Cover der CD "The Art of Life" von Daniil Trifonov © Deutsche Grammophon

Zauberhaft: Daniil Trifonovs CD "Bach: The Art of Life"

Stand: 17.10.2021 06:00 Uhr

Wie romantisch darf Bach gespielt werden? Daniil Trifonov lässt diese Frage mit phänomenalen pianistischen Mitteln und einer konsequent eigenen Deutung überflüssig werden.

von Philipp Cavert

Der Bach'sche Kosmos mit seinen spärlichen Vortragsanweisungen, er dient Daniil Trifonov als gigantische Spielwiese: Trifonov stellt Die Kunst der Fuge ins Zentrum seines neuen Doppelalbums: "Insgesamt betrachtet, habe ich in meinem bisherigen Pianistenleben mehr Zeit mit Bach als mit Rachmaninov verbracht - nur eben nicht in meinen Konzerten! Die Kunst der Fuge zu lernen, dafür habe ich ein Jahr gebraucht. Und dann nochmal eines, um sie aufzuführen. Es verändert dich nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch."

Für Bach dürfte Musik ein Versuch gewesen sein, die geheimnisvolle Ordnung der Natur zu erklären und zu preisen. Komplexe Bezüge in einem Stimmengeflecht waren seine Mittel, um die Welt besser zu verstehen.

Bach bei Trifonov im Kreise seiner Familie verankert

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Diverse CD-Cover © NDR Online Foto: Christiane Irrgang

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Für Daniil Trifonov ist die Kunst der Fuge mehr als ein abstraktes Werk. Er ist überzeugt: Bach schrieb diese Musik, damit sie gehört wird. Radikal subjektiv begreift Trifonov Klang und Struktur als ebenbürtig und gestattet der Musik, nahbar zu wirken. Er nennt sein Album nicht Kunst der Fuge, sondern "The Art of Life" - Die Kunst des Lebens.

Auf diesem Album ist Bach im Kreise seiner großen Familie verankert. Neben einer Auswahl aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena kommen einige der Söhne musikalisch zu Wort: Johann Christian hatte großen Einfluss auf Mozart; die Musiksprache von Carl Philipp Emanuel führt in die Welt Beethovens und Wilhelm Friedemann ist in seiner fragilen Gefühlswelt ein Wegbereiter Chopins. Diese Herangehensweise ist raffiniert. Denn als Familienmensch scheint Vater Bach greifbarer - mit Sinn für Humor, er kannte aber auch Melancholie, Stolz und Verlust.

Das Spiel ist delikat, der Pedalgebrauch raffiniert

Die Kunst der Fuge beginnt Trifonov im pianistischen Bußgewand. Vorangestellt hat er Brahms´ Klavierbearbeitung der berühmten Chaconne für die linke Hand. Klangsinnlich und facettenreich folgt der Zyklus der vierzehn Fugen und vier Kanons. Bachs letzte, unvollendete Fuge hat Trifonov kunstfertig zu Ende komponiert.

Das Spiel ist delikat, der Pedalgebrauch raffiniert. Selten geht der romantische Ansatz auf Kosten der Klarheit. Kontrapunkt und harmonische Entwicklung bleiben nachvollziehbar. Den Epilog schließlich bildet der Choral "Jesus bleibet meine Freude". Trifonovs Synthese von musikalischer Aussagekraft und Gestaltungsmitteln lässt abermals aufhorchen. Man kann es kaum besser zusammenfassen, als es Alan Gilbert, der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters vor wenigen Wochen getan hat: "Er ist ein Wunder! Ich kann (es) nicht erklären, aber was unglaublich ist, ist dieser Esprit, dieses Charisma, es gibt irgendetwas. Magic - zauberhaft."

 

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Bach: The Art of Life

Label:
Deutsche Grammophon
Veröffentlichungsdatum:
08.10.2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 18.10.2021 | 14:20 Uhr

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