Stand: 21.12.2019 07:54 Uhr  - Hamburg Journal

Vorwurf: Jugendämter trennen Kinder und Mütter

von Lisa Hentschel

Alleinerziehende Mütter, die sich hilfesuchend ans Jugendamt wenden und dann von ihren Kindern getrennt werden, weil die Mutter-Kind-Beziehung zu eng sein soll. Der Soziologe Wolfgang Hammer hat Dutzende solcher Fälle untersucht und hält das Vorgehen der Ämter für nicht rechtens. Auch in Hamburg sind Frauen betroffen. Eine von ihnen ist Klara.

Es ist paradox: Dass die Hamburgerin Klara ihren Sohn monatelang nicht sehen darf, hat sie selbst ins Rollen gebracht. 2012 beginnt die Geschichte. Da wendet sie sich das erste Mal ans Jugendamt, gibt dort an, ihr Mann wende häusliche Gewalt an, sie bittet um Hilfe. Doch alles bleibt, wie es ist, sagt Klara, die anders heißt. Anonym zu bleiben, ist für sie entscheidend. Ihr Urvertrauen ist weg, erzählt sie.

2016 trennt sich sich von ihrem Mann. Sie bleibt mit ihrem Sohn allein in einer Wohnung, die grundsaniert werden muss, hat ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern, studiert nebenbei. Es wird ihr wieder zu viel und sie nimmt erneut Kontakt zum Jugendamt auf. "Ich war halt am Boden meiner Kräfte. Das Jugendamt war für mich die Anlaufstelle, bei der ich mir erhofft habe, unterstützt zu werden", sagt Klara. Doch nicht sie, sondern ihr Mann erhält das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Erst Monate später darf Klara ihren Sohn wiedersehen, jedes zweite Wochenende.

Jugendamt legt "Fremdbetreuung" nahe

2018, so erzählt sie es heute, entdeckt sie blaue Flecke am Unterarm ihres Sohnes und schaltet den Kinderarzt ein. Die Sachbearbeiterin des zuständigen Hamburger Jugendamts legt ihr eine sogenannte Fremdbetreuung nahe. "Die haben gesagt, wenn ich meine Unterschrift nicht auf das Formular setze, nehmen sie meinen Sohn in Obhut. Also habe ich unterschrieben." So erinnert sich Klara daran. Eine entfernte Bekannte soll auf ihren Sohn aufpassen, für eine Woche. Es werden acht Monate daraus. Sie darf ihren Sohn in der Zeit nicht besuchen, nicht anrufen.

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Der Soziologe Wolfgang hält die Trennung der Kinder von ihren Müttern und Großmüttern in den untersuchten Fällen für nicht rechtens.
Kinder von Müttern getrennt

Für den Hamburger Soziologen Wolfgang Hammer ist Klara kein Einzelfall. Bis 2013 war er Abteilungsleiter der Kinder- und Jugendhilfe der Hamburger Sozialbehörde. Neun Jahre saß er dem Fachausschuss Jugend der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe vor. Betroffene kennen ihn und so sind 167 bundesweite Fälle, auch der von Klara, an ihn herangetragen worden. In 42 dieser Fälle erhält er vollständige Akteneinsicht und analysiert die Entscheidungen der Jugendämter. In 39 Fällen leben die Kinder bei ihrer alleinerziehenden Mutter, in drei Fällen bei ihrer Großmutter. Sechs der Fälle stammen aus Hamburg.

Zu enge Mutter-Kind-Beziehung unterstellt

"In allen Fällen waren es die alleinerziehenden Mütter, die sich hilfesuchend ans Jugendamt gewandt haben", betont der Soziologe. Laut Hammer mit folgendem Ausgang: Die Kinder wurden von ihren Müttern getrennt, mit der Begründung, die Beziehung zwischen Mutter und Kind sei zu eng.

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Klara lässt sich auf die vom Jugendamt nahe gelegte "Fremdbetreuung" ein. Daraufhin sieht sie ihren Sohn monatelang nicht.

"Das hätte bedeutet, dass die Mütter ihre Kinder beispielsweise vom Schulunterricht abgehalten, Freundschaften und Kontakte verhindert hätten, dass das Kind Panik bekommt, wenn es von der Mutter getrennt ist", erklärt Hammer. "Das ist aber in keinem der Fälle auch nur annähernd beschrieben oder belegt worden."

