Stand: 19.09.2019 11:09 Uhr

Klimastreik: Was haben die Proteste bewirkt?

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Anita Engels ist Professorin für Soziologie an der Uni Hamburg. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Globalisierungs-, Umwelt- und Gesellschaftsthemen.

Seit etwa einem Jahr gibt es die "Fridays for Future"-Bewegung: Überwiegend junge Menschen protestieren für mehr Klimaschutz. Am Freitag findet der dritte globale Klimastreik statt und die Bundesregierung will ihr Klimaschutzpaket beschließen. Weltweit gehen Menschen auf die Straße, um unter anderem die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu fordern. Hat die "Fridays for Future"-Bewegung schon gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht? Und welche Auswirkungen zeigen die Proteste auf politisches Handeln? Fragen an die Hamburger Soziologin Anita Engels.

Frau Engels, was haben die "Fridays for Future"-Proteste bewirkt?

Anita Engels: In diesem Jahr wurde das Thema Klimawandel zum ersten Mal zentral auf die politische Agenda gesetzt. Das liegt daran, dass sehr große Gruppen immer wieder auf die Straße gegangen sind und sich vernetzt haben. So ist für die Politik sichtbar geworden, dass der Klimaschutz ein gesellschaftlich breites Thema geworden ist. Die Europawahl hat gezeigt, dass er für eine große Zahl an Menschen sogar wahlentscheidend ist - das ist eine neue Qualität.

Debatten um Plastikmüll sind in vollem Gange. Scheinbar hat ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel stattgefunden. Für wie tiefgreifend halten Sie ihn?

Engels: Ich bin skeptisch, ob der Plastikmüll-Bewusstseinswandel in die Tiefe geht. Es ist zu beobachten, dass sich viele Menschen an kleinen Themen festhalten und versuchen, im Alltag etwas Nachhaltiges zu tun, wie zum Beispiel beim Einkaufen auf Plastik zu verzichten. Das ist oft Augenwischerei: Flugreisen, wie ich mich durch die Stadt bewege oder was ich konsumiere - das überwiegt oft den Verzicht auf Plastik. In dem Moment, wo es um harte politische Entscheidungen geht, zum Beispiel "Wie reduzieren wir europäische Billigflüge?", da verschwindet die Oberflächenzustimmung sehr schnell - auch wenn es abstrakt viele Menschen gibt, die für mehr Klimaschutz sind. Wenn man ernsthaft Klimaschutz betreiben will, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, um breite Bevölkerungsschichten daran zu beteiligen. Sodass Menschen zum Beispiel für das eigene Dorf etwas Positives daraus ziehen können.

Welche Auswirkungen haben die Proteste auf politisches Handeln?

Engels: Das Ausmaß der Proteste hat dazu geführt, dass ein Klimakabinett eingerichtet wurde und man am Freitag um ein ganz neues Paket ringen wird. Wie auch immer das ausfallen wird - es wird auf jeden Fall einen deutlichen Schritt weiter sein als das, was man sich bisher getraut hat. Das halte ich für einen sehr großen Erfolg.

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Sehen Sie Anzeichen dafür, dass die "Friday for Futures"-Bewegung von Dauer sein wird oder handelt es sich um ein temporäres Phänomen?

Engels: Das ist sehr schwer vorherzusehen. Es erfordert viel Energie, den Protest immer wieder aufrecht zu erhalten. Die Organisatorinnen und Organisatoren haben auch andere Sachen zu tun und stehen unter großem Druck. Die Demos immer wieder anzumelden und zu organisieren, kostet Zeit und Geld und ist auf Dauer sehr anstrengend. Andererseits gibt es eine ganz große Motivation dadurch, dass es zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen folgen sich über soziale Kanäle und unterstützen sich gegenseitig - das spornt an.

Der Ausgang der Proteste liegt in der Schülerschaft. Hat "Fridays for Future" eine ganze Generation von Jugendlichen politisiert, die vorher als unpolitisch galt?

Engels: Ich weiß nicht, ob die Generation vorher unpolitisch war. Aber jetzt hat sie definitiv Wege kennengelernt, politischen Protest zu organisieren. Das wird die Generation ganz sicher prägen. Auch zu merken, dass sich nicht so viel tut, obwohl sie präsent sind und es um ein Überlebensthema geht, ist eine wichtige Erfahrung. Die Beteiligten können bald alle wählen. Das wird sehr spannend bei der nächsten Bundestagswahl.

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Freitag findet der dritte globale Klimastreik statt. Welchen Effekt kann diese Form des internationalen Protests haben? 

Engels: International gibt es schwierige Fälle, wie zum Beispiel Brasilien. Es ist dramatisch, was die jetzige Regierung in wenigen Monaten an Errungenschaften zerstört hat, das ist ein beängstigendes Tempo. Wenn in Brasilien eine starke Jugendbewegung den Eindruck hat, dass sie globalen Rückenwind hat, dann kann das einen Effekt haben. Generell ist der direkte Effekt aber eher in nationalen Räumen zu erwarten. Es gibt eben keine Weltregierung, an die man den Druck gezielt richten könnte.

Das Interview führte Vivien Winzer, NDR.de.

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NDR//Aktuell | 19.09.2019 | 14:00 Uhr

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