Stand: 02.09.2018 10:51 Uhr

Bunter Start in die Elbphilharmonie-Saison

von Daniel Kaiser

Mit Jubel und stehenden Ovationen ist das NDR Elbphilharmonie Orchester in die neue Saison gestartet. Die Musiker unter der Leitung des Ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbański spielten in der Opening Night Werke von Maurice Ravel und Guillaume Connesson. Bei Ravels weltberühmtem "Bolero" setzte sich Urbański überraschend ins Publikum und ließ das Orchester allein spielen.

Bild vergrößern
Krzysztof Urbański verließ beim "Bolero" überraschend sein Dirigentenpult und setzte sich ins Publikum.

Selten ist in Hamburg ein Tag idyllischer angebrochen: Vögel zwitschern, Insekten summen, Bäche rauschen und die Sonne geht strahlend auf. Ravel hat in "Daphnis et Chloé" das Wiedersehen des Hirtenpaares in harmonischste Klänge gegossen. Krzysztof Urbański hat eine Flöte auf den Rang im Zuschauerraum gestellt. Von dort trillert sie, als sei sie ein Spatz auf einem Baum - Morgenstimmung in Dolby Surround! Tatsächlich ist dieser Ravel vor allem für die hervorragend intonierten Flöten (ergreifend: Wolfgang Ritters Solo) ein Traumprogramm. Der farbigen Lichteffekte im zunächst fast dunklen Saal hätte es dann aber nicht mehr bedurft. Die Musik ist allein hundertmal bunter als ein paar gedimmte rote Lampen.

Traumreise mit satten Orchesterfarben

Bertrand Chamayou hat den Jazz in Ravels Klavierkonzert gefunden. Die Blue Notes sind ein Mitbringsel des Komponisten von einer Amerika-Reise. Chamayou spielt das anspruchsvolle Werk mit einer beglückenden Leichtigkeit und enormen Präzision, verlässt nach der Zugabe (Ravels Pavane für eine tote Prinzessin) die Bühne dann federnden Schrittes, als würde er zwei solcher Konzerte schon vor dem Frühstück geben.

Guillaume Connessons "Les cités de Lovecraft" bringt einen anderen Sound in die Opening Night, wobei das im Programmheft vermerkte Geburtsjahr (1970) des Komponisten manchen im Pausengespräch auf eine falsche Fährte hinsichtlich der Verdaulichkeit der zu erwartenden Klänge geführt hat. Diese Reise in die fantastischen Städte aus der Literatur des fantastischen Horrorliteratur Howard Philipps Lovecraft (1890-1937) besteht nämlich aus zeitgenössischen, aber leicht zugänglichen Klängen, mit satten Orchesterfarben und schmissigen Effekten. 

Bolero ohne Dirigent

Bevor die Trommel leise zum weltberühmten "Bolero"-Rhythmus ansetzt, um ihn genau 169 Mal zu wiederholen, verlässt Krzysztof Urbański plötzlich die Bühne. Der Dirigent setzt sich ins Publikum und lässt das Orchester allein spielen. Tatsächlich ist dieser Special Effect eine Überraschung. Einige Musikerinnen und Musiker sind nicht eingeweiht. Die Trommel (Thomas Schwarz) ist mitten im Orchester postiert und beginnt zunächst kaum hörbar. Die Melodie wandert gemessenen Schrittes durchs Orchester und wächst von Einsatz zu Einsatz. Geiger halten und zupfen ihre Instrumente wie Ukulelen.

Videos
04:26
NDR Elbphilharmonie Orchester

Urbański über Schostakowitschs 5.

NDR Elbphilharmonie Orchester

Dmitrij Schostakowitschs 5. Sinfonie entstand unter der Beobachtung des sowjetischen Regimes. Ein Spagat zwischen künstlerischer Freiheit und politischer Ideologie, so Krzysztof Urbański. Video (04:26 min)

Im Publikum sieht man Zuschauer mit den Fingern den Rhythmus auf den Oberschenkeln mittrommeln - oder zumindest Variationen davon, denn es ist wirklich nicht ganz einfach. Der "Bolero" funktioniert auch ohne Dirigent. Beim anschließenden Empfang im Elbphilharmonie-Foyer witzelt Urbański, er sehe hier Einsparungsmöglichkeiten für den NDR, worauf Intendant Lutz Marmor lachend erwidert, genau das habe ihm der Kultursenator Carsten Brosda (SPD) gerade auch schon geraten.