Ein Vorwurf: Hörensagen statt fundierte Gutachten

Wie konnte es so weit kommen? Hammer spricht von Gutachten, die die zuständigen Jugendämter von Ärztinnen und Ärzten eingeholt hätten. Diese beurteilten die psychische Belastung der Mütter, ohne sie überhaupt getroffen zu haben, sagt der Soziologe. Entscheidend sei vielmehr die Einschätzung Dritter gewesen - darunter Nachbarinnen und Nachbarn sowie Großeltern. Externe Gutachten wurden laut Hammer nicht eingeholt.

Erst in den Fällen, die vor einem Familiengericht landeten, wurden insgesamt 21 externe Gutachten eingeholt. 19 davon lagen laut Hammer erst vor, nachdem die Kinder bereits mehrere Monate von ihren Müttern getrennt gewesen waren. Und die Ergebnisse dieser externen Gutachten sind eindeutig. "Bis auf einen Fall haben die externen Gutachter empfohlen, die Kinder zurück zu ihren Müttern zu bringen", sagt Hammer.

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Hammer: "Jugendämter gestehen Fehler nicht ein"

Auch Klara hat mehrere Gerichtsverfahren hinter sich, auch Klara hat ein Hunderte Seiten dickes Gutachten in den Händen, in dem steht, ihr Sohn solle zu ihr zurückkommen. Heute hat sie das alleinige Sorgerecht. Doch ihr Kampf um ihren Sohn ist nicht vorbei. Ihr Mann habe das Umgangsrecht mit dem gemeinsamen Sohn beantragt und das zuständige Jugendamt in Hamburg habe seine Meinung über sie als Mutter nicht geändert, erzählt sie. Entschuldigt habe sich niemand bei ihr.

Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen

(1) Das Jugendamt ist berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn...

1. das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet oder
2. eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert und

a) die Personensorgeberechtigten nicht widersprechen oder
b) eine familiengerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann (...)

Quelle: § 42 SGB VIII

"Selbst, wenn das Gericht entschieden hat, dass es sachliche und fachliche Fehler vom zuständigen Jugendamt gab, gab es in keinem meiner Fälle eine Entschuldigung", sagt Hammer. "Das suggeriert: 'Im Jugendamt passieren keine Fehler.' Das ist ein Irrsinn, denn gerade in so einem schwierigen Job wie ihn pädagogische Fachkräfte haben, sind Fehler unvermeidlich." Für Hammer ist das von ihm festgehaltene Verhalten der Ämter auch ein Zeichen dafür, wie groß der Druck in den Jugendämtern sei, vor allem der Druck, auf keinen Fall nicht zu spät handeln zu dürfen.

Inobhutnahme mit Folgen

Für Hammer steht fest: Die betroffenen Kinder und Jugendliche sind bis heute traumatisiert. Aus der Akteneinsicht ergebe sich, dass sich bei 32 der untersuchten Fälle die Gesundheit sowie die schulischen Leistungen verschlechtert hätten, schreibt Hammer in seiner Fallstudie. Adipositas, aggressives Verhalten bis hin zu Selbstmorddrohungen seien die Folge.

Behörde sieht "Bringschuld" Soziologen

Die Vorwürfe gegen Mitarbeitende der Jugendämter, die Wolfgang Hammer in seiner nicht repräsentativen Fallstudie gebündelt hat, sind gravierend. Zuständig für die Hamburger Jugendämter ist die Sozialbehörde. Auf Nachfrage heißt dort, auf anonyme Fälle wie etwa den von Klara könne man nicht reagieren. Eine "fachlich tatsächlich belastbare" Bewertung sei nicht möglich. Die Hamburger Jugendämter "vertreten ihre fachliche Meinung in den jeweiligen Fällen gegenüber den Eltern und Beteiligten in Hilfeplanverfahren und erläutern diese auch in Gerichtsverfahren, jedoch sind diese nicht Gegenstand einer öffentlichen Debatte", teilt die Behörde mit. Da sei der Soziologe in der Pflicht, mehr Informationen zu liefern.

Hammer hält dagegen, erste Prämisse müsse sein, seine Quellen zu schützen. Druck möchte Hammer nun auf Bundesebene ausüben. Ein Treffen mit dem Mainzer Institut für Kinder- und Jugendhilfe, dem auch Hammers Fallstudie vorliegt, hat es bereits gegeben. Das Institut plant, einen Bericht beim Bundesfamilienministerium abzugeben.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 17.12.2019 | 19:30 Uhr

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