Stand: 07.04.2020 09:17 Uhr

Lichtblick: Die NDR Radiophilharmonie ruft an

von Miriam Stolzenwald

Viele Menschen arbeiten momentan im Homeoffice oder im etwas eingeschränkten Betrieb. Und manche können gar nicht arbeiten - so auch die Orchestermusikerinnen und -musiker der NDR Radiophilharmonie. Aus der Not heraus ist deshalb eine Idee entstanden, mit der sie die Abonnentinnen und Abonnenten überrascht haben.

Catherine Myerscough, Violine © Jörg Kyas Foto: Jörg Kyas
Zur NDR Radiophilharmonie kam Catherine Myerscough aus Leipzig, wo sie ihr Meisterschülerstudium an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" abgeschlossen hatte.

Stellen Sie sich vor, es klingelt das Telefon und ein berühmter Musiker aus einem Orchester ruft an, um mit Ihnen zu plaudern. So geschehen für die Abonnenten der NDR Radiophilharmonie. Die Orchestermitglieder dürfen sich nicht treffen, nicht proben und schon gar nicht konzertieren. Die Aktivitäten auf der Website des Orchesters erreichen womöglich nicht alle Konzertbesucher, gerade die älteren Zielgruppen nicht. Deshalb haben die Musikerinnen und Musiker Anfang April angefangen, alle Abonnenten einzeln anzurufen. Die Geigerin Catherine Myerscough ist auf sehr offene Ohren gestoßen.

Neben der Frage, wie es den Abonnenten in diesen besonderen Zeiten geht, konnte sie noch ein anderes Anliegen klären: "Es war für mich persönlich sehr wichtig zu berichten, dass unsere Bühne im Großen Sendesaal neu renoviert wird und dass das leider auch ein bisschen länger dauern musste. Und dann natürlich Corona - das war für unsere Abonnenten in dieser Saison ein bisschen viel, was abgesagt wurde. Das wollte ich persönlich erklären."

Positive Reaktionen auf die Telefonaktion

Fast alle Orchestermitglieder haben sich an der Aktion beteiligt und lange Listen abtelefoniert. Angelika Kitte ist schon über sechs Jahre Abonnentin der NDR Radiophilharmonie. Für sie war der Anruf eine große Überraschung: "Also mir läuft gerade eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich daran denke. Ich habe mit dem Namen zunächst erstmal gar nichts anfangen können, gebe ich zu. Aber es war jemand, der sich so nett auf ein Gespräch eingelassen hat, über persönliche Fragen, wie es einem selbst und wie es den Eltern geht. Zehn Minuten haben wir bestimmt miteinander geklönt. Als ich aufgelegt habe, habe ich zu meinem Mann gesagt: Das ist sehr, sehr schön gewesen und kommt in mein Glückstagebuch."

Die NDR Radiophilharmonie hat über 2.000 Abonnenten. Eine solche Telefonaktion gab es bisher noch nie. Die Reaktionen sind, bis auf wenige Ausnahmen, sehr positiv. Catherine Myerscough hatte zufällig einen Abonnenten auf ihrer Telefonliste, der vor 20 Jahren selbst beim NDR gearbeitet hat: "Ich kannte ihn gar nicht von damals, weil ich erst seit drei Jahren im Orchester bin. Das war unser erstes privates Gespräch und das war so schön, dass wir einfach über diese Zeiten reden konnten. Und, dass er natürlich auch manche Kollegen von mir gut kennt. Auch für ihn war das eine Freude, einfach mit einer von der jungen Generation zu reden, weil er meinte, dass er oft im Konzert das Orchester anschaut und kaum die Gesichter mehr von seiner Zeit kennt. Das war ein schönes Erlebnis für mich und ich glaube auch für ihn."

Ein Zusammengehörigkeitsgefühl durch persönliche Kontakte

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Die Geigerin vermisst nicht nur das Spielen, sondern auch das Publikum. Bei den Abonnenten anzurufen, sagt sie, sei eine gute Gelegenheit, persönliche Kontakte zu den Konzertbesucherinnen herzustellen und sich näher kennenzulernen: "Ich persönlich hoffe, dass ich einigen irgendwie helfen konnte mit dieser Einsamkeit. Einfach dieser persönliche Kontakt zwischen Abonnenten und Musikern ist sehr, sehr wichtig. Die meisten haben sich so gefreut, dass die mit uns reden konnten, mal fragen konnten wo ich herkomme und warum ich in Hannover gelandet bin und solche Sachen. Und das können die uns normalerweise nach einem Konzert nicht so persönlich fragen."

Das, was die britische Geigerin sagt, bestätigt auch der Orchestermanager Matthias Ilkenhans und wünscht sich für die Zukunft: "Ein Gemeinschaftsgefühl, also dieses Zusammengehörigkeitsgefühl. Dass diese Barriere zwischen Bühne und Zuschauerraum kleiner wird. Und die Musiker und Musikerinnen sagen schon, wenn wir jetzt das erste Konzert spielen, wird sie einigen im Publikum zuwinken, weil die sich einfach so ein bisschen kennengelernt haben. Das finde ich wirklich toll."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 07.04.2020 | 17:20 Uhr

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