Ein Welpe leckt die Hand eines Menschen © imago images/ Cavan Images

"Lockdown-Hunde": Erst geliebt, dann ausgesetzt

Stand: 26.02.2021 18:08 Uhr

In der Corona-Pandemie schaffen sich viele Menschen Hunde an - um nicht allein zu sein. Doch viele kommen nicht mit ihren tierischen Begleitern klar und setzen sie wieder aus oder geben sie im Tierheim ab.

"Die Nachfrage nach Tieren ist unglaublich gestiegen. Wir haben den Eindruck, dass jeder jetzt ein Tier haben möchte. Die Leute müssen Abstand halten und können keine Freunde treffen - die Sehnsucht nach Nähe ist größer geworden", sagt Urte Inkmann, Tierärztliche Leiterin im Tierheim vom Hamburger Tierschutzverein von 1841 e.V..

VIDEO: Ein Hund komt ins Haus - und dann? (2 Min)

Auch die Zahlen sprechen für sich. Das Finanzamt in Hamburg verzeichnete im vergangenen Jahr 55.612 Hundehalter und Hundehalterinnen, die einen oder mehrere Hunde steuerlich gemeldet haben. Im Vorjahr waren es 52.420. Das Problem: Viele Ersthundebesitzer haben häufig keine Ahnung, was die Anschaffung eines Haustiers bedeutet. Davon kann auch Annette Engel, Hundetrainerin und Verhaltensberaterin, aus Hamburg berichten: "Die Anfragen nach Hundetraining sind enorm angestiegen. Viele Menschen haben sich im Vorfeld nicht überlegt, ob das neue Familienmitglied tatsächlich zum eigenen Leben passt - und dann kommt es schnell zu Problemen." Eine Anschaffung sei zudem auch mit Kosten verbunden, die bei Krankheit schnell in die Höhe schnellen können - auch das müsse man bedenken.

Ein Hund ist kein Stofftier

Ein Hund liegt mit einem Kuscheltier auf dem Boden. © NDR
Hunde kommunzieren mit uns. Jedoch muss man ihre Sprache verstehen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.

Die Hunde werden vor der Anschaffung idealisiert. "Wer sich zum ersten Mal einen Hund anschafft, bedenkt häufig nicht, dass Hunde Sozialpartner sind, die je nach Rasse und Persönlichkeit unterschiedliche Bedürfnisse haben. Hunde sind keine Stofftiere. Ein Jagdhund zum Beispiel, hat die genetische Veranlagung auf die Jagd zu gehen - oder ein Herdenschutzhund verteidigt auch mal gerne sein Revier. In der Mensch-Hund-Beziehung führen diese Veranlagungen dann zu Problemen, wenn kein Know-how vorhanden ist, damit umzugehen. Aber auch andere Hunde, häufig aus dem Tierschutz, bringen ihr Päckchen mit. Der Hund wird dann häufig zum Problemhund degradiert und muss weg."

Lockdown: Mehr Aussetzungen von Tieren

Dass sich mehr Menschen aufgrund von Corona in diesem Jahr ein Haustier angeschafft haben und diese wieder abgeben, davon zeugt auch die höhere Zahl an Aussetzungen, sagt Tierheimsprecher Sven Fraaß. 2020 wurden 1.530 mutmaßlich ausgesetzte Fundtiere nicht wieder abgeholt. Im Jahr zuvor waren es gut 270 weniger. "Da liegt die Vermutung schon nahe, dass es Tiere sind, die aus Corona-Langeweile und -Einsamkeit übers Internet gekauft - und dann ausgesetzt wurden, weil die Zeit plötzlich fehlte oder die Arbeit doch zu viel wurde, die Anschaffung also nicht durchdacht war", so Fraaß.

Problemhund durch Corona

Viele Tierheime befürchten auch jetzt wieder eine Rückgabe-Welle. "Die Situation in den Hundeschulen spitzt sich zu. In Schleswig-Holstein dürfen Hundeschulen noch immer nicht öffnen, auch kein Einzeltraining im Freien ist möglich. Die Hundehalter wissen bei Problemen nicht mehr wohin und falls möglich, weichen sie jetzt nach Hamburg aus. Es gibt mehr als genug zu tun, vor allem unerfahrene Hundehalter brauchen dringend Hilfe. Wenn da nicht bald etwas gelockert wird, wird es Abgaben und Einschläferungen hageln," befürchtet die Hundetrainerin. Auch die große Nachfrage nach Hunden führe dazu, dass der illegale Welpenhandel boome. Skrupellose Händlerbanden produzieren meist in Osteuropa Welpen unter schlimmsten Bedingungen. "Das Tierleid in diesen 'Zuchtfabriken' ist groß und die Welpen häufig sehr krank, wenn sie nach Deutschland kommen," berichtet Engel.

Zu junge, teils kranke Welpen werden illegal gehandelt

Weitere Informationen
Diverse Welpen in einem Kofferraum © picture alliance  / blickwinkel Foto: J.S. Peifer

Illegaler Welpenhandel: Das miese Geschäft mit jungen Hunden

Welpen aus illegalem Handel sind oft todkrank und unterernährt. Wie Verbraucher seriöse Angebote erkennen können. mehr

Urte Inkmann bestätigt das: "Der illegale Handel durch die Welpenmafia mit jungen Hunden hat stark zugenommen. Oft sind die Tiere sehr krank und sterben sogar. Und häufig werden sie viel zu früh - nach drei, vier Wochen - von der Mutter weggenommen, was zu Defiziten in der Sozialisation führen kann." In Hamburg wurde vor kurzem ein toter Hundewelpe im Schuhkarton entdeckt, ein weiterer starb, kurz nachdem er in einer Mülltonne gefunden wurde, viele weitere konnten rechtzeitig gerettet werden, so der Hamburger Tierschutzverein.

10.000 neue Tiere im Jahr 2020

Ob Geckos, Eichhörnchen, Fische, Katzen, Ponys, Schildkröten, Eulen oder Hunde - das Hamburger Tierheim hat 2020 Jahr rund 10.000 neue Tiere aufgenommen. Das sind rund 300 mehr als im Vorjahr, wie Tierheimsprecher Sven Fraaß sagte. Zu den "Klassikern" bei den abgegebenen Tieren gehören zudem Hunde (867 Tiere in 2020) und Katzen (1.402).

Weitere Informationen
Ein Welpe liegt auf einer Decke. © NDR Foto: D. Sprehe

Illegaler Welpenhandel: Wenn der Hundekauf zum Albtraum wird

Anne K. hat unwissentlich einen Welpen von einem illegalen Händler gekauft. Das Tier wurde beschlagnahmt und starb schnell. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 28.02.2021 | 14:20 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Laborsituation bei der Untersuchung von Coronamaterial. © picture alliance Foto: Daniel Bockwoldt

400 neue Corona-Fälle in Hamburg

Der Inzidenzwert in Hamburg sinkt seit einer Woche. Es liegen aber mehr Menschen auf Intensivstationen. mehr