Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: Eine Impfung ist auch für Covid-19-Genesene sinnvoll

Stand: 04.05.2021 17:45 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update dreht sich alles um das Thema Impfen. Die Virologin Sandra Ciesek betont, wie wichtig die zweite Dosis ist. Eine Frage lautet: Sollen sich Covid-19-Genesene impfen lassen?

von Marc-Oliver Rehrmann

Die Wissenschaftlerin hält auch für Covid-19-Genesene eine Impfung für sinnvoll, um den Immunschutz - den sie nach ihrer Infektion bereits haben - möglichst umfassend und möglichst lange aufrechtzuerhalten. "Auch diejenigen, die bereits infiziert waren, profitieren von einer Impfung", sagt Ciesek. Zumal Daten den Schluss nahelegen, dass die Impfung bei Covid-19-Genesenen auch gegen die britische und die südafrikanische Variante wirksam ist.

Stärkere Impfreaktion bei Covid-19-Genesenen

Generell lasse sich beobachten, dass die Impfreaktion bei den Genesenen eher stärker ausfalle als bei Personen, die noch nicht infiziert waren. Dies sei auch nicht verwunderlich. "Das Immunsystem ist lernfähig. Und bei den Genesenen hatte der Körper ja schon einmal Kontakt mit dem Erreger", erklärt Ciesek. Nach einer Impfung werde das Immunsystem bei diesen Menschen dann viel schneller und stärker aktiviert.

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Coronavirus-Impfung: Bei Genesenen reicht eine Dosis

Bei Covid-19-Genesenen reiche eine Impfung aus. "Laut einer Studie sind sie nach einer Spritze mindestens genauso gut geschützt wie zweimal Geimpfte ohne vorherige Infektion." Eine zweite Spritze bringe in diesen Fällen offenbar keinen zusätzlichen Vorteil.

Die Virologin weist aber auch darauf hin, dass nach wie vor unklar sei, wie lange der hochwirksame Immunschutz anhält. "Da werden wir auf andere Länder wie Israel schauen müssen, die uns in puncto Durchimpfung der Bevölkerung weit voraus sind."

Erst AstraZeneca, dann Biontech: Ist das unbedenklich?

Der Podcast widmet sich auch der Frage, warum eine Mischung von zwei Impfstoff-Typen - trotz fehlender Studien - in Deutschland empfohlen wird. Dies ist insbesondere bei Personen der Fall, die mit der ersten Spritze den Vektor-Impfstoff von AstraZeneca erhalten haben - der inzwischen wegen seltener, aber schwerer Nebenwirkungen für ihre Altersgruppe jedoch nicht mehr empfohlen wird. Für diese Personengruppe ist nun mit der zweiten Spritze ein mRNA-Impfstoff vorgesehen - wie beispielsweise Biontech/Pfizer. Ciesek erklärt, dass den Immunologen Daten aus Tier-Experimenten vorliegen. "Diese Zahlen geben den Hinweis, dass solch ein Wechsel von einem Vektor-Impfstoff auf einen mRNA-Impfstoff nicht nur kein Problem ist, sondern eventuell sogar bessere Immunantworten auslöst."

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Zudem können die Wissenschaftler auf die Daten von Covid-19-Genesenen zurückgreifen, die später einen mRNA-Impfstoff erhalten haben. "Auch da zeigt sich, dass sie eine sehr gute Impfantwort haben." Diese Gesamt-Datenlage führe dazu, dass die Fachleute "relativ entspannt seien", was den Wechsel von AstraZeneca auf einen mRNA-Impfstoff anbelangt.

Impfen: Deshalb ist die zweite Spritze so wichtig

Ciesek hebt hervor, dass die zweite Impfung wichtig ist. Die erste Impfdosis stellt für all diejenigen, die noch nicht infiziert waren, den ersten Kontakt des Immunsystems mit dem Erreger dar: Antikörper werden gebildet und über die ersten Wochen nach der Erst-Impfung werde ein erster Immunschutz aufgebaut. "Mit der zweiten Impfung erreicht man dann das immunologische Gedächtnis. Das heißt: Die Antikörper-Antwort wird noch mal deutlich stärker - zehnfach bis zwanzigfach stärker. Und man hat eine längere Wirkung."

Umso wichtiger sei es, die bei der Erstimpfung darüber aufzuklären, wie wichtig die zweite Dosis für den vollständigen und längeren Impfschutz ist. Eine Umfrage in den USA habe gezeigt, dass sich sehr viele Menschen darüber nicht im Klaren sind.

Warum Menschen nicht zum zweiten Impftermin erscheinen

Ciesek nennt drei mögliche Gründe, warum auch hierzulande Menschen ihren zweiten Impftermin mitunter nicht wahrnehmen.

1. Personen, die nach der ersten Spritze Grippe-ähnliche Beschwerden hatten, sehen deshalb von einer zweiten Impfung ab.

2. Durch Fehlinformationen kommen Zweifel auf an der Notwendigkeit oder an der Wirkung der Impfung.

3. Für manche ist es schwierig, einen weiteren Impftermin wahrzunehmen, weil sie abgeschieden wohnen oder nicht mobil sind.

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Johnson & Johnson ist als Einmal-Impfstoff ideal für Obdachlose

Nur bei dem - in der EU zugelassenen - Impfstoff Johnson & Johnson ist kein zweiter Impftermin vorgesehen. "Da hat man in den Studien wohl gesehen, dass eine zweite Impfung keine stärkere Antikörper-Bildung bewirkt", sagt Ciesek. Sie hält diesen Einmal-Impfstoff besonders für Menschen geeignet, die nicht in der Lage sind, einen zweiten Termin wahrzunehmen - wie etwa Obdachlose oder Drogen-Abhängige. "Wir sollten versuchen, die verhältnismäßig wenigen Dosen, die wir von Johnson & Johnson haben, für diese Gruppen zu verwenden", regt Ciesek an.

Impfreaktion: "Covid-Arm" tritt nach einer Woche auf

Auch zu den körperlichen Reaktionen nach einer Impfung äußert sich die Virologin aus Frankfurt am Main in der neuen Podcast-Folge. "Warum einige Geimpfte Beschwerden haben und andere nicht, wissen wir nicht", sagt Ciesek. Es gebe durchaus einen Zusammenhang zwischen Stärke der Impfreaktion und der Immunantwort. Wenn Impfreaktionen ausbleiben, bedeute das umgekehrt aber keinen geringeren Schutz.

Die Wissenschaftlerin weist zudem auf das Phänomen hin, dass auch im Zeitraum von sieben bis neun Tagen nach der ersten Spritze lokale Beschwerden in dem Arm auftreten können, in den die Spritze gegeben wurde: Der Arm schmerzt, wird dick oder es kommt zu einem Brennen. "In den USA nennt man das den Covid-Arm", weiß Ciesek. Diese Impfreaktion sei aber ungefährlich und könne gut behandelt werden. Zu beobachten ist sie häufiger bei Frauen als bei Männern.

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NDR Info | 04.05.2021 | 18:05 Uhr

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