Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: Dänemark zeigt, wie es funktionieren kann

Stand: 14.09.2021 17:00 Uhr

Dänemark feiert das Ende der Pandemie, Deutschland ist aber noch nicht soweit, sagt Virologin Sandra Ciesek im NDR Info Podcast Coronavirus-Update. Impfquote und Impfbereitschaft seien noch zu niedrig.

von Michael Latz

Mit ein wenig Neid schaut Sandra Ciesek nach Dänemark. Nach eineinhalb Jahren hat die Regierung in Kopenhagen nun auch die letzten Corona-Beschränkungen aufgehoben. Die Pandemie sei unter Kontrolle und Covid-19 daher keine gesellschaftskritische Krankheit mehr, teilte das Gesundheitsministerium mit. Nach einem harten Lockdown hatte das Land zuletzt schrittweise immer weiter gelockert - nun sind zum Beispiel keine Masken mehr in Bussen und Bahnen nötig und jeder darf Bars, Restaurants oder Fußball-Stadien besuchen. 2G- oder 3G-Regeln spielen keine Rolle mehr.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
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Hohe Impfbereitschaft brachte Durchbruch in Dänemark

Möglich ist das dank einer besonders hohen Impfquote von rund 86 Prozent mit mindestens einer Impfdosis unter allen, für die derzeit eine Impfung zugelassen ist (ab 12 Jahren). In der Gruppe der Menschen über 50 Jahren haben sich sogar 96 Prozent impfen lassen. Werte, von denen Deutschland noch weit entfernt sei, sagt Virologin Sandra Ciesek: "Ich habe das Gefühl, dass die Dänen viel geschlossener sind, viel solidarischer miteinander umgehen und die Maßnahmen viel besser akzeptiert haben als in Deutschland."

Natürlich ist das Coronavirus auch in Dänemark noch nicht verschwunden, aber die Lage scheint beherrschbar zu sein - das Virus ist endemisch geworden. Die Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt rechnet daher damit, dass nach den Lockerungen die Zahl der Neuinfektionen in Dänemark wieder steigen wird - aber auch damit, dass weiterhin Menschen an einer Corona-Infektion sterben werden. Dennoch könnte der dänische Weg gelingen, so Sandra Ciesek: "Mit einer Impfquote von 96 Prozent bei der Gruppe der über 50-Jährigen haben die Dänen eine sehr gute Ausgangslage. Ich denke schon, dass das für Dänemark der Übergang in einen endemischen Status ist. Wenn keine neuen Überraschungen mit neuen Varianten kommen, kann das sehr gut klappen."

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Ciesek: Covid-19 trifft immer häufiger jüngere Menschen

Deutschland ist nach Meinung von Sandra Ciesek noch nicht an dem Punkt, an dem auf Corona-Schutzmaßnahmen verzichtet werden könnte. Aktuell beobachten Mediziner, dass sich der Schwerpunkt der Erkrankungen verschiebt. Mehr als die Hälfte der Menschen, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden muss, ist jünger als 60 Jahre. Und unter den Intensivpatientinnen und -patienten ist der Anteil der 30- bis 39-Jährigen höher als der über 80-Jährigen. "Das macht deutlich, dass Covid-19 nicht eine Erkrankung der Rentner oder Altenheimbewohner ist, sondern es ist mittlerweile eine Erkrankung, die auch Menschen im mittleren Alter betrifft", erklärt Sandra Ciesek.

Das Virus trifft damit auf eine Bevölkerungsgruppe, in der es weniger Geimpfte gibt, die aber auch in Teilen weniger sorglos mit den Risiken umgeht: "Eine Rolle spielt natürlich auch, wie viele Kontakte jemand hat. Und ein 30-Jähriger dürfte im Durchschnitt mehr Kontakte am Tag haben als ein 85-Jähriger."

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Impfungen: Risiko von Nebenwirkungen ist vergleichsweise gering

Vor diesem Hintergrund ist es nach Meinung von Sandra Ciesek umso wichtiger, die Impfbereitschaft zu erhöhen. Medizinerinnen und Mediziner, aber auch die Politik, stünden jetzt vor der Herausforderung, die Ungeimpften zu erreichen. Dabei reiche es nicht, Anzeigen in Zeitungen schalten, so Ciesek. Wichtiger sei, Chancen und Risiken einer Impfung gleichermaßen zu thematisieren.

Zuletzt hatten Forscher aus Israel und den USA deutlich gemacht, dass die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung deutlich geringer sind als die Risiken, die mit einer Covid-Erkrankung verbunden sind. Die Studie, die auf rund zwei Millionen Datensätzen der israelischen Krankenkassen basiert und Impfungen mit dem Wirkstoff von Biontech/Pfizer betrachtet, ist Ende August im "New England Journal of Medicine" erschienen. Untersucht wurde zum Beispiel, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Herzmuskelentzündung nach einer Impfung ist und wie hoch nach einer Covid-Infektion. Das Ergebnis: Für Ungeimpfte ist das Risiko im Fall einer Infektion fast drei Mal höher als nach einer Impfung. Solche Zahlen machten deutlich, dass mit den Impfungen zwar Begleitrisiken verbunden seien, diese aber seltener und weniger gefährlich als die Folgen einer Infektion mit dem Corona-Virus seien, so Ciesek.

Zusammenhang zwischen Corona-Erkrankungen und Lebensumständen

Mit Blick auf die Impfbereitschaft rät die Frankfurter Virologin auch dazu, sozio-ökonomische Zusammenhänge nicht zu unterschätzen. Eine Untersuchung aus der Schweiz hat zuletzt Zusammenhänge zwischen Corona-Testungen und Faktoren wie Wohngegend, Bevölkerungsdichte, Ausbildung und Beruf untersucht. In Gegenden, die eher als sozialbenachteiligt gelten, wurde demnach weniger getestet, die Positivrate war dennoch höher und die Zahl der schweren Erkrankungen war im Vergleich größer als in privilegierten Gegenden.

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Ciesek: Nicht überreden, sondern überzeugen

Auch wenn Impfquoten wie in Dänemark noch weit entfernt scheinen, so sieht Sandra Ciesek doch noch Möglichkeiten, wie Deutschland nachbessern könnte. Denkbar sei zum Beispiel, dass Ärztinnen oder Ärzte gezielt auf Unentschlossene über 50 Jahren zugehen und über Vorbehalte und Ängste sprechen: "Vielleicht bringt eine persönliche Ansprache einfach etwas mehr. Und selbst wenn jemand meint, er habe kein Risiko, dann kann man immer noch sagen: 'Impf dich für die anderen. Impf dich für die Oma, für die vorerkrankte Nachbarin, impf dich für die kleine Cousine, die nicht geimpft werden kann!'

Das habe auch mit Gruppendenken und Solidarität zu tun." Eine Solidarität, die die Däninnen und Dänen vorgemacht haben - und nun genießen dürfen.

Anm. d. Red.: Wir haben die Angaben zur Impfquote in Dänemark nachträglich ergänzt. In einer ersten Version des Artikels fehlte der Hinweis, auf welchen Bevölkerungsanteil sich die Impfquote von 86 Prozent mit mindestens einer Dosis bezieht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 14.09.2021 | 17:00 Uhr

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