mit einer geimpften Person eine Infektion übertragen wird. "Deshalb ist es gerade in den kommenden Wochen und Monaten wichtig, dass Geimpfte die Nicht-Geimpften weiter schützen - indem sie sich weiter an die AHA-Regeln halten und in bestimmten Situationen eine Maske tragen. "Das gilt ganz besonders für sensible Bereiche wie Krankenhäuser und Altenheime", so Ciesek. "Zumal wir noch gar nicht wissen, wie lange der Impfschutz bei den alten Menschen anhalten wird."

Wenn geimpfte Großeltern ihre Enkel wiedersehen

Können Kinder ihre vollständig geimpften Großeltern wieder besuchen? "Ich denke, dass es nicht richtig wäre, zu sagen, die Enkelkinder dürfen nie wieder zu ihren Großeltern", positioniert sich Ciesek in der aktuellen Podcast-Folge. Zudem zeigten Studien, dass bei vollständig Geimpften schwere Verläufe, Krankenhaus-Aufenthalte und Tod fast zu 100 Prozent verhindert würden. Dennoch: Ein Restrisiko bleibe. Letztlich sei es eine individuelle Entscheidung, so Ciesek. "Es darf nur nicht der Eindruck entstehen, dass man nach einer Impfung zu 100 Prozent vor einer Infektion sicher ist."

Paracetamol oder Ibuprofen: Sind Schmerzmittel bei Immunreaktionen ratsam?

Sollten nach einer Corona-Schutzimpfung Immunreaktionen wie Fieber oder lokale Schmerzen auftreten, hält Ciesek die Einnahme eines entzündungshemmenden Schmerzmittels wie Paracetamol oder Ibuprofen für grundsätzlich unbedenklich. Sie empfiehlt jedoch nicht, diese Medikamente rein vorsorglich (prophylaktisch) vor dem Impftermin einzunehmen. Denn aus Studien bei anderen Impfstoffen gebe es Hinweise darauf, dass entzündungshemmende Tabletten bewirken, dass der Körper infolge der Impfung nicht so viele Antikörper wie gewünscht bildet. Anders sei das, wenn bereits eine Impfreaktion mit Symptomen wie Fieber eingesetzt habe, so Ciesek. "Dann sollten die entzündungshemmenden Schmerzmittel keinen Einfluss mehr auf die Bildung der Antikörper haben." Die gewünschte Abwehr-Reaktion des Körpers sei ja schon im Gang.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.04.2021 | 17:00 Uhr

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