Stand: 16.07.2019 16:10 Uhr

Asylrecht für Klima-Flüchtlinge ist kaum machbar

Wer in seiner Heimat aus ethnischen, politischen oder religiösen Gründen verfolgt wird, genießt das Recht auf Asyl. Aber wie ist eigentlich, wenn einem womöglich ganz wortwörtlich in der Heimat das Wasser schon bis zum Hals steht? Die deutsche Kapitänin des Flüchtlingsschiffes "Sea-Watch 3", Carola Rackete, hat eine Diskussion über ein Asylrecht auch für Klimaflüchtlinge angeschoben.

Ein Kommentar von Jim-Bob Nickschas, ARD-Hauptstadtstudio

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Ob es zu unkontrollierbaren Massenwanderungen wegen des Klimawandels kommt, haben auch wir in der Hand, meint Jim-Bob Nickschas.

Warum eigentlich nicht? Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, bei der Frage, ob der Klimawandel nicht auch ein Asylgrund sein sollte. Schließlich ist er vom Menschen gemacht - und er bedroht Millionen weltweit. Schon jetzt häufen sich Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Wirbelstürme oder extreme Dürre-Perioden. Und die Prognosen von Klima-Experten sagen für die Zukunft nichts Gutes voraus, sollten die großen Industriestaaten ihren CO2-Ausstoß nicht langsam in den Begriff bekommen. Ganze Landstriche könnten unbewohnbar, kleinere Inseln vom steigenden Meeresspiegel geradezu verschluckt werden.

Der Klimawandel könnte zum Hauptfluchtgrund werden, das hat der damalige Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, António Guterres, schon vor zehn Jahren auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen gesagt. Denn der Klimawandel verstärkt den Wettstreit um die Ressourcen auf unserem Planeten, wie Wasser, Nahrungsmittel oder Weideland für Nutztiere.

Moralisch gesehen hat Rackete recht

Hat die Seawatch-Kapitänin Carola Rackete nicht also recht, wenn sie sagt, wir hätten keine Wahl mehr und müssten auch Klima-Flüchtlinge aufnehmen?

Moralisch gesehen ja. Aber praktisch könnte es schwierig werden, denn ein weltweites Asylrecht würde sehr viel mehr bedeuten, als dass zum Beispiel Bewohner einer bedrohten Pazifikinsel im nächstgrößeren Land Zuflucht finden - sondern sie könnten ihren Asyl-Anspruch theoretisch überall geltend machen.

Auswirkungen sind sehr unterschiedlich

Praktisch schwierig würde es außerdem, weil die Auswirkungen des Klimawandels regional sehr unterschiedlich und bei der Asylfrage schwer gegeneinander abzugrenzen sind. Wer will auf welcher Grundlage entscheiden, was genau ein klima-bedingter Asylgrund ist und was nicht? Muss ein Landstrich wegen einer starken Dürre-Periode schon komplett unbewohnbar sein? Oder haben nicht auch diejenigen Anspruch auf Asyl, die schon vorher unter dem Mangel an Nahrungsmitteln leiden? Ab welcher Häufung von Naturkatastrophen greift eine mögliche Klima-Asyl-Regelung?

Die müsste ohnehin noch geschaffen werden, denn weder das deutsche Asylrecht noch die Genfer Flüchtlingskonvention sehen die Folgen des Klimawandels bisher als Fluchtgrund.

Frühe und würdevolle Umsiedelungen

Nein, ein allgemeines Asylrecht für Klima-Flüchtlinge wird sich in der Realität schwer umsetzen lassen. Stattdessen sollten die Hauptverursacher des Klimawandels dafür sorgen, dass sie das Ruder endlich herumreißen - und den Menschen, die schon jetzt die Auswirkungen am stärksten zu spüren bekommen, vor Ort helfen.

Und wenn das nicht mehr möglich ist - weil es einige Inseln zum Beispiel irgendwann nicht mehr geben wird -, dann sollten die Bewohner die Möglichkeit bekommen, frühzeitig und in Würde umzusiedeln. Ob sie diese Chance auch kriegen oder ob es schon bald zu unkontrollierbaren Massenwanderungen wegen des Klimawandels kommt, das haben auch wir hier in der Hand.

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NDR Info | Kommentar | 16.07.2019 | 17:08 Uhr

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