Flirt mit den Geigen

Zur Zugabe wiederholt Urbański das "Bolero"-Finale noch einmal und bleibt diesmal auf der Bühne. Es klingt nun noch intensiver, was vielleicht auch an seinem besonders ästhetischen, ja, tänzerischen Dirigat liegen mag, das die Musik für den Zuschauer noch einmal fast choreografiert: Urbański zeichnet mit seinem Stock große Melodiebögen mit, flirtet mimisch mit den ersten Geigen oder löst mit aufspringenden Fäusten Klangexplosionen in den Hörnern aus. Das war ein besonders sinnlicher Auftakt der neuen Saison des spielfreudigen und lustvoll musizierenden NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Auch der Nachwuchs begeistert

Bereits am Sonnabendnachmittag war das Kammerorchester Hamburger Camerata mit einem besonderen Programm im kleinen Saal der Elbphilharmonie in die neue Saison gestartet. In der Reihe "Jungs und Deerns" musizierten junge Hamburger Virtuosen. Der 15-jährige Malte Henrik Gohr wirkt, als er die Bühne mit der Hand in der Hosentasche betritt, noch etwas unbeholfen und verbeugt sich mit genau gelernter Bewegung. Doch als er am Klavier sitzt und zum eruptiven Beginn des Klavierkonzerts von Robert Schumann ansetzt, ist er sofort in seinem Element. So virtuos und souverän steuert er durch das Stück, dass einige Zuschauer noch mal im Programmheft nachschlagen müssen und sich nickend zuflüstern: "Ja, erst 15!"

Die 19-jährige Cellistin Anna Olivia Amaya Farias präsentierte eine besonders intensive Version von Tschaikowskys Rokoko-Variationen für Cello und Orchester. Für beide Musiker und den Dirigenten Jaan Ots, der mit seinen 20 Jahren an diesem Nachmittag schon fast ein alter Hase ist, gibt es am Ende völlig verdienten, langen, lautstarken Applaus.  

Weitere Informationen

Funken sprühende Saisoneröffnung mit Gardiner

Zum Saisonauftakt der Elbphilharmonie-Konzerte ließ Weltstar Sir John Eliot Gardiner im Hamburg zur Musik von Berlioz die Funken fliegen. Mit dabei: Mezzosopranistin Joyce DiDonato. mehr

"Aus tiefstem Herzen"

"Ein großer Teil meines Herzens ist polnisch", so der Erste Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters Krzysztof Urbański. Im Interview spricht er über seine kulturell reiche Heimat. (31.08.2018) mehr

NDR Elbphilharmonie Orchester

Erster Gastdirigent: Krzysztof Urbański

NDR Elbphilharmonie Orchester

Krzysztof Urbański ist seit der Saison 2015/2016 Erster Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Mit seinen dynamischen Auftritten begeistert er Musiker und Publikum gleichermaßen. (31.08.2018) mehr

NDR Elbphilharmonie Orchester

NDR Elbphilharmonie Orchester

NDR Elbphilharmonie Orchester

Das Flaggschiff der NDR Ensembles ist das Residenzorchester der Elbphilharmonie Hamburg. Festivalauftritte und Konzertreisen führen es auf die weiteren großen Bühnen der Welt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 02.09.2018 | 11:00 Uhr

NDR Elbphilharmonie Orchester

Biografie

NDR Elbphilharmonie Orchester

Vom NWDR Orchester der Nachkriegszeit zum Hausorchester der Elbphilharmonie: Die Geschichte des NDR Elbphilharmonie Orchesters ist reich an markanten Episoden. mehr

Mehr Kultur

04:36
Kulturjournal
05:08
Kulturjournal